Manche mögens heiss

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Wir sind mitten im Frühling, meine Damen und Herren, und zaghaft wird es sonniger, in Zürich und anderswo. Die Sonne treibt die Leute in Reihen und Gruppen auf die funkelnde, saubere Strasse, wo sie erst stehen bleiben und den Kuss der Wärme begierig fühlen und dann in seliger Trägheit vorüberschlendern, Arm in Arm gefasst, halb matt von der süssen Stimmung. So quillt und drängt der Frühling, der die Kunst durch Lenzgedichte zuweilen fördern soll. Jedenfalls fördert er (nicht immer begrüssenswerterweise) eine Tendenz zum Ausziehen. Ja, immer mehr Leute zeigen in der Öffentlichkeit mehr als den gesellschaftlich zugelassenen Teil ihrer Reize, und während dies manchmal erfreulich ist, so ist es auch bisweilen grausam. Und ungehörig. Besonders da, wo Menschen zwangsweise zusammenkommen, zum Beispiel in der Migros oder am Arbeitsplatz. Als ein Veteran des jahrelangen Kampfes gegen Birkenstock-Schuhe in öffentlichen Gebäuden nehme ich den Beginn der schöneren Tage gerne zum Anlass, die Frage zu klären: Wie viel ist zu wenig? Oder: Fünf goldene Regeln für die korrekte Spring-Summer-Garderobe am Arbeitsplatz.

  1. Die Grundregel ...

    ... ist einfach und hier auch schon festgestellt worden. Sie lautet: Man soll das Fleisch nicht ins Fenster hängen, wenn es nicht zu verkaufen ist. Das heisst: Auch an wärmeren Tagen sind Ärmellos oder Bauchfrei ein dickes fettes No-no bei der Arbeit. Sofern Sie nicht am Strand arbeiten oder an der Stange einer Stripbar am Flughafen. Grundsätzlich gilt fernerhin: Ziehen Sie sich für den Job an, den Sie haben wollen; nicht für den, den Sie haben. (Es sei denn, Sie wollen am Strand arbeiten oder an der Stange einer Stripbar am Flughafen.)

  2. Das heisst nicht, ...

    ... dass man beispielsweise im Büro völlig der Versuchung widerstehen muss, sich auszuziehen. Man kann an Hemd oder Bluse ruhig einen Knopf oder auch zwei offen lassen. Prinzipiell gilt: Frauen sollten nur einen Ansatz von Dekolleté zeigen, Männer nicht zu viel Brust(-Haare). Aber ein bisschen kann gut aussehen, wenns zum Typ passt. Und zur Branche: in kreativen und pseudokreativen Sparten wie Werbung und PR ist der Dresscode generell lockerer als bei Banken oder Bestattungsunternehmen.

  3. Kurze Hosen ...

    ... für Männer sind wieder modern, und wenn das dazu führt, dass endlich mehr Männer ihre Beine trainieren, umso besser. Aber sofern Sie nicht als Tennislehrer oder Paketzusteller arbeiten, gilt: Shorts am Arbeitsplatz sind absolut tabu. Für Frauen ebenfalls. Röcke für Damen hingegen sollten immer mindestens bis zum Knie gehen und sind neuerdings bei entsprechender Beinqualität auch ohne Strumpfhosen akzeptabel. Bedenken Sie allerdings, meine Damen: Knie verraten das wahre Alter.

  4. Zehfreies Schuhwerk ...

    ... ist am Arbeitsplatz lediglich für Damen erlaubt. Aber nur bei vorzeigbaren Zehen. Und keine Flip-Flops. Flip-Flops sind aus der Mode und seit jeher in 95 Prozent aller Bürokontexte unakzeptabel. Männer: zeigen keine Zehen, auch nicht, wenn sie als Herrenkonfektionsverkäufer arbeiten. In sogenannten Mandals sieht jeder ordentliche Mann pretty gay oder wenigstens modisch herausgefordert aus. Männer sollten stattdessen daran denken, dass:
    1. Die Qualität der Socken genauso wichtig ist wie die der Schuhe.
    2. Billige Schuhe auch billig aussehen. Bei Männerschuhen ist dies immer der Fall. Immer.
    3. Männerschuhe mit Mode nichts zu tun haben.
    N.B.: Birkenstocks als die absolut schlimmstmögliche Fussbekleidung aller Zeiten (ASFAZ) wurden inzwischen abgelöst durch: Crocs.

  5. Versuchen Sie nie, ...

    ... einen Mangel an Stoff durch gedeckte Farben zu kompensieren. Wenn Sie einen Minifummel in Schwarz anziehen, sehen Sie bestenfalls aus, als wollten Sie zur Beerdigung einer Stripperin gehen.

Im Bild oben: Zu wenig? Zumindest nicht die korrekte Garderobe für den Arbeitsplatz. (Keystone/Matthias Rietschel)