Sieben Achtel sind einfach zu viel

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Sie sehen oben, meine Damen und Herren, einen Schnappschuss aus Berlin, der Stadt, in deren freiem Teil ich das Glück hatte, geboren zu werden und in die Schule gehen zu dürfen. Berlin ist arm und dreckig, hat aber ein grosses Herz. Und eine noch grössere Klappe. Es schläft nie – aber das heisst nicht, das es ständig beschäftigt oder irgendwie hektisch wäre. Berlin ist wie ein Punk, der dir ständig erzählt, was er morgen vorhat. Auf die Frage, was denn nun «very Berlin» sei, hat Florian Pühs geantwortet: selbstgedrehte Zigaretten, Sternburg, eine private Taxinummer im Portemonnaie, über Projekte zu reden und sie nie zu machen. Florian Pühs ist Frontman der Berliner Indiepunkband «Herpes», deren von ihm geschriebenes Stück «Very Berlin» so schöne Zeilen enthält wie:

Dieser Beat, dieser Bass, diese Monotonie / Das ist very Berlin

Dieser Klang, dieser Stil, diese Jeans / Das ist very Berlin

Dieses Shirt / In dieser Faaarbe / Very Berlin

Berlin wird (hoffentlich) immer ganz anders sein als der Rest von Deutschland: gross und laut und ruppig und mit blauen Flecken übersät und mit einer undeutschen Aura von Weltläufigkeit und Ungerührtheit zugleich. Der Rote Teppich wird nie so richtig zum dicken märkischen Sandboden passen, und «Berlin Fashion Week» wird stets ein bisschen ein Widerspruch in sich bleiben. (So wie «Damentennis».) Aber das ist keine Entschuldigung für 7/8-Hosen. Und damit, liebes Publikum, zurück zum Bilde. Wir lernen aus diesem Foto verschiedene Sachen. Erstens: Männerbeine sind wichtig. Damit sind wir wieder beim Training. Ich weiss, dass Beine, vor allem Waden, schwer zu trainieren sind – doch das ist kein Grund, es gar nicht erst zu versuchen. Oder möchten Sie eine Figur wie Larry the Lobster aus Bikini Bottom, meine Herren? Zweitens: Dies ist keine neue Einsicht; ich sage das andauernd und sehe dauernd Anlass, es zu wiederholen: 7/8-Hosen. Die gehen für Frauen unter 35 und mit Audrey-Hepburn-Figur, und für sonst niemanden. Hören Sie? Niemanden.

Für Männer, gleich welchen Alters und welcher Figur, sind 7/8-Hosen stets: die Burka. Weil sie ihren Träger augenblicklich und vollständig unsexy machen. Und auch wenn das auf dem Bild schon eher 3/5- als 7/8-Hosen sind: you catch my drift. Dann noch die Kombination mit sogenannten Freizeitschuhen und Knöchelsocken. Das erinnert mich daran, dass ich kürzlich den schlimmsten Satz der Welt gelesen habe. Er lautet: «Trendiger Slipper in Turnschuh-Optik – für smarte Männer, die grenzenlose Weite lieben!», und stammt aus einem Online-Shopping-Portal. Der Satz pries eine Monstrosität an, die aussah wie ein Converse Chuck Taylor, mit dem grauenvolle Experimente durchgeführt worden waren. Das Resultat hatte den Effekt eines Autounfalls: Es fiel schwer, hinzusehen – aber wegschauen konnte man auch nicht.

Zurück zu den Shorts. Auch Männer haben sich also mit der Frage der richtigen Saumlänge zu befassen. Wenn bei kurzen Hosen der Saum im Stehen direkt oberhalb des Knies anschlägt, so ist das perfekt. Schmale Shorts dürfen kürzer sein, sofern der Träger die entsprechenden Beine hat. Mikado-Waden sollten sowieso stets bedeckt bleiben. Und, da wir dabei sind, noch ein Wort zum sozialen Kontext: Shorts, kurze Hosen, sind ihrer Natur nach casual. Das heisst: Es gibt schlechterdings keine formelle, ernsthafte Situation, bei der die Leute Ihre Knie sehen sollten – egal wie hübsch sie sind (die Leute und/oder Knie). Sie tragen Shorts also nicht bei Theaterpremieren, Familienfeiern, Zeugenaussagen – und schon gar nicht bei der Arbeit. Ich wiederhole: Egal, ob Sie in einer PR-Agentur oder für ein Bestattungsunternehmen arbeiten: Shorts am Arbeitsplatz sind in Mitteleuropa absolut tabu. Es sei denn, Sie sind Paketbote oder Bademeister. Es gibt diesen Mythos der sogenannten City Shorts, und einige unserer modemutigeren Mitgeschöpfe glauben, sie könnten ihre navyblauen Neil-Barrett-Baumwoll-Bermudas in der Stadt zum gestreiften Seersucker- oder Regatta-Blazer tragen, und meine Empfehlung lautet dazu: Sofern Sie nicht Ewan McGregor sind, lassen Sie das lieber. Probieren Sie ebenfalls nie, einen Mangel an Stoff und Formalität durch gedeckte Farben zu kompensieren. Das haut nicht hin. Wenn Sie zu Hemd und Krawatte eine Shorts in Schwarz anziehen, sehen Sie bestenfalls aus, als wollten Sie zur Beerdigung einer Stripperin gehen.

Und: Man ist durchaus nicht per se mit 50 zu alt für Bermudas. Grundsätzlich kann man kurze Hosen in jedem Alter tragen. Es gibt ein Foto von Jonathan Becker, das den famosen Autor Dominick Dunne vor dem Hôtel du Cap in Antibes an der französischen Riviera zeigt, während der Filmfestspiele von Cannes im Jahre 2006. Da war Dunne 81, und er trägt auf dem Bild Khaki-Shorts ohne Umschläge zu einem einreihigen Yachting Blazer, einem formellen Oberhemd von Turnbull & Asser und bestickten, samtenen Albert Slippers. Ohne Strümpfe, natürlich. Ziemlich gewagt? Ich gebe zu, dass das vom Träger abhängt. «You got to have swagger», wie Margot Light, meine Professorin für Internationale Beziehungen an der London School of Economics zu sagen pflegte. «Swagger» – das ist ein angelsächsisches Phänomen, für das im Deutschen bloss so umständliche Paraphrasierungen existieren wie «selbstsichere Lässigkeit» oder «natürliches, dominierendes Charisma».

Mit dieser Haltung lassen sich nicht nur Fehler in der Aussenpolitik vermeiden, sondern ebenfalls Missgriffe in der Garderobe. Letztere hängen bei Shorts regelmässig mit der Grösse zusammen. Wissen Sie noch, wie sich damals, angeleitet und irregeführt durch die Hot Pants von Cristiano Ronaldo, zahllose Herren in zu enge, zu kurze Shorts pferchten? Woraus man folgende allgemeingültige Regel destillieren könnte: Auch wenn dies die Jahreszeit ist, in der Mutter Natur mit vollen Händen ihre Schätze auspackt – muss das nicht automatisch auch für den mitteleuropäischen Teil ihrer Geschöpfe gelten, jedenfalls sofern die zwei Beine haben und eine Prostata.