Gut ist gut genug

Die Antithese zum Abziehbild der Hollywood-Schönheiten: Schauspielerin, Autorin und Regisseurin Lena Dunham als Hannah in ihrer Serie «Girls». (AP Photo/HBO, Jessica Miglio)

Mit meinem Posting vom letzten Sonntag über meine «abverheiten» Jogging-Versuche habe ich ja echt in ein Wespennest gestochen. Ich wurde in Kommentaren belehrt, ermahnt und, zu meiner Freude, auch gelobt. Dafür, dass ich ehrlich zu meinem Unvermögen, nicht gut rennen zu können, stehe. Ein gescheiter Arzt, der mein Posting gelesen hatte, meldete sich bei mir und wies mich auf etwas hin, das ich jetzt medinisch abgeklärt habe: Es ist nicht mein fehlender Wille zur Disziplin, die mir das Joggen erschwert, sondern ein lange nicht entdecktes Asthma, das ich jetzt kurieren werde. Besten Dank, Dr. Anderhub!

Diese Begebenheit bringt mich zum heutigen Thema, nämlich zu unserem Drang, alles perfekt machen zu wollen.

«Im Wachen träume ich von Perfektion», sagte der Filmschauspieler Viggo Mortensen (56) dem «Zeit»-Magazin in der Rubrik «Ich habe einen Traum». «Es geht mir nicht darum, sie zu erreichen, ich bin mir sehr bewusst, dass das nicht möglich ist.» Doch er strebe mit allen Kräften danach, dieser Perfektion nahezukommen. Wie Mortensen setzen immer mehr Menschen auf Selbstoptimierung. Mehr und besser arbeiten, gesünder sein, glücklicher leben und die optimale Beziehung finden. Kurz, das Optimale aus sich, seinem Körper und dem Leben herauszuholen. Die Gegenwart bietet dazu tausend Möglichkeiten, sei es im Beruf, in der Familie, beim Aussehen, bei der Ernährung oder der Fitness.

Voltaires Satz «Das Bessere ist der Feind des Guten» war noch nie so aktuell wie heute. Eine schlanke Figur? Ideal wäre besser! Eine ausgewogene Ernährung? Fünfmal Obst und Gemüse pro Tag wäre besser! Ein verlässlicher Partner? Der Traummann wäre besser! Mit diesen überzogenen «Wäre besser»-Ansprüchen wird das Leben schnell einmal zum Jammertal, und das Scheitern ist vorprogrammiert.

In dieser schwarzweissen Sicht gibt es keine Grautöne. Ein einziger Fehlentscheid wird zur Katastrophe, und es braucht viel Arbeit, um das Gesamtbild wieder zu perfektionieren. Nicht nur auf Facebook und Instagram treibt die Selbstinszenierung die schönsten Blüten. Aber hier kann man diese Entwicklung wohl am besten sehen. Ein Tummelplatz schöner und glücklicher Menschen. Und was nicht passt, wird passend gemacht, sei es mithilfe von Photoshop, Fitness oder Fettabsaugen.

Die Optimierungspraxis sei an die Stelle der alten Glaubenslehren getreten, sagt der Philosoph Peter Sloterdijk in der «Welt». Er nennt dieses permanente Nach-oben-Streben «Vertikalspannung». Nachdem alle Ideologien ausgedient hätten, bleibe dem freien Menschen bloss mehr diese eine grosse Meta-Idee: Mach das Beste aus dem eigenen Leben.

So viel Perfektion schadet, finden immer mehr Menschen, und durch die Medien hallt vermehrt der Ruf: «Du sollst nicht funktionieren! Versage dich den überrissenen Ansprüchen, und werde glücklich.» Das Hinschmeissen propagieren Autorinnen wie Nataly Bleuel oder Marie Amrhein, die den kompletten Ausstieg aus dem Perfektionismus anstreben. Sie haben ihr Leben von Grund auf geändert und darüber Bücher geschrieben. Und auch Lena Dunham, Schauspielerin, Regisseurin und Produzentin der US-TV-Serie «Girls». Dunhams Serienfigur Hannah in «Girls» macht keinen Hehl daraus, dass es völlig in Ordnung ist, sich unzulänglich zu fühlen und die eigenen Erwartungen nicht zu erfüllen. Mit unvorteilhaftem Kurzhaarschnitt und molliger Figur ist sie quasi die Antithese zum Abziehbild der Hollywood-Schönheiten. Ihre Fans lieben sie für so viel Selbstbewusstsein.

Selbstoptimierung oder Laisser-faire? Auf welche Seite soll man sich denn nun schlagen? Den Wunsch, sich möglichst vorteilhaft darzustellen, kenne ich auch. Wenn das neue Porträtfoto auf Facebook viele Likes bekommt, freut mich das. Natürlich spreche ich drei Fremdsprachen fliessend und halte mein Idealgewicht spielend. Doch auch das Sich-Gehenlassen hat seine grossen Vorteile. Einfach mal nichts tun, raus aus den Zwängen des Alltags, nichts müssen, über die Stränge schlagen, unvernünftig sein bis zum Anschlag, das ist doch sehr verlockend.

Was mich betrifft: Ich tendiere zu einem gesunden Mittelweg. Ein bisschen von Viggo Mortensens perfektionistischem Traum, ein bisschen von Lena Dunhams Nachlässigkeit: Zusammen gibt das einen gesunden Mix. Mittelmass. Nicht im Sinn von medioker, sondern im Sinn von gut genug. So habe ich beispielsweise den Ehrgeiz, mein Leben in verschiedenen Bereichen so schön wie möglich zu gestalten, kann eine halbe Stunde auf dem Markt suchen, bis ich die Hortensie im perfekten Blauton gefunden habe, putze die Wohnung, bevor die Putzfrau kommt, dass sie nicht denkt, ich sei eine Schlampe.

Die Chaotin in mir liebt es anderseits, den ganzen Tag im Bett mit süssem Nichtstun zu verbringen, die Waage auszulachen, wenn sie zwei Kilo mehr zeigt, und in einem so unverständlichen Französisch zu parlieren, dass mein Gesprächspartner denkt, er sei im falschen Film. Mit anderen Worten, ich zelebriere meine Schwächen und freue mich über meine Unvollkommenheit. Gerade diese Gegensätze machen das Leben doch spannend und aufregend. Denn man kann den Erfolg doch nur geniessen, wenn man auch weiss, wie sich das Scheitern anfühlt.

31 Kommentare zu «Gut ist gut genug»

  • Karl-Heinz Failenschmid sagt:

    Da fällt mir jetzt wieder ein Spruch ein: „Man liebt nicht den der schön ist, sonder findet schön, den man liebt“. Das kann andere Menschen betreffen, aber auch sich selbst. Und nun zum Titelbild: „Die Antithese zum Abziehbild der Hollywood-Schönheiten“. Es gibt Menschen mit einer Nase von Barbara Streisand oder einem Mund von Fernandel, aber mit einer ungeheuer sympathischen, interessanten und liebevollen Ausstrahlung. Und es gibt Supermodels, nenne jetzt keine Namen, die außer einer Hülle um ein Vakuum nichts vorstellen.

  • Maja sagt:

    Dazu hat C.G. Jung geschrieben: willst du gut sein oder ganz?

  • Der Wiener sagt:

    „Ein Langweiler ist einer, der seinen Mund aufmacht und seine Heldentaten hineinsteckt“, sagte Henry Ford… Wirkliche Charakterköpfe reden über Pleiten und ihr Scheitern, und nicht über ihre Erfolge. Tolle Fortsetzung des Artikels über die Unlust am Joggen. Auch hier: schön, dass dieser Leistungs- und Perfektionszwang hinterfragt wird. Wir sollten vielleicht mal genauer anschauen, woher dieser Zwang eigentlich kommt, und wem er was bringt – anscheinend in den seltensten Fällen denen, die ihn so blind betreiben. Weiter so!

  • Ernie sagt:

    Der Feind des Guten ist das Bessre!
    Keine Ahnung, wer das gesagt hat, aber er hatte Recht.

  • marta sagt:

    Wer abschätzig auf die Füsse, die Kleider, die Fettpölsterchen oder den Salat der andern starren muss, hat offensichtlich mit sich selbst ein Problem. So nach dem Motto: Ich habe meine Zehennägel lackiert, also bin ich. Tja, das macht mir dann mehr Angst als Schwabbelbäuche.
    Es gibt auch reife Leute mit lackierten Nägeln, nur ist das bei denen dann schön und entspannt und nicht so wichtig.

  • Reto sagt:

    Sehr schöner Artikel! Dankeschön!

  • edith sagt:

    eigentlich kommt es mir zu gute, dass ich tagsüber, voll beschäftigt (und das mit lust und ehrgeiz) mit meiner enkelin der hitze entronnen, im aufgeblasenen pool sass, und so erst jetzt einen, mir so langsam fast zur sucht gewordenen kommentar schreibe,(voll elan und ich würde gerne jeden noch besser schreiben) ich konnte also dadurch alle eure kommentare lesen und mich vegleichen, und auch noch lachen und beinahe mich ein klein bisschen ärgern, dass ihr alle so früh so fit so interessante texte schreibt..das leben ist schön, ausgewogen, von allem ein bisschen und mir etwas mehr ! meer! edith

  • Simon sagt:

    Ich würde mich auch dafür aussprechen, dass es gar nicht gut ist, jeden Tag besser sein zu wollen. Wenn ich abends zurückblicke und sagen kann, das war gut (oder gut genug), dann kann ich zufrieden sein. Das Gegenteil wäre, wenn ich schon wieder daran grüble, was daran jetzt noch zu verbessern wäre. Ich kann mir gar nicht vorstellen, so jemals zur Ruhe zu kommen.

  • Gregor Meyer sagt:

    Ich verstehe nicht, was falsch daran sein soll, sich konstant verbessern zu wollen? Ich möchte jeden Tag ein bisschen besser, schneller, schlauer, … sein als am Tag zuvor.

    • lala sagt:

      Was daran falsch sein soll?

      Dass man so unmöglich zufrieden werden kann und immer ein/e getrieben/e bleiben wird.
      Solange sie unter Ihresgleichen bleiben, ist das aber freilich nur Ihr Problem.

      • Gregor Meyer sagt:

        Doch, ich bin sehr zufrieden und fühle mich keineswegs getrieben, viel eher habe ich Mitleid mit Leuten, welche diesen Drive nicht (mehr?) haben und es sich mit irgendwelche Ausreden in der „comfort zone“ gemütlich machen.

    • clados sagt:

      Herr Meyer, das sehe ich genau gleich! Ich will auch jede Tag etwas Neues lernen. Ich arbeite viel und mach es gern. Eigentlich bin ich immer zufrieden und immer fleissig! Ich finde mich und mein Leben toll und mein Ehrgeiz ist gross. Ich finde im Gegenteil Menschen mit Feuer und einem Lebensplan sind tausendmal glücklicher als Müssiggänger.

  • lang sagt:

    Ich mag Sie, Frau Aeschbach.
    Auch ein Mittelweg kann seinen Glanz haben.

  • marie sagt:

    ich habe mittlerweile ein alter erreicht, wo ich ein „ok“ als gut genug erachte. man wächst da rein und mit und das ist gut so (nur manchmal fällt es mir ein bisschen schwer; aber auch das gehört dazu).
    allen einen wunderbaren restsommer!

  • Andreas sagt:

    Weder frivoles Geniessen noch überhebliche Selbstzelebration sind doch am Ende des Tages sinnstiftend. Ist es möglich, als Mensch Erfüllung zu finden, wenn man nicht einem höheren Ziel dient? Anhänger irgendwelcher Deitäten oder Visionen wissen zumindest, wofür sie Morgens aufstehen. Da ist es dann auch egal, wenn man nicht mehr Grösse 34 tragen kann. Man hat nämlich besseres zu tun (und zu bieten).

  • Ulrich Leuenberger Thailand sagt:

    Gehen Sie spazieren, moeglichts jeden Tag eine halbe Stunde. Laengere Wanderungen in den „Hoegern“ des Emmentals, sind wirklich gut fuer Laib und Seele.

    Ueli aus dem Emmental

    • Lichtblau sagt:

      Das hört sich vielleicht banal an, stimmt aber zumindest für mich. Seit ich meinen morgendlichen, lange bei jedem Wetter durchgeführten Spaziergang auf dem Weg zur Arbeit aus Zeitgründen aufgegeben habe, fehlt mir etwas. Es waren zwar nur mickrige 2km entlang der Zürcher Sihlpromenade, aber sie haben nicht wenig bewirkt. Ab Montag steht der Marsch wieder auf dem Programm. Danke für die Inspiration.

  • Pat sagt:

    Na ja, gut und perfekt aussehen zu müssen ist einen von vielen Trends die an den normalerweise, „hoch schüchtern“ Schweizer/innen ganz einfach verkauft wird! Lustig wird, erst wenn diesen perfekten und gutausehenden Menschen den Mund aufmachen. Meistens erkennt man sofort ihre mangel an Selbsvertrauen und Intellekt! Pardon my German!

  • adam gretener sagt:

    Das mit dem Asthma kurieren wird Ihnen das Asthma ziemlich schnell austreiben. Man lernt damit zu leben, Frau Aeschbach. Aber wenn Sie es bisher nicht bemerkten, wird es auch nicht allzu stark sein.

    Ansonsten haben Sie – neben ihrem Arzt – mit mir jemanden zu Seite mit bald 40 Jahren Asthma-Erfahrung.

  • mia sagt:

    Also ehrlich: Wenn ich so unterwegs bin in Stadt und Land (und das bin ich oft) kann ich wenig von Selbstoptimierung am Körper der Menschen erkennen.. Vielmehr sehe ich, besonders zu dieser Jahreszeit, schlecht und vor allem schlampig angezogene Frauen und Männer, oft mit prolligen Tatoos, Schwabbelbäuchen und ungepflegten Füssen. Etwas anders verhält es sich (noch) bei den ganz jungen Leuten, aber auch die werden – spätestens nach der Geburt des ersten Kindes – ebenfalls dem „Laissez faire“-Syndrom anheimfallen.

    • Ana Nym sagt:

      Liebe Mia, sind Sie denn perfekt dass Sie sich dieses Urteil erlauben können.

      • mia sagt:

        @AN: Man muss sich nicht gleich für perfekt halten, nur weil man sieht, was man sieht, und sehen kann man eben ganz viele ungepflegte und bestimmt nicht an „Körperoptimierung“, geschweige denn an Körperhaltung interessierte Leutchen des Weges watscheln.

    • Kathy sagt:

      Seltsam, dann hängt es wohl von der Stadt oder dem Quartier ab. Wo ich arbeite, sind die meisten Menschen sehr schlank und permanent darauf bedacht, möglichst gut auszusehen. Das fängt bei den Läufern über Mittag an, geht über die gut besuchten Schönheitskliniken und endet bei den Salat-pickenden Damen beim Essen. Etwas mehr Entspanntheit und Lust würde einigen ganz gut tun.
      Das mit den ungepflegten Füssen habe ich schon oft gehört, da frage ich mich, wieviele Menschen denn aus welchen Gründen bei andern auf die Füsse achten!? Ich schaue meinen Mitmenschen normalerweise ins Gesicht…

      • alpöhi sagt:

        Das beste Mittel gegen ungepflegten Füssen sind schöne Schuhe.

      • Gregor Meyer sagt:

        Spannend, Kathy, dass Sie in „Läufen“ über Mittag oder Salat einen Widerspruch zu Entspanntheit und Lust sehen. Ich finde beides toll, mache beides regelmässig und lustvoll und es entspannt mich. Die Meinung es sei „unentspannt“ und „lustfeindlich“ ist doch vielmehr eine an Selbstverleugnung-grenzende Ausrede, weil man selbst dafür zu faul ist. (So in etwa wie der „Genuss-Raucher“)

      • clados sagt:

        Menschen, die andere zwanghaft beim Essen aka Salat picken beobachten, sind zu wahrscheinlich selber ziemlich verkrampft. Mich interessiert es einen alten Hut was andere essen und joggen ist was Tolles! Seien Sie doch ein bisschen entspannter!

    • adam gretener sagt:

      Ja, ja, die mia. Unsere allzeit perfekte mia. Ich krieg so einen Hals, wenn ich solch abschätzige Kommentare lesen.

      • mia sagt:

        Danke! Hatte ich ja ganz vergessen: Dicke Hälse unter einem Doppelt- und Dreifachkinn, sieht man auch oft.,,,

  • Lorenz sagt:

    Das ist jetzt echt mal ein schöner Blog, so richtig zum liken, Danke

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