Gesucht: Streberin of Switzerland

Blogmag_Hugo

Ich kriege dieses Bild von Marc Sway, Juror in der Sendung «The Voice of Switzerland», nicht mehr aus dem Kopf. Frisur wie aus der Steckdose, der Mund klappt stumm auf und zu wie der eines Fisches auf der vergeblichen Suche nach Ausdruck, so sitzt er da, als hätte eine gewaltige Welle ihn an die Lehne seines Stuhls geklatscht. Und Rapper Stress wirft im Nebenstuhl seine hübsche Stirn in Falten, schlägt die Hände vors Gesicht, linst hindurch, schüttelt den Kopf und seufzt schwer.

Es sieht aus wie Entsetzen, ist aber Begeisterung. Die Naturgewalt, welche diese sonst nicht um Worte verlegenen Herren dermassen ausser Gefecht setzte, sind die sonst von Männern eher zurückhaltend konsumierten «Emotionen». Dies jedenfalls bekennen die Herren zwischen ihren Stossseufzern. Geweckt wurden sie durch die Stimmen der von ihnen mit geübtem Ohr ausgewählten Kandidatinnen für die Show um das begabteste Goldkehlchen der Schweiz. Kandidatinnen, richtig. Denn in der vergangenen Sendung wurde eine schmerzhafte Bresche in die Reihe der männlichen Bewerber geschlagen. Die waren zwar von Anfang an schwächer vertreten und bald war auch klar, dass die Männer versuchen würden, eher mit Charakter und Eigenwilligkeit zu trumpfen, als mit Stimmgewalt. Aber in einer Show, da es um gesangliche Leistung und Hühnerhautfaktor geht, ist Charakter etwa so potent wie ein Goldfisch auf Ecstasy. Die Frauen hingegen sind nicht nur telegener als die Männer, sie sind allesamt ehrgeizige Perfektionistinnen.

Das ist bemerkenswert. «The Voice of Switzerland» ist angetreten mit der ausdrücklichen Ziel, nicht den coolsten neuen Popstar, die vermarktungstauglichste Rockröhre zu finden. Sondern bloss die eine, die einzige, die beste Stimme der Schweiz. Egal, wie ihre Trägerin oder ihr Träger ausschaut oder sich auf der Bühne bewegt. Und es zeigt sich: Die Männer haben keine Chance.

Ist es erlaubt in diesem Szenario allgemeine gesellschaftliche Tendenzen zu erkennen? Wohl kaum – wenn man von der Tatsache absieht, dass die Frauen bei den Kandidaten die erdrückende Mehrheit stellen, in der Jury aber nur mit einem Viertel vertreten sind. Trotzdem darf man sich natürlich fragen, warum die Männer in der Gesangsshow gegenüber den Frauen so abstinken. Mögen die Juroren vielleicht ganz einfach Frauenstimmen lieber? Ist singen eine vornehmlich weiblich konnotierte Eigenschaft, weshalb auch mehr Frauen sich dieser schönen Kunst widmen? Oder steckt etwas ganz anderes dahinter?

Vielleicht. Was ich meine, zeigte sich an der Battle zwischen Rapper Hugo und Sängerin Tabea besonders deutlich. Bei der Aussicht, gegen den Urner Baggy-Pants-König antreten zu müssen, könnte Tabea, Typ Country-Sängerin, entspannter nicht sein. «De Hugo isch stärker im Groove und ich bi stärker i de Stimm», lächelt sie im Interview. Hugo kann zwar nicht singen, aber er sagt: «Wenn ich zu wenig Platz han, dänn mach ich mir Platz.» Im Duell trällert Tabea dann glockenrein, während der arme Hugo sich trotz «Groove» durch den anspruchsvollen Song räuspert – und verliert. Sein Plätzchen muss er jetzt woanders suchen.

Irgendwie symptomatisch. Denn natürlich ist eine Tabea technisch besser als ein Hugo, genau so wie alle anderen Frauen in der Show die Männer mühelos an die Wand singen. Da sammeln sich die unterschiedlichsten Stimmen und ein ums andere mal denkt man: Wow, wieso ist diese Frau nicht längst berühmt? Vielleicht genau deshalb: Weil sie so perfekt sind, dass es schon wieder langweilig ist. Perfektion alleine war noch nie der Schlüssel zum Erfolg – meistens sind es vielmehr die kleinen Fehler und Unzulänglichkeiten, die erst den Unterschied machen. Aber bei «The Voice of Switzerland» zählt das genau so wenig wie in der Schule oder im Berufsleben: Die Lehrer sind froh um Streberinnen und noch froher sind sie, wenn diejenigen, die sich nicht so perfekt in die Strukturen einpassen, eliminiert werden. Die Frage ist bloss, ob dadurch nicht das Beste verloren geht.

Im Bild oben: Hugo und Tabea während ihrem gemeinsamen Auftritt in «The Voice of Switzerland». (Foto: Screenshot SRF)

37 Kommentare zu «Gesucht: Streberin of Switzerland»

  • Alfred Scheidegger sagt:

    Guten Abend Frau Binswanger,

    haben Sie Tabea und Hugo gefragt ob Sie das Bild verwenden dürfen ?

    Ich bin Rentner (68 Jahre alt) und beobachte nun, seit ich VIEL Zeit habe mit sehr GROSSER Sorge
    die Entwicklung des Multimedialen Zirkuses, das wird böse Enden. Ich hoffe Sie schicken nach
    dieser Aussage nicht gleich einen Pfleger mit Zwangsjacke zu mir.

  • Hans Wurst sagt:

    Ich bin immer wieder erstaunt aus was alles frau ein Gender-Thema machen kann. Frauendominanz: Auch das Genderfragenmillieu ist in Form von Genderbeauftragtinnen, Genderjournalistinnen + Genderirgendwas vor allem von Frauen bewirtschaftet. Frauen können das einfach besser. Bei VoS ist die Sachlage klar, Jurybedingt. Ich als Mann höre lieber Frauenstimmen, nicht das Allerweltsstimmengequäke von Gisel, sondern Charakterstimmen wie Loraine, Brandy, Nicole, Ella, Landara. Meine Tochter gefallen die Männer besser. An was das wohl liegt? Im Islam ist es z.B. Frauen verboten öffentlich zu singen.

  • Andi Meier sagt:

    So hat die Sendung wenigstens den richtigen Titel, es wird nur eine Stimme gesucht, kein/e Musiker/in oder Persönlichkeit. Ob nun ein Mann oder eine Frau gewinnt ist eigentlich egal, sie sind alle austauschbar. So etwas wie Charakter wäre da auch störend, schliesslich sollen sie bis zur nächsten Staffel wieder vergessen sein.

  • Liz sagt:

    In dieser Sendung wird die beste Stimme gesucht. Das geht so: es stellt sich ein Mensch auf eine Bühne und singt ein Lied, so gut er es kann, mit der ihm eigenen Charakterstimme. Die Jury sieht den Menschen nicht sie hört nur hin, (so haben auch die weniger schönen und hippen mal eine Chance). Stimmen wie die von Brandy oder Nicole berühren, sind perfekt, egal was sie singen. Sei es nun ein Cover ein Kirchenlied oder eine Eigenkomposition. Das hat weder etwas mit Langeweile noch mit dem Geschlecht zu tun. Wem das so nicht passt, der soll doch wegzappen oder seine Lieblingsband hören.

  • Lucky Luke sagt:

    Wer fernseh luegt isch sälber schuld!

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.