Böse Dinge

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Neulich habe ich im Schaufenster eines Geschäfts für Inneneinrichtung in Zürich diese gläsernen Kakteen für Sie photographiert, meine Damen und Herren. Ich finde die irgendwie gar nicht mal so schlecht, sie sind so falsch – oder, genauer: künstlich –, dass sie den vorgestellten Gegenstand (den Kaktus) quasi transzendieren. Trotzdem würden sie wahrscheinlich viele Leute geschmacklos finden. Lange Zeit galt die Nachahmung als Zeichen von Geschmacklosigkeit. Der amerikanische Kulturhistoriker Paul Fussell hat in seinem lesenswerten Buch «Class» dargelegt, dass die gesellschaftliche Vereinbarung dahin geht, die Qualität und den Status von Sachen damit in Verbindung zu bringen, wie alt und echt sie sind. Fussells Analyse ist ihrerseits allerdings auch schon beinahe dreissig Jahre her, und «Echtheit» als Wert inzwischen zu einer echten Herausforderung geworden. If you’ll pardon the pun.

Früher, vor über hundert Jahren, als der Museumsdirektor und Kunsthistoriker Gustav E. Pazaurek 1909 im Stuttgarter Landesgewerbemuseum seine «Abteilung der Geschmacksverirrungen» zur Schau stellte, war man noch überzeugt, dass moralische und ästhetische Bildung zusammenfielen, dass der Mensch also erziehbar auch in aestheticis wäre, was Herr Pazaurek in folgendes Motto fasste: «Wollen wir erkennen, worin der gute Geschmack besteht, müssen wir zuerst den schlechten Geschmack beseitigen.» Mit diesem Ziel entwickelte Pazaurek eine komplexe Systematik zur Einordnung von Gestaltungsfehlern aller Art, um sie am Gegenstand selbst zu entlarven. Entsprechend der Philosophie des Deutschen Werkbunds ging er dabei von einem starken Einfluss der Dinge auf den Menschen aus, im ästhetischen wie ethisch-moralischen Sinne. So liessen sich die Sachen in Gut und Böse einteilen. Die Bösartigkeit der Dinge bezog sich dabei nicht auf ihren Zweck oder ihren Zeichencharakter, sondern auf das Böse oder Schlechte, das sich in ihrer Ausführung, Gestaltung und Funktionalität manifestierte. Für seine akribische «Ordnung der Dinge» bediente sich Pazaurek einer recht drastischen Nomenklatur, die Kategorien aufwies wie «Material-Pimpeleien», «Dekorbrutalitäten», «funktionale Lüge», «Heimat- und Jägerkitsch» oder «Dekor in falscher Richtung».

Heute, im Zeitalter des Stilpluralismus, scheint es unmöglich, eindeutige Kriterien des guten oder schlechten Geschmacks auszumachen. «Bad Taste» und «Trash» und «Kitsch» gelten als «Kult» und Provokation als Kalkül und Ironie als eine Art Massenbewegung. Geschmack scheint mehr denn je als soziales Konstrukt durchzugehen, ein relativistisches Phänomen, und jedweder pädagogische Furor in Richtung Geschmacksbildung mutet bestenfalls kurios an. Dieser Auffassung allerdings bin ich entschieden nicht. So richtig es zweifellos ist, dass ästhetische Erfahrung gesellschaftlich konstruiert wird, so wichtig ist eben gerade deshalb auch, dass man «Echtheit» wieder als ganzheitliche Kategorie begreift, dass man nicht davon abkommt, dass die ästhetische Erziehung des Menschen ihn auch moralisch festige und dass jedem Ding, das der Mensch im Alltag benutzt und besieht, ein Einfluss auf seine Empfindungen zukommt. Kurz: Böse Dinge gibt es sehr wohl auch heute noch, wahrscheinlich gibt es davon sogar mehr als je zuvor in der Zivilisationsgeschichte, und Echtheit als Wert ist wichtiger denn je. In der Tat sind böse Dinge, post-materialistisch begriffen, für mich im Sinne des guten Geschmacks vor allem eins: unecht. Falsch, verlogen, unpassend, unglaubwürdig. Allem ästhetischen und ästhetizistischen Relativismus zum Trotz.

Die Eigenschaften böser Dinge

Was heisst das genau? Dreierlei. Erstens: Unechte Dinge sind distanzlos. Das berührt genau das Argument der Ironie, die heute scheinbar zur Massenbewegung verkommen ist, wobei übersehen wird, das echte Ironie die Ambivalenz der Reflektion voraussetzt. Ich kann keine neongelbe Plastikuhr zum Smoking tagen und das zu Ironie erklären, wenn ich tatsächlich gar nicht weiss, dass man zur Abendgarderobe überhaupt keine Armbanduhr trägt. Hier gilt das Gleiche wie für Manieren überhaupt: Um die Regeln brechen zu können, muss man sie zunächst einmal kennen. Sonst erschöpft sich der Auftritt in einer hohlen Geste.

Unechte Dinge sind, zweitens, geistlos. Die Mode ist wohl das einzige Phänomen, deren Opfer ihr hinterherlaufen. Und hier zeigt sich, wie auch schon beim Aspekt der Distanzlosigkeit, dass das einzig qualitativ Neue unserer Zeit womöglich darinnen besteht, dass eben heute ein Ding oft nicht mehr per se böse ist, sondern nur zu einigen Leuten, zu anderen nicht. Wer beispielsweise hautenge Drainpipe Jeans trägt, weil ein vermeintliches Diktat das vorschreibt, obschon er (oder sie) sich dieses Stück figurmässig absolut nicht erlauben kann (wie, nebenbei, die meisten Träger von Drainpipe Jeans), wird zum Opfer. Die Hose ist böse zu ihm (oder ihr), und das Ganze wird und wirkt: unstimmig, inadäquat, aufgesetzt – unecht.

Und schliesslich, drittens: unecht ist alles, was gewollt, ideologisiert, botschaftsbeladen ist. Denn immer noch gilt: Kitsch ist vor allem Konvention, und immer noch gibt es kitschige Möbel, Anziehsachen, Dekorationsobjekte, Automobile und so weiter. Die Kehrseite des sogenannten ethischen Konsums besteht darin, dass die Zeichenfunktion der Dinge tendenziell über ihren Schönheits- oder Gebrauchswert dominiert, und eine derartige Dominanz macht die Dinge unaufrichtig und damit unecht – besonders, wenn die Botschaften laut und konventionell sind: «Diese Schuhe sind gesund!», zum Beispiel, oder: «Dieses Auto fährt mit Batterie!» Oder: «Diese Jacke aus praktischer Kunstfaser passt zu meinem aktiven Seniorenleben!» In die Kategorie der ideologisierten Sachen fallen auch sämtliche Neuauflagen einstiger Originale unter dem Stichwort «Retro», weil solche Dinge etwas vorgaukeln, was sie nicht sind; eine Geschichte, die sie nicht haben. Auch das ist Formschrott, Konvention. Wahre Authentizität aber ist frei und originell, sie schert sich nicht um soziale Skripte.