Der XX-Blick

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Das hier ist eine Liebeserklärung. Ich hätte es nicht für möglich gehalten, da ich bei gewissen Themen zum Pessimismus neige. Zum Beispiel, was Zeitungen angeht, bzw. die Möglichkeiten eines Einzelnen, diese zu beeinflussen. Aber nun hat jemand mich überzeugt, dass eine Einzelner, in diesem Fall eine Frau, einen Unterschied machen kann. Ihr Name: Andrea Bleicher, Chefredaktorin Blick.

Gross war das mediale Echo, als die Blick-Gruppe im Februar mit Bleicher zum ersten Mal eine Frau an die Spitze des Revolverblattes setzte. Journalisten schrieben Porträts, fabrizierten Hintergrundberichte und führten kritische Interviews – denn eine Frau, wie besonders! Und erst noch eine Mutter! Wird man jetzt das Seite eins Girl abschaffen? Wird nun ein Seite 1 Boy eingesetzt, so fragten die Journalisten und vor allem Journalistinnen. Denn Bleicher ist nicht nur Frau und ehrgeizig, sie hat auch zwei Kinder. Eine Karrieremutter also, die ihre Kinder nur am Wochenende sieht – kann das gut gehen?

Und was tat Bleicher? Sie blieb cool. Sie lächelte. Sie beantwortete die fachlichen, zum Teil auch die persönlichen Fragen, wies aber solche zu ihrem Privatleben zurück. Selbst auf die fiesesten Angriffe, die vornehmlich von weiblicher Seite kamen, nämlich ein bösartiges Porträt in der Gewerkschaftszeitung «Work», das keine Unterstellung und kein Klischee ausliess, reagierte Bleicher gelassen. Dort ereiferte sich die Autorin darüber, dass die künftige Chefredaktorin keineswegs beabsichtige, das Seite 1 Girl abzuschaffen, dass sie sich als junge Reporterin vor 15 Jahren vornehmlich mit BH-Körbchen und Bettgeflüster beschäftigt habe, Rechtspopulistin sei und ausserdem wahrscheinlich eine Frauenfeindin. Aber wie, fragte die Work-Autorin besorgt, werde die angehende ‹Blick›-Chefin «Mama Bleicher» ihrem rechtskonservativen Stammpublikum wohl erklären, dass sie «als Mutter ihre Karriere den Kindern vorzieht?» Eine perfide Frage, die bezeichnenderweise eben nicht der Blick-Leser stellt, sondern in diesem Fall eine Journalistin, die dem Blick-Leser aber liebend gerne souffliert.

Im besten Fall kann man dieses Elaborat als Beweis für die These sehen, dass niemand Frauen den Erfolg mehr neidet, als andere Frauen. Als das Branchenmagazin Persoenlich.com die «Blick»-Chefin auf den Vorwurf der Frauenfeindlichkeit ansprach, konterte sie gelassen, man solle sich doch einfach anschauen, wie viele Frauen in ihrer Redaktion arbeiteten. Und vielleicht hätte die «Work»-Autorin einfach abwarten sollen, bis Bleicher ihre Tätigkeit als Chefredaktorin aufgenommen hatte, bevor sie zum Rundumschlag ausholte. Denn sie schaffte etwas, was ich nicht für möglich gehalten hätte: Sie macht einen Unterschied.

Seit Bleicher am Ruder ist, ist der «Blick» tatsächlich anders geworden, subtil genug, um den Laien nicht zu verstören, aber so deutlich, dass ich die Boulevardzeitung viel interessanter finde als früher. Plötzlich sehen wir Porträts erfolgreicher Unternehmerinnen auf der Front des «Blicks», wir lesen Geschichten über Kinderkrippen, die dem Auflagenwahnsinn der Behörden zum Opfer zu fallen drohen, über Politiker von rechts und links, die vor Vaterstolz glühend mit ihren Babys vor dem Bundeshaus posieren und Eltern, die die Gefahren des Internets für ihre Kinder unterschätzen. Es gibt kein grosses Tamtam, aber während sich die Führungschargen von Schweizer Zeitungen händeringend fragen, wie sie das Frauenproblem lösen, ihre Redaktionen weiblicher und ihre Produkte für ein weibliches Publikum ansprechender machen können, setzt Bleicher einfach um. Vielleicht sollten besagte Führungschargen künftig einfach am «Blick» orientieren. Bleicher hat die Zeitung weiblicher gemacht – und ist zudem ein Vorbild für alle jungen Frauen, die etwas erreichen wollen. Es geht, man muss sich nur etwas zutrauen und seine Leidenschaften nicht vergessen. Und Bleicher hat das eben gerade nicht in ihrer Eigenschaft als Frau erreicht, sondern als talentierte Journalistin mit dem nötigen Biss und einer dicken Haut, an der die ätzenden Vorurteile abzuperlen scheinen. Ich gratuliere.

Im Bild oben: Ausriss der Frontseite des «Blicks» vom 5. März 2013.

28 Kommentare zu «Der XX-Blick»

  • bruno bernasconi sagt:

    Auch frauen halten ihre leser für blöd. dass die dame dachdeckerin ist, sieht mann doch schon am holz vor dem haus.

    • Fernbedienungs user sagt:

      @B.Bernasconi Da wird immer behauptet Blick-Leser hätten kein Niveau. Nun Sie als Tagi-Leser sind auch nicht unbedingt mit Niveau gesegnet und Ihre Bemerkung betreffend „Holz vor dem Haus“ ist nun wirklich deplaziert. Bevor Sie wieder mal einen Kommentar abgeben, egal zu welchem Thema, überlegen Sie ie sie vorher wasSie schreiben.

  • Stefan sagt:

    Ich lach mich kaputt: Das Portrait-Foto der Autorin des work-Artikels stammt von Shane Wilkinson. Für welches Schweizer Boulevard-Blatt hat der wohl halbnackte Frauen fotografiert..?

  • Fritz sagt:

    Ha haa ob jetzt Frau oder Mann man kennt den Blick ja ………………..!!!

  • Heiner Hug sagt:

    Ganz ehrlich: warum hat dieses Sinnieren über den „neuen“ Blick, so wahnsinnig viel Clicks erhalten?
    Wohl nur weil darauf mit einer Frau im BH gleich neben einer FDP Schlagzeile geworben wurde.
    So wurden unsere Ur-Instinkte angesprochen.
    Ganz nach dem Verkaufsrezept des Blicks.
    Nur, etwas fragwürdig ist das schon, einerseits stets für „Frauenthemen“ schreiben und sich dann solche Köder „ausleihen“.
    Ist jetzt das nur mir aufgefallen?

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