Wenn Mädchen Mädchen knutschen

madonna kuss 3

Dass auch eine Boulevardzeitung wie der «Blick» in die Jahre kommt, zeigt sich an seiner mitunter fehlenden Potenz. So sehr das Boulevardblatt im Vorfeld zum Luzerner «Tatort» auch versuchte, sich mit atemloser Berichterstattung über den «Lesbensex» in Stimmung zu bringen, der Skandal um die Liebelei von Liz Ritschard mit einer Frau liess sich einfach nicht richtig hochstemmen. Dass eine Luzerner Kommissarin der gleichgeschlechtlichen Liebe verfällt, schien das Publikum wenig zu beeindrucken.

Weibliche Koketterie mit Homosexualität ist im Showgeschäft eine gern zitierte Fussnote, seit Madonna bei den VMAs im Jahr 2003 Britney Spears und Christina Aguilera öffentlichkeitswirksam auf der Bühne abknutschte. Katy Perrys Hymne an die Lollipop-Lippen einer Freundin eroberte den Globus. Und wenn heute Stars von Kate Moss über Rihanna bis Lady Gaga den Medien versichern, dass attraktive Frauen auf der Bettkante durchaus willkommen sind, gehört das mehr zum guten Ton, als dass sich jemand darüber aufregen würde. Sind wir also endlich so weit, dass wir uns nicht mehr darüber aufregen, dass Menschen sexuell auch am eigenen Geschlecht interessiert sein können?

Nicht ganz. Oder eher: Während dem Publikum bei der Vorstellung knutschender Frauen ein wohliger Schauer über den Rücken läuft, gilt das für Männer in ungleich geringerem Mass. Oder kann man sich vorstellen, Justin Bieber würde plötzlich wie Lady Gaga mit Pokerface davon berichten, wie er mit seiner Freundin im Bett liegt und sich dabei vorstellt, sie wäre ein Mann? Kann man sich einen Justin Timberlake vorstellen, wie er zwischen halbnackten Chippendales tanzt und mit ihnen flirtet? Das würde beim Publikum wohl eher für Verstörung sorgen.

Warum also werden bisexuelle Frauen beklatscht, während ein Mann, der plötzlich einen anderen Mann abknutscht, immer noch verstörend wirkt? Wahrscheinlich könnte man darüber eine ganze Doktorarbeit schreiben. Ich will es bei zwei Bemerkungen belassen. Vorausgeschickt sei, dass es bei dem, was Madonna und Co. zeigen, ja keineswegs um gelebte Homosexualität geht, sondern um die Inszenierung einer unverbindlichen sexuellen Fantasie. In den vergangenen zwei Jahrzehnten schaffte es eine Vielzahl starker Frauen, das Pop-Business zu erobern. Mit offensiv zur Schau gestellter Stärke, Dominanz und Unabhängigkeit inspirierten sie ihr junges weibliches Publikum, neue Gender-Rollen zu erobern. Sie signalisierten, dass es auch Frauen möglich ist, die Spielregeln zu bestimmen. Wenn Madonna, Lady Gaga oder Rihanna so viel Wert darauf legen, alle wissen zu lassen, dass sie sich gelegentlich auch eine Frau ins Bett holen, wollen sie damit sagen: Was Männer können, können wir schon lange. Oder noch deutlicher: Männer? Es geht auch ohne.

Frauen können männliche Kleider anziehen und männliche Rollen für sich adaptieren und wirken dadurch stark. Im umgekehrten Fall funktioniert das aber nicht. Tun Männer dasselbe in der umgekehrten Richtung, wirken sie schwach, ja lächerlich – deshalb heisst das einfachste Rezept für eine Komödie auch im 21. Jahrhundert noch: Steck einen Mann in Frauenkleider und du wirst etwas zu lachen haben. Der Flirt mit der Homosexualität wirkt bei Frauen cool, während Männer in derselben Situation verwundbar und verletzlich wirken.

Es gibt Leute, die aus diesem Umstand Frauenfeindlichkeit ablesen wollen, nämlich dass einmal mehr nur die männliche Rolle zählt. Ich glaube nicht. Ich glaube, letztlich steckt Angst dahinter – oder vielleicht auch Neid. Wie es der Komiker Stephen Colbert jüngst formulierte: Eine Studie hat ergeben, dass schwule Männer weniger gestresst sind vom Leben als Heterosexuelle? Aber natürlich – sie müssen sich nicht mit Frauen rumschlagen.

Aber im Ernst. Es wäre, um auf den «Tatort» zurückzukommen, viel spannender gewesen, hätte Regisseur Dani Levy Reto Flückiger mit einem Mann herumknutschen lassen, das wär wirklich mutig gewesen. Auf die entsprechende Frage des «Blicks», ob das nicht auch eine Variante gewesen wäre, antwortete Levy: «Das hatte ich mir nie überlegt. Aber ich denke, das wäre nicht sehr glaubwürdig, so wie die Figur angelegt ist.» Vielleicht hätte Levy es aber einfach mal ausprobieren sollen.

Im Bild oben: Britney Spears und Madonna auf der MTV-Bühne 2003.

22 Kommentare zu «Wenn Mädchen Mädchen knutschen»

  • Coccinelle sagt:

    Eigentlich wurden Frauen ja von Männern in diese „lächerliche“ Rolle gezwängt. Wir lebten lange genug in einem Patriarchat um die Rolle der Frau überhaupt als Solche zu definieren. Wäre es nach den Frauen gegangen, hätten wir wohl nie nur Röcke getragen. Obwohl man ja bedenken muss dass sowohl Schotten wie auch Römer Röcke tragen und darin trotzdem männlich wirken.
    Wie auch immer, auch ich knutsche im Ausgang oft mit meinen Freundinnen, einfach weil’s Spass macht. Gefühle sind keine vorhanden. Manchmal auch um einem Mann eins auszuwischen, der uns kurz davor billig angequatscht hat.

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.