Spuren des Fortschritts

Oder Zeichen der Stagnation?
Tingler

Die grösste Bühne für Breakdancer waren bisher die Red Bull BC One World Finals. Das soll sich bald ändern. Foto: Romina Amato (Getty)

Wir leben in Zeiten, meine Herren und Damen, wo uns jeden Tag Schlagzeilen begegnen wie: «Naddel war beim Zahnarzt». In Zeiten, in denen andererseits für bestimmte sozialmoralische Milieus die ketogene Küche als Ausdruck des Aufstands eines individuellen moralischen Gewissens fungiert (ungefähr so wie er früher in verschiedenen existenzialistischen Theaterstücken beschrieben wurde). Das, was man «Kultur» nennt, entwickelt sich bekanntlich in verschiedene Richtungen und ist allgemein nicht leicht zu fassen.

Der Soziologe Ulrich Beck sprach bereits vor Jahren statt vom Individuum vom «Dividuum», womit er den in viele Optimierungsrollen und unverbundene Teilpersönlichkeiten zerfallenen spätmodernen Menschen kennzeichnete, jenen Daseinszustand, den er auch als das «unternehmerische Selbst» bezeichnete. Das wiederum ein typisches Erscheinungsbild unserer fragmentierten Kultur zu sein scheint. Oder gilt hier schon Peter Sloterdijks Wort vom «übersoziologisierten Menschen» unserer Tage? Für den Philosophen Sloterdijk wäre dieser Typus der Nachfolger des «überpsychologisierten Menschen» der Siebzigerjahre des letzten Jahrhunderts. Wie weit also sind wir wirklich? Wo stehen wir? Wie ist es tatsächlich bestellt um den Gesittungsfortschritt der Menschheit? Hier wären ein paar Indizien:

  1. Breakdance kann neue olympische Disziplin werden. Auch das ist zunächst weder gut noch schlecht, sondern rein phänomenal. Für die Bewertung der kulturellen Richtung wäre interessant, welche Disziplinen sonst noch so dabei sind: Golf oder Duckfacing?

  2. Bei Sportarten wird immer noch unterschieden zwischen «Frauen» und «Damen». Also zum Beispiel «Frauenfussball», aber «Damentennis». Überlegen Sie mal. Die Implikationen sind überaus vielschichtig.

  3. Mit der Einführung des Berufsbildes «Granfluencer» kann man eine Social-Media-Karriere nun auch dann anstreben, wenn man älter ist als 15. Vorher drohte dann die Endstation «Youtube-Make-up-Tutorial».

  4. Das Scottish Maritime Museum bezeichnet Schiffe und Boote nicht länger mit weiblichen Personalpronomen. Die Implikationen sind überaus vielschichtig.

  5. Triefend vor kultureller Ambivalenz erschient auch die Ära der Akronyme. In der wir übrigens leben. Aktuellstes unaussprechliches Akronym: «WOMJ» ( = Wrecker Of My Joy).