Grösse null

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Letzte Woche feierte, mehr oder weniger unbemerkt und nur so im engsten Kreise ihrer 5 Millionen Twitter-Verfolger, Victoria Beckham ihren 39. Geburtstag. Ungefähr gleichzeitig wurde gemeldet, dass Gwyneth Paltrow – nein, nicht zum schönsten Menschen der Welt gekürt wurde, wie Sie gestern der Pendlerpresse entnehmen konnten, sondern: offenbar zu den meistgehassten Celebrities weltweit gehört. Well, so unterschiedlich können Votings ausfallen. Frau Paltrow wird gehasst (auch wenn ich diesen Ausdruck ein bisschen stark finde, ungefähr so wie „schönster Mensch der Welt“) womöglich nicht zuletzt wegen ihrer bekanntermassen etwas abwegigen Ratschläge zu Lebensführung und Ernährung (ich habe Gwyneth Paltrow 2010 bei den Laureus Awards getroffen, wo sie mit grossem Appetit gegessen hat, und zwar vor allen anderen – aber das ist jetzt auch schon wieder etwas her und offenbar verschärfen sich Gwyneths Diät-Doktrinen ständig). Frau Beckham hingegen fiel bisher nicht zuletzt dadurch auf, dass sie mehr oder weniger gar nichts zu essen schien. Sie ist quasi berühmt dafür, nicht zu essen. Das tut sie, weil sie verstanden hat, dass unsere Zeit das Bild mit der Wirklichkeit verwechselt – besonders wenn man, wie Frau Beckham, keine Person, sondern eine Marke ist. Und die steht für Grösse null. Victoria Beckham ist zu einem dieser überrealen Abziehbilder der Celebrity-Gesellschaft geworden, ein 45 Kilogramm schweres Beispiel, wohin ein eiserner Wille bei ansonsten mutmasslich eher durchschnittlichen Geistesgaben führen kann. Und mutmasslich auch ein Menetekel in Louboutins, lebende Bejahung jenes durch Truman Capote berühmt gewordenen Ausspruchs der Heiligen Teresa von Ávila: «Es werden mehr Tränen über erhörte Gebete vergossen als über nicht erhörte.»

Wissen Sie noch – damals? Damals, als ein paar Leute für ein paar Augenblicke dachten, David Beckham würde Fussball in den USA zu einem Massensport machen. Und die Beckhams zogen nach Beverly Hills. Damals, im Blitzlichtgewitter am Flughafen von Los Angeles, sah es kurz so aus, als würde sie ein Lächeln hinkriegen – doch der Moment ging vorüber. Posh lächelt selten. Sie steht im Ruf, ziemlich anspruchsvoll zu sein. Weniger diplomatisch formulierte es die amerikanische Entertainerin Joan Rivers: Frau Beckham sei eine «arrogante Zimtziege». Aber Frau Rivers ist generell streng mit den Leuten und hat auch gesagt, dass Donatella Versaces Kopf aussähe wie etwas, das man in Afrika an die Tür hängt, um böse Geister zu verscheuchen.

«Posh», ihr Prädikat aus Spice-Girl-Zeiten, ist an Victoria Beckham hängengeblieben, ebenso wie ihre Neigung, selten die Zähne zu zeigen. Das kommt noch von früher, als sie einen Kreuzbiss mit Mittellücke hatte, was inzwischen, wie vieles an ihr, längst korrigiert ist. Korrigiert – aber deswegen noch lange nicht «posh». Dieses Wörtchen benutzt der Engländer für «piekfein» (ein Wort, was wiederum leider im Deutschen kaum noch benutzt wird) – und die Beckhams sind natürlich alles andere. Mental sind sie middle class, mit ihren Distinktionsbemühungen und ihrem Geltungsbedürfnis. Victoria Beckham feierte ihren Geburtstag in London, offenbar in Abwesenheit ihres Mannes, der derzeit für den Club Paris Saint-Germain spielt und in Frankreich blieb. Posh liess sich für Twitter vor einer Geburtstagstorte ablichten – ob sie ass, blieb durchaus unklar. Victoria Beckham hat einen Taillenumfang von 57 Zentimetern, den Kopf eines Kindes und neben ihr sieht jeder dick aus, selbst Eva Longoria. Ihr Körper, Kategorien wie «Alter» und «Scham» transgredierend, ist immer nur so alt wie seine allerersten Implantate. Frau Beckham war klug genug, ihre Nase im Naturzustand zu belassen, und von den Spekulationen über geliftete Knie oder Wangenfüllungen stimmen sicher weniger als die Hälfte, aber was stimmt, ist, dass aus Posh ein Fabelwesen wurde, mit apfelsinenfarbener Haut, Schlauchbootlippen und fussballartigen Brüsten, mit falschen Nägeln und künstlichen Haaren und Sonnenbrille in Suppentellergrösse, dazu Fendi-Taschen und Chloé-Schuhe in allen Farben, von weitem lustig, von nahem schrecklich: Poshzilla.

Als Davids Vertrag mit LA Galaxy auslief, verliess Familie Beckham Kalifornien. Dabei schien Beverly Hills, dieser famose Ort, wo man mit dem Aston Martin zum Briefkasten fährt und ein 40-Millionen-Franken-Anwesen als «unauffällig» bezeichnet wird, doch in der Tat ein natürlicher Lebensraum für die Beckhams zu sein, oder jedenfalls für Victoria. Schliesslich ist diese Gegend auch Geburtsstätte ihrer Grösse: Size Zero. Eine Jeans in Grösse null erfordert den Hüftumfang einer Zwölfjährigen. Victoria Beckham ist allerdings nicht zwölf, sondern wurde gerade 39, und mit 39 sollte man sich irgendwie entschieden haben, was man im Leben machen will. Inzwischen verbindet man mit Posh munteres Dilettieren in allen Sparten; dabei war, obschon sie wirklich nicht so super singen kann, ihre Solokarriere nach dem ersten Ende der Spice Girls im Jahre 2000 gar nicht so erfolglos; ebenso wie ihre Bücher, in denen sich Frau Beckham mit den Phänomenen beschäftigt, die ihr am Herzen liegen, nämlich mit sich selbst und damit, wie man sich hübsch macht. Mode scheint überhaupt das nächstliegende Betätigungsfeld für sie zu sein, sie hat längst ihr eigenes Label und pflegt auch sonst die Marke Beckham, für deren Schutz sie einiges tut. Zum Beispiel aus Kalifornien wegzuziehen, obschon sie vielleicht eigentlich lieber dort geblieben wäre.

Jedenfalls ging sofort wieder das Gerede los: Sie habe wertvolle Kontakte in der US-Modebranche zurücklassen müssen und es sei ihr zu kalt in London und David sei die ganze Zeit in Paris und das Autofahren finde Posh in England auch viel stressiger. Stimmt. Oder nicht? David Beckham stellt angeblich ständig die Coladosen im Kühlschrank um und faltet Unmengen von Handtüchern, wenn er unter Stress steht. Seine Frau scheint da weniger zimperlich. Sie lebt von Wasser und Gurken (vor denen Gwyneth Paltrow bestimmt nachdrücklich warnt), und wenn die Leute reden, dann reden sie eben. «Wenn ich mich darum kümmern würde, was die Leute von mir denken», sagt Frau Beckham, «hätte ich mir schon vor Jahren die Pulsadern aufgeschnitten.»

Im Bild oben: Victoria Beckham verlässt in Paris ein luxuriöses Modehaus. (Reuters/Gonzalo Fuentes)

25 Kommentare zu «Grösse null»

  • mae sagt:

    Dumm ist diese Frau sicherlich nicht. Denn mir Ihrem Label hat Sie sogar die Fashionindustrie beeindruckt. Auch wenn Sie nicht selber design, hat Sie sich doch die richtigen Leute geholt, um eine schöne und tragbare Kolllektion zu kreiiren. Ansonsten finde ich Sie auch weniger „cheap“ als andere Stars. Aber um ehrlich zu sein, muss man schon einen starken Charakter haben, um ein solches Leben zu führen und normal zu bleiben!!!

  • feldmann irene sagt:

    arme victoria…………….

  • Markus sagt:

    Könnte nicht besser geschrieben sein! „Stilikone“ jajajajajaja, passt aber zu Tom Cruise und zu seiner Zeit Katie Holms, genau „the same middle class brain size“ auch the gazillion bucks imponieren mir nicht im geringstem. Auf der einen Seite war Beckham sicherlich keine 50 Mio. wert bei den LA Galaxy’s Flanken Gott hin oder her. Bei Cruise ist es wie bei vielen shity überbezahlten US Schauspieler, es geht lediglich um die Boxoffice, wenig bis keine Schauspiel Kunst. Ich würde da mal auf entweder Penelope Cruz/Javier Bardem oder auf Roger Federer und Familie setzen. Saludos.

  • Was soll da? sagt:

    Herr Tingler, lassen Sie doch mal die Frauen in Ruhe. Gibt es auch einen Mann, über den man(n) lästern kann?

  • Hans Käslin sagt:

    Das die Frau Beckham es eigentlich ziemlich gut macht, sieht man allein schon daran dass solche Artikel existieren. Show Business ist Show Business. Es ist also eher ziemlich spiessig sich über die Show so aufzuregen wie das gewisse Leute hier tun. Unser Herr Doktor hat Ausserdem auch komplett „vergessen“ dass besagte Dame es auch noch geschafft hat mehrere Kinder, bisher skandalfrei, gross zu ziehen. Ausserdem ist die Dame gar nicht so unangenehm. Sagen zu mindestens diejenigen welche sie kennen. Aber die schreiben ja nicht darüber. Guten Tag

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