Kein Sex ist auch keine Lösung

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Da läuft nix: Antidepressiva können die Sexlust verringern. Foto: Getty Images

«Es ist wie ein schlechter Witz», sagt Janine Vogt (Name geändert). Die 43-jährige Buchhändlerin aus Lenzburg nimmt seit gut einem Jahr ein Antidepressivum. Der Grund dafür? Nach der Scheidung und einer nachfolgenden Depression, die zum Jobverlust führte, war Vogt «in ein tiefes Loch» gefallen. «Zuerst wehrte ich mich gegen ein Antidepressivum und suchte Alternativen: pflanzliche Präparate, Meditation, eine Ernährungsumstellung. Aber nichts half.» Es habe damals Tage und vor allem schlaflose Nächte gegeben, in denen sie am liebsten gestorben wäre, beschreibt sie im Rückblick die schwierige Zeit. Schliesslich gab sie ihren Widerstand auf und liess sich vom Hausarzt einen Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) verschreiben. «Zwei Wochen nachdem ich dieses Antidepressivum genommen hatte, lichtete sich der Nebel um mich herum.»

Heute geht es Janine Vogt viel besser. Sie hat einen neuen Job und arbeitet drei Tage in der Woche in einer Buchhandlung. Sie hat wieder begonnen, Salsa zu tanzen – ihre grosse Leidenschaft –, und sie ist frisch verliebt. Und jetzt kommt der Witz: «Ich bin wieder fröhlicher und habe zu meiner alten Lebenslust zurückgefunden», sagt sie, «aber ich habe null Lust auf Sex, dabei war der immer sehr erfüllend für mich.» Wenn sie mit ihrem neuen Freund schlafe, den sie als «sehr attraktiv» beschreibt, empfindet sie dies zwar als «angenehm», aber sie habe «keinerlei Lustgefühle», sagt Vogt und lacht dabei etwas verlegen.

Warum verzichtet sie denn nicht auf das Antidepressivum? «Bis vor kurzem hatte ich Angst, dadurch in alte Gefühlsmuster zurückzufallen.» Als sie ihren Hausarzt auf die fehlende Lust angesprochen habe, habe dieser nur gemeint, es sei bekannt, dass SSRI diese Nebenwirkungen haben können und jede gute Sache ihre Kehrseite habe. Mit dieser Antwort will Janine Vogt allerdings nicht leben: «Ich bin eine 43-jährige Frau und habe keine Lust, wie eine Nonne zu leben.»

Wie viele Schweizerinnen und Schweizer, die SSRI einnehmen und unter diesen Nebenwirkungen leiden, ist nicht bekannt – darüber existieren keine Zahlen. Aber in einem Land, in dem jeder Fünfte einmal an einer Depression oder einer Angsterkrankung leidet, wird die Zahl hoch sein. In den letzten Jahren wird glücklicherweise offener über Depressionen und Antidepressiva gesprochen; Nebenwirkungen bei deren Einnahme, wie die damit verbundene Lustlosigkeit, werden jedoch selten thematisiert. Warum eigentlich?

«Viele Patienten haben Hemmungen, über dieses Thema zu sprechen», sagt Joe Hättenschwiler, Chefarzt des Zentrums für Angst- und Depressionsbehandlung Zürich (ZADZ). Die amerikanische Arzneimittelbehörde FDA verlangt für die Nennung von Nebenwirkungen, dass der Patient sie von sich aus anspricht. Aber bei sexuellen Funktionsstörungen trauen sich das anscheinend nur knapp 10 Prozent der Patienten. Das sexuelle Problem gilt daher als nicht besonders ernst zu nehmend.

Die wohl bekanntesten Untersuchungen zu sexuellen Funktionsstörungen stammen von Angel Luis Montejo González von der Universität Salamanca. In der ersten Studie konstatierte er, dass Frauen viel schwerwiegender und häufiger unter sexuellen Funktionsstörungen leiden als Männer. Später berichtete er, dass von 1400 mit Antidepressiva behandelten Patienten 60 Prozent auf Fragebögen über sexuelle Funktionsstörungen berichteten. Im persönlichen Gespräch sollen sogar 80 Prozent eine Störung bejaht haben.

Diese Zahl möchte Hättenschwiler nicht unterschreiben, gebe es doch «viele Patienten, bei denen die Sexualität mit einem Antidepressivum wieder lebbar wird». Wichtig sei allerdings das offene Gespräch mit dem Arzt. «Scham ist an dieser Stelle fehl am Platz», sagt der Psychiater. «Ausserdem gibt es auch Präparate, von denen man weiss, dass sie geringere Nebenwirkungen bezüglich Sexunlust haben.»

Janine Vogt will jetzt eine andere Möglichkeit ausprobieren. Nachdem ihr jetziger Arzt nicht auf ihre Sorgen eingegangen ist, möchte sie einen Spezialisten suchen und in Absprache mit diesem die Dosis ihres Medikaments verringern. Ihr Ziel ist es, in möglichst naher Zukunft ohne ein Antidepressivum zu leben. «Ich hoffe, dass nach dem Absetzen des Medikaments die Depression nicht zurückkommt. Ich schaue voller Hoffnung in die Zukunft.»

 

 

32 Kommentare zu «Kein Sex ist auch keine Lösung»

  • Kai Wallander sagt:

    Ich würde statt des SSRI auf ein Cannabispräparat umstellen (Dronabinol, Sativex), das hochwirksam, aber ohne die beschriebenen Nebenwirkungen ist.

  • Irene feldmann sagt:

    Interessant….anhand von diesem Text verstehe ich das Medikamente wohl den Kopf richten doch das der Körper dafür einen Preis bezahlt. Ich sehe den Menschen als eine komplette Einheit, Seele und Körper und deshalb scheint es mir unmöglich eines vom andern zu trennen, d.h. Oft sind mentale Probleme ein Zeichen das ein Riesen Wurm darin sich befindet und demzufolge muss dieser geortet und entfernt werden. Auf deutsch: depressives Verhalten erfordert Distanz im ersten, Erforschung des Problems im zweiten und Mut zur der dann folgenden Veränderung. Chemie oder Medis sollten kleinteilchen der Heilung und Veränderung sein und nicht die neue Art des Lebens. Sexualität als körperlicher Ausdruck kann nur in einem gesunden-vitalen Kopf passieren, wo vielleicht auch werte wie:

    • Irene feldmann sagt:

      Vertrauen, Zufriedenheit, Neugierde, Lebenslust etc. pulsieren. Wer nur teile von sich wahrnimmt und sich nicht als gesamtes in Balance bringt, sollte nicht erwarten, die Völle des Lebens zu erleben.

  • Bruno Müller sagt:

    Es gibt AD ohne diese Nebenwirkung: Stablon.

  • Jacques sagt:

    Auch ich (männlich) habe Erfahrung mit diesen Medikamenten. Sex funktioniert zwar noch, aber der Höhepunkt ist derart gedämpft, dass man kaum mehr was spürt. Extrem enttäuschend. Auf Dauer konnte ich das einfach nicht akzeptieren und habe nur darum wieder aufgehört, das Zeug zu nehmen. Vielleicht ist diese Nebenwirkung von daher ja sogar ein Vorteil – man nimmt die Medis nämlich dann nur vorübergehend. Nach einer gewissen Zeit kommt die Depression auch ohne Medis nicht mehr zurück, jedenfalls bei mir war das so.

  • Deborah Meyer sagt:

    Ich habe auch meine Erfahrungen gemacht mit durch Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer ausgelöste Frigidität. Auch wenn es mühsam ist, weil man immer wieder mit neuen Nebenwirkungen rechnen muss, lohnt es sich, verschiedene Präparate derselben Kategorie auszuprobieren. Gerade in den letzten zehn Jahren sind einige Fortschritte erzielt worden in der Pharma-Industrie, und insbesondere die Lustlosigkeit von Frauen wurde endlich als ernstzunehmende Nebenwirkung anerkannt, sprich: es heisst nicht mehr einfach „ist ja klar, dass Sie keine Lust haben – das gehört zur Depression“. Ich bin sehr froh, mittlerweile ein SSRI gefunden zu haben, welches meine Lust in keiner Weise beeinträchtigt (und meine Depression in Schranken hält)! Also: nicht aufgeben!

  • Hanspeter Niederer sagt:

    «Zuerst wehrte ich mich gegen ein Antidepressivum und suchte Alternativen: pflanzliche Präparate, Meditation, eine Ernährungsumstellung. Aber nichts half.» Psychotherapie schien demnach nicht infrage zu kommen? Warum nicht? Angst vor Ehrlichkeit sich selbst und andern Menschen gegenüber? Hier wäre mein Therapie-Ansatz als Gesprächspartner. Im Klartext: Depression ist eine Folge und das Symptom einer gestörten Beziehung zu sich selbst und zum menschlichen Umfeld. Die Wirkung von Antidepressiva beruht auf der Dämpfung von Gefühlen. Sex hat dummerweise mit Gefühlen zu tun ….

  • Pedro sagt:

    Das Beste ist, dass die sexuellen Funktionsstörungen durch SSRI in manchen Fällen über das Absetzen hinaus bestehen bleiben. Das Problem ist bekannt und nennt sich PSSD (Post-SSRI Sexual Dysfunction).

  • Matthias Meier sagt:

    Dann würde ich ja noch mehr depressiv werden wenn ich keinen Sex mehr haben könnte… Wiegen das dann die Happypillen wieder auf?

    • Moi sagt:

      Sie kennen sich mit der Thematik nicht aus, habe ich recht? Sonst würden Sie nicht so unqualifizierte Aussagen machen. Happypills…

  • Nachname Vorname sagt:

    Ich habe genau dasselbe Problem (allerdings bin ich ein Mann).

    Ich nehme seit ca 3 Jahren Antidepressiva und bin mehr oder weniger Impotent. Ich hatte vor drei Jahren eine Erschöpfungsdepression. Lust hätte ich schon, aber mein Körper weigert sich da mitzumachen.

    Ich habe dann ebenfalls die Dosierung verringert und bin dann einfach wieder Depressiv geworden.

    Ich bin absolut ratlos.

    • Marcel sagt:

      Ich war im selben „Fahrwasser“ und habe mich erfolgreicht selber therapiert:
      – 4-5 mal pro Woche Ausdauersport machen (ca. 700-1000kcal pro Tag)
      – aufhören zu rauchen / zu kiffen / zu trinken
      – Freizeit aufregen gestallten (mit Muse koche, spannende Bücher lesen, Hobbies verwirklichen etc.)
      – Vitamin D Spiegel messen lassen und ganzjährig auf „normalen“ Level erhöhen / behalten.
      – L-arginin und Traubenkernmehl für die Druchblutung.
      – Cordyseps für die Lust
      – Bierhefe für den Vitamin B Komplex / Spurenelemente / Mineralinen
      – Magnesium supplementieren
      – Ausgewogene Ernährung mit viel Brokkoli / Blumenkohl / Rosenkohl.
      – weniger Kohlenhydrate
      – in die Natur raus
      die Liste ist bei weitem nicht abschliessend. Das Ergebnis ist, dass ich mich sexuel wieder wie 18 fühle 😉

  • Aphrodite sagt:

    Manchmal braucht es Psychotherapie UND ein Antidpressivum (zB bei einem Burnout). Als vorübergehende Lösung. Aber diese Lösung kann Jahre dauern. So gesehen ist es gar nicht lustig, wenn die Lust weg geht. Sex macht Freude, kann Erfüllung bringen und Nähe und somit mehr Lebensqualität. Darauf verzichten? Oder eine Alternative zu SSRI suchen?

  • T. Imfeld sagt:

    Sexuelle Unlust, ist nicht nur ein Frauenproblem, bei Antidepressiva. Wer solche Nebenwirkungen abstreitet, hat vermutlich keinerlei persönliche Erfahrungen mit Psychopharmaka.

  • Antoine sagt:

    Ach was! Alles nur eine Ausrede! Angebliche sexuelle Nebenwirkungen von Antidepressiva kommen vielen Frauen gerade gelegen! Eine erfahrene Sexologin hat mir das vollumfänglich bestätigt!

  • T. Imfeld sagt:

    Das Problem zu ignorieren hilft auch keinem. Psychotherapie funktioniert auch nicht bei jeder Depression. In dem geschilderten Fall vermutlich schon. Auch andere Medis haben solche Nebenwirkungen, zB. Neuroleptika für Psychosen. Diese muss man haufig ein Leben lang einnehmen. Frustrierend für alle Betroffenen auf Sex und teilweise auf die Gefühlswelt verzichten zu müssen.

  • arbeiter sagt:

    Mein Gott, diese Geschrei um den Sex. Wenn ich mal Lust habe, er nicht, kann jede Frau es selbst machen…….

  • advocatus d. sagt:

    Ich bin dank Antideps seit gut 11 Jahren chemisch kastriert.
    Spielt ja eigentlich keine Rolle, weil:
    Hauptsache ist doch, dass ich funktioniere und Batzeli verdiene.
    Soll ich denn DAS auf’s Spiel setzen, wenn ich die lieben guten Tabletten nicht mehr essen wollte?
    Eben!

  • Marc sagt:

    Es geht doch in erster Linie darum, unter dem Strich eine bessere Lebensqualität zu haben – mit allen Nebenwirkungen die dabei entstehen mögen. Ein eigenverantwortlicher Umgang vorausgesetzt (ein-/ausschleichen), sind SSRI eine gute Ergänzung. Als jemand, der sein ganzes Leben mit Depressionen leben muss, sind diese Medikamente ein Geschenk. Fehlende Lust (u.a.) erachte ich dabei als völlig nebensächlich.

  • Diana Meier sagt:

    Sex wird vollkommen überbewertet.

    • F. Sommer sagt:

      Die Einstellung zeigt wie Bettflaschen Depressionen auslösen und verstärken. Emanzipierte Frauen bis zum krankhaften Status. Kein Sinn für Freude und Glück, irgendwo…

    • Petsch sagt:

      Aus meiner Sicht wird Sex gerade in einer Beziehung von Frauen in der Regel massiv unterschätzt und leider auch noch heute teilweise in falsche Ecke geträngt. Dieses „Bruder/Schwester“ Beziehung Plus Ding das heute oft gelebt wird, wäre nicht meine Welt…

  • UBr sagt:

    Eine evidenzbasierte Psychotherapie wirkt bei Depressionen mindestens so gut.
    Die Nebenwirkungen sind nicht vorhanden und zusätzlich werden die problematischen Denk- und Verhaltensmuster verändert, welche in die Depression geführt haben.
    Eine PT verlangt vom Betroffenen eine aktive Mitarbeit auch dauert es in der Regel etwas länger bis die Reduktion der depressiven Symptome eintritt, der Erfolg ist
    dafür anhaltender und die Rückfallrate geringer.

    • Zora sagt:

      Engmaschige Psychotherapie, tägliche Bewegung an der frischen Luft – so könnte durchaus versucht werden, die Dosis des Antidepressivum zu verringern. Ist ja dann unter Beobachtung. Wer nach einer Trennung eine reaktive Depression macht, hat oft noch alte Muster und daraus hervorgehende Verhaltensweisen gespeichert. Unbehandelt schleppt er die in die neue Beziehung. Und wiederholt/re-inszeniert leider nur zu oft das, was er eben kennt.

  • Marcel Zufferey sagt:

    Wer schwere Depressionen hat, kann gar keine Lust auf Sex haben. Als ich vor über 20 Jahren wegen Arbeitslosigkeit ebenfalls schwere Depressionen hatte, bin ich vor den Frauen, die etwas von mir gewollt haben, förmlich geflüchtet- selbst als das Serotonin wieder abgesetzt worden ist. Mit dem Serotonin hat die Unlust gar nichts zu tun.

  • Peter Rettinghausen sagt:

    Kein Sex ist auch eine Leistung.

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