Ist Lammfell ebenso verwerflich wie anderer Pelz?

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Ich habe meinem Vater zum Geburtstag ein paar klassische Hausschuhe aus Lammfell geschenkt. In der Folge entbrannte in der Familie eine Diskussion darüber, ob man das dürfe: Lammfell tragen. Ist das nicht auch einfach nur Pelz? Oder ist es vielmehr konsequent, sämtliche Körperteile zu verwerten, wenn das arme Tier ohnehin für sein Nierstück stirbt? Wir wurden uns nicht einig. Was meinen Sie? S. P. aus B.

Liebe Frau P.

Ich habe Sie sofort in mein Herz geschlossen. Weil Sie so viel Feingefühl für die Kreatur an den Tag legen. Und natürlich rennen Sie bei mir damit offene Türen ein; ich gestehe auch gleich frank und frei, in dieser Frage Partei zu sein, so als strikte und unbeugsame Vegetarierin.

Jedenfalls: Lammfell wird gewonnen, indem das Lamm getötet wird. Jetzt kann man in der Tat argumentieren, dass, wenn dem schon so ist, man ja grad alles verwerten soll, was ein Babyschaf so hergibt, weil es sich ansonsten um Verschwendung handeln würde. Klingt vernünftig. Und weit weniger verwerflich als beim Nerz, der ausschliesslich wegen seines Pelzes gezüchtet wird. Man könnte also sagen, dass es sich mit dem Lammfell ähnlich verhält wie mit dem Leder, so im grossen Ganzen, dass es sich also um eine Art Abfallprodukt handelt (das ist jetzt ein bisschen vereinfacht, denn genau genommen stimmt das in beiden Fällen nicht ganz). Kurz: Man könnte zum Schluss kommen, dass Lammfellhausschuhe unverdächtig sind und ohne schlechtes Gewissen getragen werden können.

Man könnte aber auch, wie Sie, beste Frau P., ein bisschen weiterdenken. Und sich ganz grundsätzlich fragen, was denn von dieser Fleisch- und Fellproduktionsmaschinerie eigentlich so zu halten sei. Es handelt sich dabei, wie man längst weiss, um einen ethisch fragwürdigen Stumpfsinn, nicht nur, weil der Umgang mit den Tieren häufig eine ziemlich hässliche Angelegenheit ist, sondern auch, weil das Ganze eine katastrophale Gesamtökobilanz aufweist. Kurioserweise kümmert das den sich gerne kultiviert und wahnsinnig politisch korrekt gebenden Mitmenschen, der wahlweise Atomstrom oder Autos oder Handyantennen oder Günstigmodeanbieter böse findet und sich furchtbar entrüstet ob der Klimaerwärmung, an der ja immer alle anderen schuld sind, einen Dreck.

Weshalb dem so ist, erschliesst sich mir nicht. Es muss daran liegen, dass wirklich zuerst das Fressen kommt und erst dann die Moral.

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38 Kommentare zu «Ist Lammfell ebenso verwerflich wie anderer Pelz?»

  • Pippi Langstrumpf sagt:

    Wenn es mal kein Lammfell mehr gibt, weil niemand mehr Fleisch ist, löst sich diese Frage von selbst. Dann werden wir Alternativen suchen und finden. Aber solange Leder, auch behaart, tatsächlich ein Nebenprodukt ist, habe ich kein Problem damit, das auch zu tragen. In der Tat gibt es nichts Kuschligeres als Lammfell-Stiefel, oder einen Mouton retournée Mantel. Selber esse ich übrigens kaum Fleisch, vielleicht 200 g im Monat oder noch weniger. Nie Lamm, nie Kalb, nur Bio-Weidefleisch von ausgewachsenen Tieren. Es gibt in dieser Frage nicht nur ein entweder/oder IMHO.

    • Marco Casutt sagt:

      „Es gibt in dieser Frage nicht nur ein entweder/oder IMHO.“

      Doch, auf jeden Fall. Selbst wenn man die Lampenschirme aus dem KZ Buchenwald sehr schön findet, ist es ethisch in jedem Fall verwerflich, so einen aufzuhängen, oder gar Geld dafür auszugeben und die Ausbeutung und Gewalttaten damit gutzuheissen, die dazu nötig waren. Das ist ethischer Imperativ. Übrigens gibt es längst viel bessere Alternativen zum minderwertigen Material Leder.

  • Olivia Kaufmann sagt:

    Eine Antwort wird leider auch in diesem Artikel nicht geliefert. Aber es gibt sie wahrscheinlich auch gar nicht, die ‚richtige‘ Antwort, da wir ja alle nur Menschen sind. Ich habe einen wunderschönen Lammfellmantel geerbt und trage diesen sehr gerne, da er wunderbar warm hält. Ich bin ein grosser Tierfreund, behandle meine eigenen (und alleTiere) mit grösstem Respekt und lasse es Ihnen an nichts fehlen. Auch unterstütze ich viele Tierhilfsorganisationen. Ich kann die Welt leider auch nicht retten, indem ich friere und kein Fleisch mehr esse, aber ich kann im eigenen Umfeld viel tun…

    • Marco Casutt sagt:

      „aber ich kann im eigenen Umfeld viel tun…“

      Sie können sogar ganz ohne Umfeld selbst viel tun, bspw. indem Sie aufhören, Ausbeutungsprodukte wie „Fleisch“, „Eier“ oder „Milch“ zu kaufen.

  • Reto Burgener sagt:

    Ich stehe da grad auf dem Schlauch. Das ‚Fell‘ der Schafe gibt doch Wolle, oder ? Nimmt man die Haut per se, ist es doch eher Leder ? Sind das also Schafs-Woll-Finken inklusive Haut?

  • Olivia Kaufmann sagt:

    Mein lieber Herr Casutt, na Ihren Lebensstil würde ich ja auch ganz gern unter die Lupe nehmen ;). Missioniererei ist etwas fehl am Platz – oder sind Sie etwa perfekt? Dann würde ich mal aufhören, auf Computern herumzutöggelen, die in menschenausbeutenden Ländern produziert werden. Das wäre doch ein Ansatz…

    • Marco Casutt sagt:

      Ausbeutung vermeiden zu wollen hat weder etwas mit „Missionieren“ (Hobby von Theisten, also Speziesisten) noch mit Perfektion zu tun. Die Tatsache, dass andere nicht „perfekt“ (was soll das heissen?) sind, als Rechtfertigung für eigene Verbrechen zu verwenden, ist nett ausgedrückt beschämend. Woher wissen Sie, wie der Computer hergestellt wurde, auf dem ich „herumtöggele“?

  • Chris sagt:

    Es wird sicher spannend, wie Frau Weber aus dieser Sackgasse wieder rauskommt. Eine Stilberatung, die auf Lederschuhe, -gürtel, -taschen, Bekleidung aus Wollstoffen, Filzhüten, Daunenjacken etc. verzichtet, ist zumindest ziemlich einmalig.

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