Der Teufel fährt Starlet

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Wie kann ich meinen Fahrstil beschreiben? Vielleicht so: Kennen Sie den Film «The Cannonball Run»? Jetzt stellen Sie sich vor, Sie wären auf dem Weg ins Kino, um in einer Cineasten-Matinée-Vorstellung diesen Film zu sehen, und vor Ihnen fährt ein klassisches Mercedes SL Cabrio, und zwar mit Tempo 80. OK: 60. Das bin ich. Sie kommen nicht vorbei, weil die Strasse zu eng ist und ich die Spur nicht halte. Ausserdem habe ich das Warnblinklicht oder die Nebelleuchte an, weil ich sie mit dem Scheibenwischer verwechselt habe. Mit anderen Worten: Ich bin, autofahrtechnisch gesehen, eine Frau. Und zwar eine 67-jährige Zahnarztgattin von der Zürcher Goldküste, die zu eitel ist, ihre Brille aufzusetzen. So lautete jedenfalls die Einschätzung von Richie, dem besten Ehemann von allen, der diese Feststellung traf, nachdem wir neulich von Zürich nach Lugano gefahren waren und ich für eine Teilstrecke das Steuer übernommen hatte. Besagte Teilstrecke bestand aus einer schmalen, kurvigen Landstrasse mit abschnittsweise starkem Gefälle. Zusätzlich wars dunkel. Und es regnete. Ich hatte also ziemlich viele Informationen auf einmal zu verarbeiten, und so ergab es sich, dass ich alsbald eine rasch wachsende Schlange von überholwilligen Fahrzeugen hinter mir herzog. «Kleines, du bist die Person, die man hasst, wenn man sie vor sich hat», konstatierte Richie.

Typen hinterm Steuer

Aber fahre ich damit wirklich wie eine Frau? Gibt es überhaupt so etwas wie männlichen und weiblichen Fahrstil? Nun, nach meiner ganz persönlichen Lebenserfahrung lassen sich grundsätzlich drei verschiedene Typen von Autofahrern unterscheiden:

1. die Souveränen: fahren so, als gehörte die Strasse ihnen, nehmen jede unbekannte Strecke mit Aplomb, dynamisch, vorausschauend, rücksichtsvoll und konzentriert

2. die Chaoten: kommen ebenfalls nicht langsam voran, allerdings nicht zuletzt deshalb, weil sie die Strassenverkehrsordnung nur sporadisch beachten, quasseln beim Fahren die ganze Zeit (inkl. Selbstgespräche), während im Fussraum gefährlich nah um das Bremspedal ein verklebtes Ginglas herumrollt; weitere beliebte Aktivitäten für diesen Typus zeitgleich zum Autofahren (in absteigender Reihenfolge): Telefonieren, Singen, Essen, Rauchen, Sex

3. Leute, die katastrophal fahren: verwechseln häufig rechts und links, ihr toter Winkel ist grösser als die Wüste Gobi, und wenn sie nicht mit dem Beifahrer über Fahrstil und Richtung streiten, beschimpfen sie andere Verkehrsteilnehmer

Soweit meine ganz persönliche Lebenserfahrung. Zu der übrigens gehört, dass Frauen vor allem in die Gruppen 2 und 3 sowie in deren Schnittmenge fallen. So wie ich. Wir landen also erst einmal beim alten Ergebnis: wenn man die Etiketten «männlich» und «weiblich» kulturell als Synonym für ein Set von Eigenschaften definiert, ungefähr nach dem Muster: männlich = determiniert, rational, aggressiv und weiblich = improvisiert, emotional, defensiv, dann sind zwar Madeleine Albright und Anna Wintour keine Frauen mehr (und Moritz Leuenberger und Xavier Naidoo keine Männer), aber es haut ungefähr hin, d.h. die Verteilung der Fahrer über diese Eigenschaften entspricht mit den üblichen Fehlertoleranzen ungefähr ihrem tatsächlichen Geschlecht. Doch hält eine solche Typisierung einer Verallgemeinerung stand, d.h. überträgt sie sich beispielsweise in irgendeiner Form auf die Wünsche und ermittelten Bedürfnisse der Geschlechter in Bezug auf den fahrbaren Untersatz? Hierzu gibt es Daten; Erhebungen aus Wissenschaft und Marketing haben durchaus geschlechtsspezifische Bedürfnisprofile in Bezug auf das Auto ermittelt. So sind für Frauen nach dem gegenwärtigen Stand der Marktforschung zum Beispiel viel Stauraum, gutes Sichtfeld, minimaler Wartungsaufwand sowie leichter Ein- und Ausstieg wichtig. Ausserdem ein Innenraum mit ansprechendem Design, angenehmen Materialien und jeder Menge Ablageflächen. Dazu eine niedrige Ladekante am Kofferraum, der idealerweise beleuchtet sein soll. Das hört sich alles sehr nach einem dominierenden Sinn fürs Praktische an. Das Problem jedoch ist, dass Frauen sich solche Qualitäten an einem Auto gar nicht notwendigerweise wünschen, sondern schlicht wünschen müssen, weil sie auch heutzutage oft genug das Auto als Familiennutzfahrzeug einzusetzen haben. Insofern ist auch das Argument, Frauen legten bei Autos weniger Wert auf Grösse und seien auch mit einem niedlichen Kompaktfahrzeug glücklich, quasi selbstbegründend: Frauen haben häufig immer noch weniger Geld als Männer und müssen schon deswegen kleinere Autos fahren.

Das Auto als kulturelle Instanz

Andererseits hat der Markt, hier in Gestalt der Automobilindustrie, natürlich (wie immer) schon längst vor dem kulturellen Diskurs um Auto und Geschlecht begriffen, dass es schlechterdings keinen Wagentypus gibt, der ausschliesslich vom einen oder anderen Geschlecht gefahren wird. Sondern dass auch Frauen bei Autos nach sinnlichen Werten, nach Stimmung und Stimulation verlangen und insofern nicht weniger als Männer ansprechbar sind für emotional besetzte Vehikel – zum Beispiel Cabrios. Wiederum andererseits zeigt Ihnen jede Umfrage in Ihrem Bekanntenkreis, dass bestimmte mit dem Auto verbundene Accessoires und Wertschätzungssymbole in der Tat geschlechtsspezifisch zugeordnet werden können: So sind Rugby-Lufterfrischer, Rückspiegel-Würfel, La-Cucaracha-Hupen und Stossstangenaufkleber mit dem Slogan «Italians Do It Better» (was übrigens nicht stimmt) eindeutig eher was für Herren. Und Frauen haben lieber Armaturenbrett-Wackelfiguren und Holzkugelsitzpolster. Erschlagen Sie mich, meine Damen, aber so ist es! Und das wiederum mag als Indiz dafür gelten, dass Männer und Frauen das Auto als kulturelle Instanz unterschiedlich bewerten. Das zeigt sich schon in der Art und Weise, wie die Anschaffung eines Wagens vorbereitet wird: Erwiesen ist, dass für Männer das Prestige von Kaufobjekten allgemein und von Autos im Besonderen wichtig ist und sie grundsätzlich eher mit einem bestimmten Kaufziel Geschäfte betreten, während Frauen einen Laden, auch einen, der Autos verkauft, vor allem auch betreten, um sich mal umzusehen. Männer beginnen sich regelmässig schon Monate, wenn nicht Jahre vorher mit dem Kauf zu beschäftigen, sie sammeln Fahrberichte und vergleichen Informationen, und sowas ist Frauen zu langweilig (und mir übrigens auch). Frauen kaufen also anders, aber sie messen dem Auto auch eine andere Bedeutung bei: Inzwischen sind zwar Luxuskarossen, die bisher ein rein männliches (oder, wie Frau Schwarzer vielleicht sagen würde: chauvinistisches) Statussymbol waren, auch zum Etikett gut verdienender, erfolgreicher Frauen geworden – doch es handelt sich hier eben um ein Statussymbol mit anderer Aufladung: Nach wirtschaftswissenschaftlichen Untersuchungen über den geschlechtsspezifischen Umgang mit Geld erwerben Frauen nämlich Prestigeobjekte wie repräsentative Autos, Schmuck oder teure Schuhe nicht in erster Linie, um ihre soziale Geltung zu erhöhen, sondern um (auch in ihren eigenen Augen) attraktiver auszusehen. Beziehungsweise vorzufahren.

Auto und Emanzipation

Eine Erklärungsmöglichkeit dafür, dass die soziale Geltung von bestimmten Fahrzeugtypen für Frauen weniger wichtig ist als für Männer, könnte darin liegen, dass mit Bezug auf Autos das Emanzipationsbedürfnis von Frauen tatsächlich ausnahmsweise geringer ist als das von Männern, jedenfalls wenn man die klassisch-psychoanalytische Technikdeutung zugrundelegt, wonach eine narzisstisch-faustische Möglichkeit, unsere Abhängigkeit von der Natur (und also von unseren Müttern) zu leugnen, darin besteht, Technologien zu erfinden, die uns als Bemeisterer der Natur erscheinen lassen. Demnach wäre das Auto (wie alle Technik) per se eher ein männliches Emanzipationsprojekt, und diese Theorie wird ja nicht allein deswegen unerheblich, weil sie meistens von Männern vertreten wird, die wir dem Volvo-Kombi-Typ zurechnen würden. Ja, der Begriff des «Frauenautos» selbst ist eine männliche Prägung, gewählt für all jene Vehikel, die nicht unbedingt nach Bemeisterung der Natur aussehen, weil sie klein oder rund oder rosa sind oder «Starlet» heissen. Längst erwiesen ist ja, dass die Wahrnehmung eines Wagens als Frauen- oder Männerauto nicht vom tatsächlichen Anteil weiblicher oder männlicher Fahrer abhängt.

Alle übrigen Autos wären dann ex negativo Männerautos, obschon dieser Terminus als solcher nicht existiert. Ganz sicher mit allen Attributen der Männlichkeit ausgestattet scheint jedenfalls die Kategorie der Sport-Utility-Fahrzeuge, also jener Monsterkarossen, die aussehen wie Geländewagen, obschon sie eigentlich nur für den Vorortverkehr tauglich sind. Autos, die so gross sind, dass die Sonne verdunkelt wird und die Erde erzittert und die Vögel davonfliegen, zum Beispiel der Ford F250 Monstertruck mit 6.4-Liter-V8-Motor. Wenn man diesen Wagen fährt, thront man so hoch oben, dass man das Gefühl hat, man steure einen Wohnblock aus einem Kommandostand im 23. Stock. Das ist bedeutsam, denn Verkehrspsychologen haben festgestellt, dass der Umstand, beim Fahren buchstäblich auf die anderen Verkehrsteilnehmer herabzusehen, das Selbstwertgefühl des Fahrers stimuliert. Sowas nennt man Strassenpräsenz.

The Real Housewives of Zurich

Nun kann es einem allerdings in Zürich, wo ich lebe, ohne weiteres passieren, dass man friedlich die weltberühmte Bahnhofstrasse hinunterläuft, und dann sieht man, wie beim Paradeplatz, direkt vor dem Hauptsitz der Confiserie Sprüngli, ein nachtschwarzer Ford F250 Super Duty Crew Cab mit Harley-Davidson-Sonderausstattung hält, und hinaus steigt: eine zierliche Blondine von der Zürcher Goldküste, keine Zahnarztehefrau und 67, sondern 37 und mit einem Hedge-Fonds-Manager verheiratet, das helvetische Gegenstück zur Soccer Mom, und zwar in dem Aufzug, der fachsprachlich als Off-Duty-Beverly-Hills-Housewife Attire (ODBHHA) bekannt ist: Seven-Jeans, Flip-Flops, Tank Top. Sowas hat natürlich sofort die Emaskulation des betreffenden Fahrzeugs zur Folge – sofern es sich überhaupt um ein Männerfahrzeug handelte, was a priori auch ganz entschieden kulturell bedingt ist: In den USA, dem Mutterland der SUVs, beispielsweise fährt der durchschnittliche Fahrer (unabhängig vom Geschlecht) etwa so gut wie ein betrunkener Rentner, und der einzige Weg, dort im motorisierten Verkehr zu überleben (besonders auf dem Freeway), besteht darin, die Strasse zu dominieren und alle anderen quasi von vornherein mit Nackenbiss einzuschüchtern, was am besten mit einer riesigen Karre geht – und trotzdem immer schwieriger wird, angesichts des Umstandes, dass praktisch alle anderen allmählich ebenfalls mit riesigen Karren unterwegs sind. Die logische Frage wäre: Was kommt als nächstes – Schützenpanzer? In den Vereinigten Staaten wurden übrigens bis dato grosse Limousinen in vermögenden Haushalten häufiger als in Europa auch als Zweitwagen gefahren, weshalb dort in der automobilen Oberklasse stets mehr Frauen am Steuer sassen, bis vor kurzem auch hier steigende Treibstoffpreise eine Trendwende eingeleitet haben.

Frauenautos ändern sich also nicht nur mit der Zeit, sondern auch abhängig vom Ort, und alles scheint wieder komplizierter als wir dachten, doch der Markt war auch hier wieder schneller als die gesellschaftliche Debatte. Rund achtzig Prozent aller Autokaufentscheidungen werden künftig von Frauen getroffen, sagen amerikanische Trendforscher, und die Hersteller wissen längst, dass Frauen wie Männer grundsätzlich die gleichen Kaufgründe nennen und wohl auch haben: Freude am Fahren, die Leistung, das Design, die Anmutung, die Strahlkraft der Marke. Deshalb hütet man sich vor geschlechtsspezifischem Marketing, zumal man aus unzähligen Marktanalysen weiss: Nichts ist für den Erfolg bei Frauen tödlicher als die Botschaft: Das ist ein Auto für Frauen.

Im Bild oben: Ist ein Auto wirklich sächlich? Ford F250 und VW Käfer. (Flickr/Telstar Logistics)

19 Kommentare zu «Der Teufel fährt Starlet»

  • Philipp Rittermann sagt:

    aber he – ich denke der hier neu und doch offiziell geschaffene begriff „suv-moms“ wird epochalen charakter erhalten. 🙂 (zumindest so lange, wie es den fonds-managern gut geht….).

  • Philipp Rittermann sagt:

    herr dr. tingler – denken sie nicht auch, dass es angebracht wäre, den titel ihres wunderbaren artikels umzubenennen in „asmodina fährt suv“ ?!?

  • Dino sagt:

    Auto ist immer mit Emotionen verbunden, somit kauft man nicht immer das Fahrzeug welches man braucht sondern will und warum eigentlich nicht? Schliesslich ist es bei anderen Konsumgütern nicht anders. Ich fahre einen F-150 mit 6.2 Liter – brauch ich den? Nicht unbedingt. Wollte ich den? Aber sicher! Warum sollte ich mich überhaupt für meine Träume rechtfertigen müssen? Die Blicke einzelner Leute sagen mir genug, gegenüber der besseren Hälfte oder der Welt werden abschätzige Sprüche gemacht aber in Realität würden sie diese Freiheit ebenfalls haben wollen. Tja, auch Heuchler müssen sterben 🙂

  • Golffahrer sagt:

    Beim typischen Mann spielt das Dominanzgehabe im Verkehr sicher eine Rolle. Die typische Frau bevorzugt kleinere Autos nicht zuletzt um beim Einparken nicht allzu peinlich auszusehen. Beim zunehmenden Trend zum Fahren von SUVs ist das Sicherheitsbedürfnis (sich geborgen fühlen) offenbar dann noch wichtiger.

  • P. Wyss sagt:

    War eine Zeit lang mit einem Daihatsu unterwegs und erntete von der Frauenwelt nur Verachtung. Mit meinem dicken Audi Coupé sieht die Welt ganz anders aus, komisch…
    Darum ist für einen Mann das Auto als Statussymbol geradezu essentiell, wenn er seine Gene weitergeben will!
    Übrigens: Die Marketingabteilung von GM hat die Zielgruppe für SUVs durch Studien identifiziert. Es sind vor allem schlechte Autofahrer mit einem geringen Selbstbewusstsein.

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