5 Gründe, Karl Lagerfeld zu lieben

German designer Karl Lagerfeld wear's the Commander's Cross of the Legion of Honour he received from France's President Nicolas Sarkozy at a ceremony at the Elysee Palac

Neulich gab es etwas Aufregung, weil die Journalistin und Pulitzer-Preis-Trägerin Robin Givhan in einem Beitrag für „Newsweek“ Karl Lagerfeld als „überschätzt“ bezeichnete. Worauf Frau Givhan ihren Sitz in der ersten Reihe bei Chanel verlor. Herr Lagerfeld seinerseits bezeichnete „Newsweek“ als „shitty little paper“. So weit, so bekannt. Solche Fehden sind in der Welt der Mode auch nichts Neues, weil da, wie in anderen Sphären auch, ziemlich viele empfindliche und eitle Leute arbeiten. Ich erinnere hier nur an den Zwist zwischen Giorgio Armani und Cathy Horyn, Modeberichterstatterin der „New York Times“ (und empfehle an dieser Stelle deren immer lesenswerten Blog „On the Runway“). Zurück zu Karl Lagerfeld. Der ward zu einer Zeit geboren, da in Paris noch Madame Vionnet am Werk war, und ist inzwischen seit über 50 Jahren dick im Geschäft und hat sich in diesem halben Jahrhundert um Pierre Balmain, Jean Patou, Chloé, Fendi, Chanel, Claudia Schiffer, H&M und den Quelle-Versand verdient gemacht. Ausserdem ist er als Fotograf, Kostümbildner und Verleger hervorgetreten. Und als Coca-Cola-Botschafter. Und CD-Zusammensteller. Dies war in der Tat ein wesentlicher Kritikpunkt Givhans: Lagerfeld macht zu viel. Er ist eine Art Modemaschine, ein robuster Auftragsarbeiter, der den kommerziellen Aspekt des Modegeschäfts völlig verinnerlicht hat und stets auf genialische Weise dafür sorgt, dass sich seine Kollektionen auch verkauften. Jedenfalls die unter fremden Namen. Die unter seinem eigenen Namen laufen allem Anschein nach nicht so super; Givhan fand sie vor allem uninspiriert und inkohärent. Ich aber will jetzt hier mal auf was anderes schauen. Nämlich auf die, wenn Sie so wollen, philosophische Seite. Quasi Karls Geist. Dann muss man Karl einfach gernhaben. Und zwar aus folgenden Gründen:

  1. Geiz ist die schlimmste Eigenschaft

    Erst kürzlich hat Herr Lagerfeld im deutschen Fernsehen die Feststellung getroffen, dass Geiz im Grunde die hässlichste Charaktereigenschaft von allen sei. Ein Übel, aus dem man viele andere Unschönheiten ableiten kann. Das ist so richtig! Ausserdem sprach er den Satz: „Geld muss aus dem Fenster, damit es durch die Tür wieder reinkommt.“ Und das ist ja im Grunde genau das, was neuerdings auch für die Bewältigung der europäischen Wirtschaftskrise gefordert wird. Bloss weniger hübsch formuliert.

  2. Besitz belastet

    Herr Lagerfeld ist passionierter Sammler von Kunst und Kunstgewerbe, wobei ihn der Erwerb erklärtermassen immer mehr interessierte als der Besitz. Möglicherweise gilt dies auch in Bezug auf seine Mitmenschen, jedenfalls kennt jeder in Karls Entourage die Geschichten fallengelassener früherer Favoriten. Zum Beispiel die seiner einstigen Muse Inès de la Fressange, mit der er sich 1989 überwarf, worauf er ihr alles Gute wünschte, sofern er sie nie wieder sehen müsste. Allerdings zeigte sich hier, dass Karl Lagerfeld, der nach eigenen Aussagen Kränkungen nie vergisst, auch mal fünf gerade sein lassen kann: Gut 20 Jahre später liess er Inès wieder auf den Laufsteg und erklärte: „She is beyond stunning.“

  3. Die eigene Meinung

    Lagerfelds Deutlichkeiten sind nicht immer geistreich, doch stets prägnant. Am besten finde ich immer noch das Verdikt über Heidi Klum, diese deutsche Langweiligkeit, deren Charme einem Schuss aus dem Betäubungsgewehr gleichkommt: „Die war nie in Paris, die kennen wir nicht.“ Karls Beitrag zur Pelztierdiskussion lautete: „Diese Biester würden uns töten, wenn sie das könnten.“ Yves Saint Laurent bezeichnete er als „sehr provinziell“ und Andy Warhol als „körperlich abstossend“. Und, natürlich, Adele als „ein bisschen zu fett“. Über Letzteres regten sich alle auf, und Lagerfeld korrigierte sich ein bisschen. Das nennt man Schadensbegrenzung. Aber üblicherweise ist ihm der Schaden egal und kann es auch sein, denn er ist reich und berühmt. Allerdings sagen auch viele reiche und berühmte Leute regelmässig nicht, was sie denken, und deshalb ist das bei Karl so erfrischend. Auch wenn es sich bei seinen Kommentaren, um Beth Ditto zu paraphrasieren, bisweilen um Schrott handelt.

  4. Oberflächlichkeit mit Tiefgang

    Wohl niemand hat so gut begriffen wie Karl Lagerfeld, dass der moderne Modeschöpfer Teil einer Prominenzkultur ist, in der Bekanntheit vor Leistung rangiert. Deshalb ist Selbstinszenierung wichtig. In der Tat hat Karl Lagerfeld, auch wenn er das nie zugeben würde, seinen Körper schon immer als Darstellungsfläche genutzt: Make-up, gepuderter Zopf, Sonnenbrille und Fächer dienen zugleich als Ausdruck wie Unterschlupf seiner Persönlichkeit. Solche Ausdrucksformen sind in seinem Milieu nichts Ungewöhnliches, sogar wenn der Körper selbst (und nicht nur die Garderobe) verändert wird: „Body Modification“ heisst der Fachausdruck dafür. Gleichzeitig hat unsere Gesellschaft eine Pathologisierung parat, falls die Behandlung des Körpers als Verfügungsmasse der Selbstdarstellung gewisse Grenzen überschreitet: „Body Dysmorphic Disorder“ nennt man das Syndrom, das umschreibt, wie die Selbstwahrnehmung sich im Dienste eines kategorischen Idealbildes erheblich verzerrt. Damit will ich sagen: Eigentlich wünsche ich mir den alten Karl zurück. Den dicken. Ich finde, der dünnere Karl sieht mit strapazierten Röhrenjeans und kniehohen Schaftstiefeln und diesem ganzen Silberzeug an den Fingern ein bisschen aus wie eine Mischung aus Darth Vader, d’Artagnan und einer pensionsreifen Landarbeiterin aus einem deprimierenden Schwarz-Weiss-Film des italienischen Neorealismus. Aber trotzdem hat Karl Lagerfeld diese grossartige Manier, in entzückender Prägnanz Oberflächlichkeit mit Tiefgang zu verbinden. Seine Antwort auf die Frage der britischen „Vogue“, was er über weniger hübsche Menschen denke, wird wie folgt zitiert: “Life is not a beauty contest, some [ugly people are great]. What I hate is nasty, ugly people … the worst is ugly, short men … they are mean and they want to kill you.” Klingt ziemlich drastisch, ist aber irgendwie so wahr, wenigstens auf einer metaphysischen Ebene der intuitiven Zustimmung.

  5. Der Schatten

    Der Schatten ist das, was Leute interessant macht. Viele dieser überangepassten Rummelplatzfiguren, die heutzutage für Berühmtheiten durchgehen, haben keinen Schatten. Lagerfeld hat ein ganzes Schattenreich. Deshalb hat ihm auch das Buch nicht gefallen. Karl Lagerfeld hat „The Beautiful Fall“ von Alicia Drake als „Schundliteratur“ bezeichnet. Die 2006 erschienene Biographie stellte unter anderem fest, dass Karl 5 Jahre älter sei als von ihm behauptet. Auch sonst, schreibt Drake, wären Lagerfelds Selbstauskünfte nicht die zuverlässigsten. So sei er in einem kleinen Haus im norddeutschen Bad Bramstedt aufgewachsen und nicht in einem grossbürgerlichen hanseatischen Anwesen. Im Zentrum von Drakes Buch allerdings steht der Kampf um Stilvormacht in der Pariser Modeszene der siebziger Jahre, ausgetragen von zwei Camps, deren Anführer Karl Lagerfeld und Yves Saint Laurent hiessen. Ergebnis: Während Saint Laurent eher dem klassischen Typus des hyperempfindlichen Künstlers entspricht, der zwischen Drogen und Hysterie immerhin ein paar ikonische Kollektionen zustandebrachte – ist Karl: der robuste Auftragsarbeiter. Womit wir wieder am Anfang wären. Aber gewappneter. Zum Beispiel vermuten wir inzwischen, dass er sich selbst nicht anders bezeichnen würde. Und dafür lieben wir Karl Lagerfeld.