Gut im Bett?

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Es gibt so ein Format auf dem Fernsehsender «ZDFneo» (einem Spartenkanal, dessen Daseinsberechtigung ich nie so ganz verstanden habe, aber das macht ja nichts), das sich unter der Leitfrage «Wie werd’ ich … ?» mit Problemen der zeitgenössischen Selbstoptimierung befasst. Also zum Beispiel «Wie werd ich schlank?» oder «Wie werd ich reich?» oder was immer die Leute von ZDFneo für ihre Zuschauerschaft für erstrebenswert halten. Vielleicht soll das Ganze auch ein bisschen ironisch sein, damit kann man heutzutage ja viel entschuldigen. Egal. Moderiert wird die Reihe, die eventuell der Kategorie «Factual Entertainment» zugehörig ist, jedenfalls von zwei lebenden Rollenstereotypen, die sich im Dienste der leitenden Frage dann jeweils in Selbstversuche stürzen. Das Duo besteht aus einem leutseligen, etwas tölpelhaften Dauerteenager, für den man in Deutschland die Berufsbezeichnung «Comedian» eingeführt hat. Sowie dem Prototyp «angehende Kulturjournalistin / ewige Verlagsvolontärin», komplett mit Hipstabrille und Figurobsession. Die soll sich auf lustige Art mit dem Tölpel ergänzen und auseinandersetzen, davon soll die Reihe leben; sie lebt jedoch in der Tat von der Dynamik unterdrückter Antipathie (was ja auch unterhaltsam sein kann). Die Hipstamaus findet den Komiker nämlich eigentlich unter ihrem Niveau und hat ihm nicht wirklich was zu sagen. Egal.

OK. Und neulich lief diese Sendung nun also zum Thema: «Wie werd ich gut im Bett?» Denn es ist ja furchtbar, schlecht im Bett zu sein. Allerdings sind mutmasslich nicht eben wenig Leute schlecht im Bett, sonst würde es all diese Hilfs- und Beratungsdienstleistungen nicht geben. Nur geben wohl bloss die wenigsten ihre Defizite zu. «Schlecht im Bett» ist ja verwandt mit «langweilig», und zu letzterem Prädikat hat die Gesellschaftsikone Elsa Maxwell schon vor rund einem halben Jahrhundert treffend festgestellt: «Under pressure people admit to murder, setting fire to the village church, or robbing a bank, but never to being bores.»

Andererseits muss man ja auch überhaupt erstmal wissen, dass man schlecht im Bett ist, d. h. irgendjemand muss eine Norm aufstellen. Philosophisch gesehen ist das eine Herausforderung, weil ja «guter Sex» offenbar gar nicht so leicht zu fassen ist. Guter Sex hat ja offensichtlich nicht dieselben Bedingungen zu erfüllen wie, zum Beispiel, eine gute Unterhaltung. Oder ein gutes Auto. Manche Leute würden jetzt vielleicht sagen, dass beispielsweise ausdauernder oder irgendwie synchronisierter Sex eben guter Sex sei. Doch auch damit muss man vorsichtig sein. «Gut» ist nämlich ein Werturteil, eine sogenannte präskriptive Aussage, und wer Werturteile aus deskriptiven Prädikaten (also Eigenschaften wie «ausdauernd») ableitet, fällt dem anheim, was in der Philosophiegeschichte nach dem englischen Denker George Edward Moore als «naturalistischer Fehlschluss» bekannt ist. Vor Moore hat bereits der berühmte David Hume darauf hingewiesen, dass man ohne zusätzliche Annahmen nicht von einer Beschreibung einer Eigenschaft («ausdauernd») auf eine normative Qualität («gut») schliessen kann. Aber was bedeutet dann «gut»? Ist das jetzt objektiv oder subjektiv, eine Eigenschaft oder eine Wertung? Und wie wissen wir, was gut ist und was nicht?

Um eben das herauszufinden, liefen die beiden Selbsttester von «Wie werd ich gut im Bett?» zu Gurus, Workshops und vermeintlichen Sachverständigen. Was aber zwischen der ausführlichen Behandlung mehr oder weniger technischer Probleme dabei überhaupt nicht zur Sprache kam, war, dass aus versuchter Selbstfindung auch der totale Selbstverlust werden kann und unsere Zeit eigentlich statt der dauernden Pseudo-Selbstoptimierung dringend wieder die Tugend des Sich-damit-abfindens braucht. Das Erstaunliche ist ja, dass unsere Mediengesellschaft, die Wertigkeit gern mit Sichtbarkeit gleichsetzt, einerseits einen völlig hysterisierten Talent-Begriff hat (jeder kann per Casting Show angeblich zum «Supertalent» werden), aber anderseits nicht in der Lage ist, diesen Begriff zum Beispiel für die sexuelle Performanz zu akzeptieren: Es gibt einfach Leute mit Talent für Sex – und andere. Findet euch damit ab, Hipstabrille und Komiknerd. Und dass aus versuchter Selbstfindung auch der totale Selbstverlust werden kann, wissen wir spätestens seit Effi Briest.

Was aber immer seltener zu werden scheint, ist echtes Talent. Talent ist schliesslich nichts Machbares. Es ist ein Geschenk aus einer Sphäre hinter dem Erlebbaren, aus einer Welt, deren Schönheit und Erhabenheit uns nur mittelbar und in schwachem Widerschein erreicht (wie Albert Einstein es ausdrückte). Echtes Talent ist subversiv und synästhetisch. Es stimmt aufsässig und ironisch gegen die gesellschaftliche Ordnung, und lässt seinen Träger Schutz suchen beim freien Geist, beim Gedanken – oder bei Amphetaminen, wie Herrn Selznick. Guter Mann. Benzedrin in der Tasche wie Wechselgeld. Und jetzt höre ich auf. Ich schliesse mit Karen Krizanovich: Porn is to real sex as models are to real clothing. Nein, halt, ich schliesse noch lieber mit jener Erkenntnis, die ich unlängst bei einer Fahrt durch die endlosen Weiten von Kansas im Autoradio hörte: biggest turn-off for men: hairy upper lip; biggest turn-off for women: ugly underwear.

Im Bild oben: Ryan Kwanten und Sarah Snook im Film «Not Suitable For Children». (Foto: Wild Eddie)

20 Kommentare zu «Gut im Bett?»

  • Jutta Maier sagt:

    So ein Blödsinn kann ja nur von einem Mann verfasst werden. Denn die sind es für gewöhnlich, die zu faul sind, ihrer Partnerin einen Höhepunkt zu beschehren, oder sich mit den Bedürfnissen des Partners auseinander zu setzen. Die finden sich lieber mit der Frust der Gespielein ab. Tolle Einstellung!

  • Katharina I sagt:

    Danke, Herr Tingler, das war gut. 😉 Ist das nicht irgendwie auch Geschmacksache, ob einer gut ist im Bett? Die einen finden lautes Gestöhne schrecklich, die anderen turnen leise Seufzer ab. Zum Glück bin ich langsam aber sicher zu alt für dieses Thema. Und übrigens: Beruhigungstabletten sind hundertmal besser als Amphetamine.

    • Philipp Rittermann sagt:

      einen single malt als vorspiel und einen als nachspiel – da interessiert der hauptakt glücklicherweise nicht mehr wirklich.

  • Absurdistan sagt:

    Wer es überhaupt nötig zu fragen hat, ob er gut im Bett sei, kann nicht gut sein. So einfach ist das.

  • koni burkhalter sagt:

    sehr schön: „…dass aus versuchter Selbstfindung auch der totale Selbstverlust werden kann und unsere Zeit eigentlich statt der dauernden Pseudo-Selbstoptimierung dringend wieder die Tugend des Sich-damit-abfindens braucht“. eine quintessenz, die weit über den eh zu versexten sex hinausgeht…

  • Tom sagt:

    Talent wird überbewertet, wie auch schon Malcolm Gladwell in seinem Buch „Outliers“ hervorragend erläutert hat. Ob die „10’000 hours rule“ hier zutrifft, sei mal dahingestellt :-).

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