Was taugt Philosophie für den Alltag?

neu

Wir haben in diesem Magazin unlängst festgestellt, dass man «Philosophie» jenseits aller Metaphysik auch ganz praktisch verstehen kann: Philosophie leistet Hilfestellung bei Verständigung über unsere Handlungszwecke und über die unser Handeln einschränkenden Regeln. Das Problem ist nur: Wie helfen einem Max Horkheimers Kritik der instrumentellen Vernunft oder Hannah Arendts Diagnose der Ausweglosigkeit des Utilitarismus oder Hegels Phänomenologie des Geistes für den Alltag? Von noch umständlicheren Gebilden wie dem Strukturalismus oder Post-Dekonstruktivismus gar nicht zu reden. Wie helfen sie einem beispielsweise angesichts einer Politesse namens Angelika Bretterkleber, die zu klein ist, um den Parkschein in der Windschutzscheibe Ihres Cadillac Escalade zu sehen und Ihnen darob eine Busse ausfertigt? Spielen wir das kurz beispielhaft an verschiedenen Ansätzen durch:

  1. Hegel

    Nach Georg Wilhelm Friedrich Hegels erstem Hauptwerk, der «Phänomenologie des Geistes» von 1807, die entstand, als der Idealismus in die Romantik umkippte, ist Geschichte, also das Faktische, zu verstehen als die Entfaltung und Selbstdarstellung des Absoluten, des Geistes, Gottes. Menschliche Bewusstseinsakte oder geschichtliche Ereignisse oder Vorgänge in der Natur sind, wie alles Wirkliche, gänzlich Erscheinungen des absoluten Geistes und folglich auch vernünftig. Dies gilt eo ipso ebenfalls für die Bussenausfertigung durch Frau Bretterkleber. Hegels Doktrin ist damit zu Recht als staatstragend bezeichnet worden. Wenn Sie dieser Auffassung nahestehen, bezahlen Sie die Busse.

  2. Schopenhauer

    Die Busse werden Sie auch bezahlen, wenn Sie eher der Willensmetaphysik von Arthur Schopenhauer zuneigen, allerdings aus einem anderen Grund. In Schopenhauers Hauptwerk «Die Welt als Wille und Vorstellung» (1819) ist der blinde, vernunftlose Weltwille die Triebfeder allen Handelns von Mensch und Tier und die grundlose Ursache hinter den Naturgesetzen. Alle uns in Raum und Zeit umgebenden Erscheinungen sind Objektivationen jenes zutiefst irrationalen Willens. So auch Frau Bretterkleber. Insofern ist jedes Engagement im Grunde nichts als Zeitverschwendung. Sie seufzen und bezahlen. In dieser Betrachtung liegt das, was den sprichwörtlichen Schopenhauerschen Pessimismus ausmacht.

  3. Frankfurter Schule

    Demgegenüber würden die Vertreter der sogenannten Kritischen Theorie bzw. der Frankfurter Schule wie Max Horkheimer (1895-1973), Theodor Adorno (1903-1969) und Jürgen Habermas (geb. 1929) vor Akzeptanz des Strafzettels erstmal das Verfahren unter die Lupe nehmen, in dem er zustandegekommen ist, ausgehend von der Prämisse, dass in unserer derzeitigen postkapitalistischen Kasino-Gesellschaft das erodierte Subjekt fremdbestimmt, durch eine instrumentelle Vernunft bedroht, in seiner Seele versachlicht dastehe. Hier werden a priori keine ethischen Normen anerkannt, sondern das jeweilig Gute ist im herrschaftsfreien Diskurs zu finden. Folglich müssten Sie mit Frau Bretterkleber erstmal einen herrschaftsfreien Diskurs etablieren, was der Sache nach ziemlich unmöglich sein dürfte, wie jeder bestätigen kann, der das mit einer Politesse schon mal versucht hat. Obschon die Bretterkleber im Grunde ja selbst nichts anderes darstellt als ein armes erodiertes geworfenes Subjekt. Woraus folgt: Sie begleichen die Busse; nicht zuletzt, weil Sie kein Unmensch sind.

  4. Fazit (eher ein Zwischenergebnis)

    Und wie wirkt nun Philosophie auf das Leben? Offensichtlich: zunächst gar nicht. Bisher fällt unser Ergebnis jedenfalls reichlich niederschmetternd aus: Die Busse muss immer bezahlt werden. Möglicherweise jedoch wirkt die philosophische Bewusstseinsbildung unterschwellig und längerfristig, sofern man Philosophie als systematischen Versuch auffasst, das Wissen über die Welt und den Menschen in einen Ordnungszusammenhang zu bringen und auf Prinzipien zurückzuführen und damit Sinn zu stiften. Möglicherweise auch nicht. Weil eventuell der ganze Vorgang mit Frau Bretterkleber schlechthin sinnlos ist.

  5. Kant

    Eine grosse Ausnahme in praktischer Lebenshilfe ist seit rund 225 Jahren der kategorische Imperativ des genialen Immanuel Kant; er (der Imperativ) ist in der Tat praktisch im ursprünglichen Sinne, eine Handlungsanleitung, und zwar nicht (wie häufig irrtümlich angenommen) nach der sogenannten Goldenen Regel «Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem andern zu», sondern in Form der ständigen kritischen Selbstbefragung nach der Formel: «Kann ich wollen, dass die Maxime meines Handelns zum allgemeinen Gesetz erhoben würde?» In unserem Beispiel lautete diese Handlungsmaxime dann nicht etwa «Wenn ich eine Busse bekomme, bezahle ich sie», sondern: «Wenn immer ich eine ungerechtfertigte Busse bekomme, setze ich mich zur Wehr.» Kann ich widerspruchsfrei wollen, dass dies für jederman gelte? Na klar! Deal with it, Bretterkleber!

27 Kommentare zu «Was taugt Philosophie für den Alltag?»

  • Edgar sagt:

    Sind wir schon soweit in unserer Gesellschaft dass verschiedene Philosophien herhalten müssen damit der Bürger eine ungerechfertigte Busse ohne murren bezahlt. Haupsache der Staat bekommt Geld von den „armen“ Subjekten (Bürger) die eh zu viel Geld haben und nicht wissen was sie damit tun?!

    • DAVID sagt:

      Ach Edgar, regen Sie sich nicht auf, gehen Sie – wie dazumal Schopenhauer – mit ihrem Hund, sofern sie einen haben spazieren, erfreuen sich an der Natur, und tragen ihren Kommentar dem Hund vor (nach Schopenhauerischer Manier) .. es ist doch schön, wenn man von Philosophen in der Zeitung liest.

    • Danielle sagt:

      ..und noch so ein Humorloser..

  • Dirk sagt:

    Kann es sein dass der Besitz eines Cadillac Escalade die Maxime des Handelns sein kann?

    Nein!

    Kann es auch sein, dass ein solch unvernünftiges Auto eine solche Behandlung verdient?

    Ja! Deal with it Mr. Tingler

    Darüber hinaus: Kant ohne Gödel und Heisenberg? Klarheit und Wahrheit sind hinfällig. Denn auch dem Einwand bezüglich des Cadillac Escalade könnten Sie durchaus einen Härtefalltrumpf entgegenschleudern. Etwa in der Weise: „… wegen Notwendigkeiten hinsichtlichlich Forstarbeiten und meiner anhaltenden Rückenprobleme bin ich auf einen Privatluxuspanzer angewiesen…“

  • Philipp Rittermann sagt:

    versuchen sie einmal, mit ansätzen berühmter philosophen eine politesse zu überzeugen….es wird schwerlich gehen….ausser, sie können sie so verwirren, das sie letztendlich aufgibt. (if you can’t convince them – confuse them)! -:)

  • peter sagt:

    Es ist doch immer dasselbe: Entweder wird behauptet, die Philosophie sei weltfremd, weil man ihr nur weltfremde Fragen vorsetzt. Oder es wird behauptet, die Philosophie sei belanglos, weil man ihr belanglose Fragen vorsetzt. Und das darf man sich dann von einem Literaturhistoriker am Beispiel einer Parkbusse vorexerzieren lassen. Die Philosophie widmet sich in der Wissenschaft der Lösung zentraler begrifflicher Probleme und übernimmt insofern eine wichtige Aufgabe. Mit Parkbussen (und übrigens auch mit Thomas Mann) hat das herzlich wenig zu tun, weil’s eben Wissenschaft ist.

  • Marc sagt:

    ich finde die Prinzipien der Philosophen am Beispiel der Busse super erklärt. Dieses Beispiel ist vielfach anwendbar und könnte, begleitet von einem Seufzer, manche schwierigere Entscheidung etwas leichter machen. Hebt die Philosophen nicht auf einen Sockel, auf dem sie niemals stehen wollten

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.