Oh Happy Day

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«Kleines», schrieb ich dem besten Ehemann von allen ins Büro, «die Hästens-Kopfkissenbezüge, die wir in Newport Beach gekauft haben, passen perfekt auf die Hästenskopfkissen hier in Zürich, obschon ich deren Masse nicht im Kopf hatte. Das ist very satisfying, in a Real-Housewives-of-Orange-County kind of way.»

Ich war also glücklich. Und weil heute International Happiness Day ist, meine Damen und Herren, der erste UN-gesponsorte International Happiness Day, was auch immer das genau sein und werden soll, wollen wir uns mit dem Phänomen des Glücks noch mal genauer befassen. Offenbar hat nämlich die durchschnittliche Person in Westeuropa heute ungefähr 10’000 Gegenstände in ihrem Besitz (eine Zahl, die nach meiner privaten Einschätzung nicht zuletzt dadurch zustande kommt, dass meine eigenen Anschaffungen die Konsumdefizite kompensieren von Individuen wie Herta Müller, die augenscheinlich noch nicht einmal über einen Ganzkörperspiegel verfügt, oder Sahra Wagenknecht, die offenbar mit drei Paar schwarzen Nylons und ebenso vielen Rüschenblusen und dem Kommunistischen Manifest auskommt, obschon sie dringend zusätzlich mindestens einen Damenrasierer benötigte, und zwar industrial size, dann könnte sie sich nämlich auch die schwarzen Nylons sparen).

Kultur vs. Konsum

Nun gibt es Geisteswissenschaftler, die die Auffassung vertreten, dass dieses Glück in der Art der daseinsvalidierenden Befriedigung, das wir heute durch Konsum erreichen, früher durch Kultur bewirkt wurde, und dass heutzutage der Verbrauch materieller Güter beispielsweise die traditionsreiche Kulturtechnik des Lesens ersetze. Während der Mensch früher Identitätserprobung und Selbstfindung vermittels Lektüre praktiziert hätte, geschehe dies heute durch Konsum; eine hochdifferenzierte Warenwelt impliziere dabei einen Zwang zur Festlegung, indem jeder kleine Kauf zum Akt der Persönlichkeitskonstitution geriete und Authentizität quasi nur eine Variable in diesem ewigen Spiel der Tauschwerte sei. Das irritierte, fragmentierte, zwangsflexibilisierte Subjekt werde inkludiert und exkludiert und instrumentalisiert in endlosen Transaktionen, der Schaffung von Lebenswelten und -werten durch Konsum, der Erziehung und Sozialisierung durch Konsumprodukte, die nebenbei gesagt die wirksamsten Massenmedien unserer Tage darstellten.

Örk. Ich bin entschieden nicht dieser Auffassung. Also der Auffassung, dass in unseren herrlich beschleunigten Zeiten zum Beispiel die alte, gemächlichere Kulturtechnik des Lesens verdrängt würde durch eine neue des entfesselten Konsums materieller Güter. Wenn Sie mich fragen, verhält es sich vielmehr so, dass das Buch als Gut genau jene Dynamik mitmacht, die für sämtliche anderen Güter – von Unterhosen über Joghurt bis zu Mobiltelefonen – festzustellen ist: Es (das Buch) durchläuft eine vielfache modische Differenzierung. Das heisst: Literatur (oder das, was mit diesem Etikett heutzutage versehen wird) wird durchaus nicht ignoriert; sondern sie wird konsumiert, konsumiert wie alle anderen menschlichen Artefakte, und wenn die Modisierung alle Bereiche durchdringt, so natürlich auch die des geschriebenen Worts; wenn zunehmend sämtliche Produkte der Mode unterliegen, so auch Bücher.

Natürlich ist das jedoch dann bei genauerem Hinsehen doch wieder in dem Sinne bedenklich, als dass «modisch» ja bedeutet, einer Konvention zu entsprechen, und diesbezüglich lassen sich mit Blick auf den gegenwärtigen Kulturstand zwei Konventionen ausmachen, die die Waren- und damit auch die Bücherwelt prägen, nämlich «Verflachung» (und das ist euphemistisch für «Verdummung») einerseits und «Ideologisierung» andererseits. Und das lässt dann so Titel erscheinen wie Susanne Fröhlichs Molligentrostyogabücher für semi-urbane weibliche Alleinstehende einerseits und Tendenzliteratur für den selbsterkannten politisch korrekten Gutmenschen andererseits, zum Beispiel verfasst von Frau Juli Zeh, einer deutschen Autorin, die in der Schreibschule gelernt hat und heute streng im Dienste der Partei tippt, eine typisch deutsche Erscheinung. Auch typisch deutsch ist, dass die Partei gelegentlich wechselt. Augenblicklich ist es der deutsche Zweig der sogenannten Piratenpartei, als deren quasi-offizielle Pressesprecherin Frau Zeh gewissermassen auftritt oder auftrat, vielleicht auch, weil die offiziellen Exponenten dieser pseudopolitischen Bewegung oft sozial eher unbeholfen sind und gerne mal sofort Burnout bekommen, wenn sie öffentlich agieren sollen. Dass solche Existenzen dennoch als Politiker durchgehen, ist kein Problem in den Augen von Frau Zeh, die das toll findet, dass man Politik jetzt auch im Dialog mit seinem Computerbildschirm veranstalten könne, weil sie, Frau Zeh, erklärtermassen zu den Leuten gehört, die nicht gerne aus dem Haus gehen. Und so sehr ich dies bei Juli Zeh verstehe und begrüsse, so wenig kann ich das für den Typ des Politikers akzeptabel finden. Politiker müssen aus dem Haus gehen. Sonst können sie keine Entscheidungen treffen, die andere Leute betreffen.

Konsum und Freiheit

Ich bin, der Leser wird es längst gemerkt haben, kein Feind des Konsums, sofern er mit dem Markt einhergeht, den ich von allen Ressourcenzuteilungsmechanismen am meisten schätze, denn der Markt ist immer noch jene Form der Allokation von Gütern, die mit einem Mindestmass an ideologischer Unterfütterung auskommt und dem Einzelnen die grösste Freiheit lässt. Konsum und Konsumprodukte als Rollenangebote stehen grundsätzlich allen offen, die freie Entfaltung des Individuums im Wechselspiel von Individualität und Zugehörigkeit ist eines der grossartigen Angebote der Konsumgesellschaft, ein Glücksangebot ohne Fundamentalismus und Aggression. (Ich glaube, das habe ich in diesem Magazin schon ein paar Mal gesagt, doch ich werde nicht müde, es zu wiederholen; ich bin die Margaret Thatcher des «Tages-Anzeigers», irgendjemand muss es ja sein.)

Natürlich macht Konsum allein nicht glücklich, das ist eine Binsenweisheit. Aber der abgeschmackte Einwand einer desavouierten linken Kulturkritik, die eine globalisierte Warenkultur zum neuen Totalitarismus erklärt, der den Menschen nötige, seine innere Leere mit der Erfüllung ständig frischer Konsumimperative zu übertünchen, dieser Einwand zeigt, so plakativ und dogmatisch und falsch er ist, unwillkürlich ein anderes Manko auf, und dies ist in der Tat beklagenswert: Die offenbar inhärente Tragik der modernen, freien, emanzipierten Konsumgesellschaft besteht darinnen, dass sie keine oder jedenfalls wenig geistvolle Gegner hat, namentlich nicht auf dem Feld der Literaten.

So viel dazu. Glückserfahrungen haben ein unverfügbares Moment. Und der wundervolle westliche Wertepluralismus ist das Resultat der Erkenntnis, dass eine Definition des guten Lebens immer etwas Gewaltförmiges hat. Ich grüsse Sie aus dem Land der Freiheit und unbegrenzten Möglichkeiten: Happy Happiness Day, y’all!