«Sie sitzen auf meinem Parföng!»

Awww … gerade sind die Einladungen für die Fashion Week in Mailand reingekommen. Am Wochenende ist es wieder soweit. Nein, dieses Mal werde ich nicht gehen. Aber das ruft Erinnerungen an mein letztes Mal wach …

Tag 1

Mailand ist, wie immer, schwül und chaotisch. Um 13 Uhr beginnt die Dolce-&-Gabbana-Show im Metropol an der Viale Piave. Als ich um Punkt eins aus dem Taxi steige, verstellt bereits eine Menschentraube die Strasse. Der Einlass für die Shows ist offiziell meistens getrennt nach den Kategorien «Press» und «Buyer» (also Einkäufer) – aber danach unterscheidet sich das Publikum nicht. Das Publikum zerfällt vielmehr, wie der Rest der Welt, in zwei andere Kategorien: cool und uncool. Und spontan möchte ich sagen, dass auch hier, wie im Rest der Welt, die letztere Kategorie bei weitem überwiegt.

Stellen Sie sich eine Person vor, geschlechtlich nicht leicht zuzuordnen, ein Wesen, das ständig, auch in abgedunkelten Räumen, eine Sonnenbrille trägt, das sich permanent, auch in klimatisierter Umgebung, Luft zufächelt (meist mit einer Einladungskarte) und in dessen Wortschatz die Vokabeln «bitte», «danke» und «Verzeihung» fehlen. Sie würden so eine Figur vielleicht leicht soziopathisch nennen, andere nennen sie: Fashionista. «Fashionista» hat eigentlich, wie «Soziopath», einen leicht negativen Beigeschmack. Der Ausdruck bezeichnet ursprünglich jemanden, der der Mode zum Opfer gefallen ist und sich und andere in allererster Linie über Anziehsachen definiert. Die abwertenden Konnotationen des Begriffes jedoch sind nicht jedem bekannt, besonders nicht Menschen deutscher Muttersprache, die oft genug glauben, «Fashionista» wäre gleichzusetzen mit «Stilexperte». Davon unabhängig gilt: Wenn man über 50 ist, kommt eine Sonnenbrille bei abgedunkeltem Licht einer Sehbehinderung gleich, und durch die Gegend stolpernde Sonnenbrillenträger sind sicher ein Grund dafür, dass es an der Fashion Week bei jeder Show in der Regel mindestens eine Dreiviertelstunde dauert, bevor der Saal gefüllt ist und die Sache anfängt.

Weitere Gründe für die notorischen Verspätungen sind, dass viele Leute sich durchaus nicht zügig hinsetzen, sondern andere Leute begrüssen und luftküssen (was, wenn beide Beteiligten riesige Sonnenbrillen tragen, auch nicht gerade einfach ist) oder durch die Gegend schreien oder telefonieren oder alles zusammen. Und natürlich fängt die Show nicht an, bevor bestimmte wichtige Gäste anwesend sind, zum Beispiel Suzy Menkes (die allerdings immer ziemlich pünktlich ist). Suzy Menkes ist Fashion Editor der «International Herald Tribune» seit rund einem Vierteljahrhundert. Sie ist ein sogenanntes Original. Jede Sphäre hat ja ihre Originale, auch die Modewelt, deren Originale sich regelmässig dadurch auszeichnen, dass sie jeder kennt und ihr Urteil gefürchtet ist und sie irgendein Trademark haben. Suzys Markenzeichen ist ihre Pompadour-Frisur, und auch sonst ist ihr Stil distinguiert: immer etwas asymmetrisch und asiatisch. Insgesamt sieht sie aus wie eine ganz leicht exzentrische Bibliothekarin aus Basingstoke, was überhaupt nicht gegen Frau Menkes spricht, im Gegenteil.

Üblicherweise werden die Journalisten im Publikum nach Länderblöcken platziert. Eine Hierarchie in der Sitzordnung ist schwer zu erkennen (wenn man von der ersten Reihe absieht). Dann beginnt die Show. Und da sind, nach knapp 15 Minuten, auch schon Domenico Dolce und Stefano Gabbana auf dem Laufsteg, oder Stan und Ollie, wie wir sie zuhause nennen, und danken für den Applaus, und dann stehen alle wie auf ein geheimes Signal hin ruckartig auf und hasten zum nächsten Termin.

Der nächste Termin für mich ist Burberry um 16 Uhr an der Via Melegari. Bei Burberry werden feuchte Tücher und andere Erfrischungen gereicht. «Wie im Flugzeug!», quiekt ein kleiner Mann vor mir begeistert. Der Saal ist allerdings noch enger bestuhlt als bei Dolce & Gabbana. «Prorsum» ist die gewagtere Linie von Burberry fürs Prêt-à-Porter-Geschäft, die Laufstegkollektion im obersten Preissegment. Ich habe, wie der treue Leser weiss, nicht das geringste Problem damit, massenhaft Geld auszugeben (weil ich glaube, dass Geld zum Ausgeben da ist); aber das Preisniveau bei Burberry muss bei nüchterner Betrachtung doch als «hysterisch» klassifiziert werden. Natürlich wird jetzt nur die sogenannte Show-Kollektion vorgeführt, die mit der sogenannten Commercial Collection, die man später in den Geschäften sieht, bloss insofern zu tun hat, als dass sie quasi das Thema vorgibt.

Um sechs ist Versace. Im Versace Teatro an der Piazza Vetra. Donatella ist gut in Form. Auch am Abend. Da veranstaltet das Haus Versace ein Private Dinner in dem, was allgemein als «Giannis Garten» bekannt ist. Giannis Garten, das ist die Grünfläche hinter dem palazzo-ähnlichen Anwesen und Versace-Hauptquartier in Mailands diskreter Via Gesù, direkt neben dem Four Seasons. Die Grünfläche ist eher ein Park, aber das Dinner ist auch nicht wirklich «private». Die Grünfläche ist ausserdem bei weitem nicht so grün wie Donatellas Hosenanzug, der wie angegossen sitzt, während Donatella sich rauchend mit ein paar sehr dünnen Damen unterhält, von denen die meisten hässliche Knie haben, wie so viele Frauen, die zu mager sind.

Ich für meinen Teil habe mich dafür entschieden, mich für den Rest des Abends so wenig wie möglich zu bewegen. Also stelle ich mich an einen Tisch und trinke Gin & Tonic und verschlinge etwas frittiertes Gemüse. Doch bleibe ich nicht lang allein. Zunächst erscheint ein Gast im hellen Leinenanzug mit Kopftuch und weissen Schuhen. Ich persönlich finde, um als Mann ein Kopftuch tragen zu können, muss man entweder John Galliano sein oder ein Pirat, und ich konnte beiden Kategorien noch nie viel abgewinnen. Das Kopftuch fragt mich, ob ich von den Teigwaren gekostet hätte, was ich verneine.

Worauf das Kopftuch sagt: «Oh, you don’t eat?»

«No», erwidere ich, «never.»

Worauf das Kopftuch seine Augen an mir rauf und runter wandern lässt wie Scheinwerfer und endlich konstatiert: «I don’t think so.»

Anschliessend stellt sich der Präsident und Chief Operating Officer von Versace USA vor, der mich vertraulich mit «Philly» anspricht und, nebst anderen Dingen, fragt, wie mir die Show gefallen habe und ob ich ihm ganz ehrlich sagen könne, wie ich die Produkte des Hauses Versace bisher eingeschätzt hätte.

«To be perfectly honest», antworte ich, «I always thought them to be a bit …»

« … on the tacky side?», fragt der COO.

«You’re taking the words right out of my mouth!», erwidere ich. «Now, can you get me a diet coke, please?»

Tag 2

Mein erster Termin heute ist Ferragamo um eins. Salvatore Ferragamo, Schuster aus Neapel, hat unter anderem jene magischen Schühchen entworfen, die Judy Garland im Wizard of Oz trug. Ausserdem war Ferragamo die Lieblingsschuhmarke von Eva Braun. Salvatore ist bereits 1960 gestorben, und was wir nun sehen werden, ist die Männeranziehsachenkollektion des Hauses Ferragamo. Die Show findet im Palazzo Mezzanotte statt, und hier gibt es Bestuhlung mit Lehnen, ein seltener Luxus bei Fashion Shows. Darüber hinaus gibt es Freebies: auf jedem Platz liegt «F», das Ferragamo Eau de Toilette, und dies führt nun zu Szenen wie im Ausverkauf bei Otto’s Warenposten.

Man könnte meinen, die anwesenden Modedirektoren, Medienvertreter und Meinungsführer würden täglich von Freebies, Proben und Give-aways überhäuft. Aber vielleicht liegt es daran, dass es auch während der Fashion Week nicht mehr so grosszügig zugeht wie früher, jedenfalls scheuen sich einige Damen und Herren nicht, mal eben die Duftwässer von den umliegenden Sitzplätze einzusammeln und damit einen kleinen Eichhörnchenstapel unter ihrem Stuhl zu errichten.

Neben mir lassen sich Barbara und Renate nieder, zwei kräftig gebaute deutsche Damen, deren Vornamen ich kenne, weil sie sich gegenseitig andauernd damit anreden, und die ich gestern zufällig schon beim Rausgehen nach der Burberry-Show hinter mir hatte, als eine von beiden einen asthenischen Homo begrüsste mit den Worten: «Da bist du ja, mein Liebling, wo ist denn Thorsten?» Barbara ist die Fülligere von beiden. Sie trägt mehr Schichten übereinander als eine Ladendiebin in South Central Los Angeles, womit sie einen klassischen Fehler vieler dicker Frauen begeht. Und alles, was Babsi anhat, sieht irgendwie aus, als hegte es einen Groll gegen sie. Verglichen mit Babsi ist Renate bloss angezogen wie eine um Aufmerksamkeit buhlende Second-Hand-Laden-Braut aus Hamburg-Blankenese.

Barbara und Renate sprechen die ganze Zeit darüber, an welche Shows sie noch gehen und für welche Shows sie noch keine Einladungen haben. Dies tun sie auch jetzt, bis eine hagere Brünette mit dschungelrotem Lippenstift auftaucht und mit einer gewissen Entschiedenheit in der Stimme zu Barbara sagt: «Sie sitzen auf meinem Parföng!» Babsi muss den Platz räumen und das Eau de Toilette hergeben. Sie schickt einen hilfesuchenden Blick an Renate, die jedoch plötzlich völlig in ein Telefongespräch versunken scheint. Indessen setzt sich eine kleine bebrillte Japanerin links neben mich, die ich vor Freude hierauf fast umarme, denn ich befürchtete schon, Babsi würde den Platz okkupieren. Die kennt ja anscheinend keine Skrupel, die Babsi.

Um sechs ist Prada. An der Via Fogazzarro, in so einer Rohbetonhalle, in der neben einer Bar eine Art labyrinthischer Garten aus grünen Kunststoffblöcken errichtet worden ist. Es ist heiss und ein adipöser Fotograf kollabiert. Ich nehme Platz auf meinem Kunststoffblock, neben dem Schauspieler Sebastian Koch, der irgendwie ein bisschen verwirrt und traurig aussieht, aber andererseits, vielleicht ist er ja verwirrt und traurig, ich meine, das hier sind harte Zeiten für uns alle. Apropos harte Zeiten: einige Leutchen vertauschen wieder wie wild die Platzkarten. Dann beginnt die Show. Das typische Prada-Zeug. Alles vorgeführt von bleichgepuderten mageren Bübchen mit Prada-Frisuren und Gesichtsausdrücken wie entlaufene Irre. Dazu als Geräuschkulisse eine Mischung aus Schubert-Liedern und Fledermausgeflatter. Anyways. Ich habe gar nichts gegen Prada. Ich habe ein paar Sachen von denen und bin ganz zufrieden damit. Ein paar der Anzugjacken sehen nicht schlecht aus.

Abends bin ich zum Burberry Dinner eingeladen. Dieses findet statt im traditionsreichen Restaurant Alla Collina Pistoiese, und beginnt mit Vorspeisen, die niemand anrührt, wegen Fett und/oder Carbs.

Tag 3

Um die mörderische Zeit von 9:30 beginnt die Show von Dsquared. Das ist dieses Label, was von den kanadischen Zwillingen Dan und Dean Caten getragen wird. Schwule eineiige kanadische Zwillinge, die Dan und Dean heissen, hätte man früher wohl im Zirkus gezeigt, heute veranstalten sie den Zirkus, how funny.

Dolce & Gabbana mag in der Sphäre, aus der ich komme, als ordinär gelten – ist aber jedenfalls geradezu klassische Eleganz verglichen mit Dsquared. Dsquared, das sind so Sachen, in denen man sich Dieter Bohlen vorstellen kann. Oder Ralf Schumacher. Oder Sven Epiney. Und wer hat eigentlich die Lüge in die Welt gesetzt, Homos hätten guten Geschmack? Den Abschluss der Show bildet eine junge Dame in einem Fummel, den man vielleicht auf einer Tuntenbeerdigung in New Orleans tragen kann. Dann spritzen die Zwillinge noch mit Champagner und der Applaus ist lebhaft. Gib den Fashionistas ein paar Jungs in Badehosen und den Chor aus «I will survive» – und sie gehören dir!

Am Nachmittag absolviere ich ein paar Showroom-Termine. In Donatellas Anwesen taucht wieder mein alter Freund und Präsident von Versace USA auf und wir beschliessen, uns unbedingt gegenseitig zu besuchen. Ich trinke eine Tasse Kaffee im Cavo, dem bekanntesten Café auf der Modestrasse Via Monte Napoleone, wo angeblich sogar ab und zu ein Supermodel auftauchen soll, bis ich dann im Showroom bei Jil Sander erfahre, dass es heutzutage keine Supermodels mehr gibt. Sie sind ausgestorben, wie Trophy Wives oder Saurier, und ersetzt worden durch lebende Kleiderständer, für die man Herrenkonfektion in Grösse 42 anfertigen lässt, obschon 42 als Männergrösse eigentlich gar nicht existiert.

Und dann, um sechs, kommt die Show von Gucci. Gucci ist quasi ein nationales Ereignis und findet statt in einem ehemaligen Kino an der Piazza Oberdan. Ich will den letzten Direktzug nach Zürich erwischen, deshalb bleibe ich am Rand stehen. Suzy Menkes trifft ein. Mehr Leute als jemals zuvor treffen ein, einige scheinen ihre Kinder und Kindeskinder mitgebracht zu haben. Vor mir steht ein kleiner Italiener mit Bartstoppeln und einer Gucci-Einkaufstasche in der Ellenbogenbeuge, neben mir ein japanisches Fabelwesen mit Haaren aus der Spraydose und einem türkisfarbenen Trenchcoat, der so penetrant ist, dass der Elefantenmensch ihn tragen könnte, um von seinem Gesicht abzulenken.

Während ich noch diesem Gedanken nachhänge, hat sich das japanische Fabelwesen flugs bis aufs Unterhemd entkleidet und beginnt soeben, sich mit imprägnierten Tüchern abzuwischen. Dann niest es. Davon kann ich sonstwas kriegen! Aber die Show ist ohnehin zu Ende, und ich werfe mich in ein Taxi und rase zum Bahnhof, diesem leicht wahnsinnigen Mussolini-Bahnhof mit seinen sympathischen Langzeitarbeitslosen und Trunkenbolden davor. Vielleicht kommt er mir auch nur herrlich vor, der Bahnhof, weil ich merke, dass ich langsam genug habe von einem Milieu, wo Männer Handtaschen und gefärbte Haare und Strasssteine tragen und Frauen zuviel Parfüm auflegen, und das alles, weil sie als Kind (und auch später) nicht oft genug gedrückt worden sind.

Doch schon in Mendrisio vermisse ich Fashion Week ein bisschen. Und am Donnerstag gehen alle nach Paris.

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