Staatskonsum

Das neue Gespenst?
Tingler

Plastik. Karton, Glas? Die Kunden entscheiden mit, wie bei Starbucks der Kaffee ausgehändigt wird. Foto: iStock, Montage: Kelly Eggimann

Führen Sie auch beim Einkaufen mehr und mehr Plastik-Diskussionen, meine Damen und Herren? Neulich bei Starbucks etwa erkundigte ich mich, wieso man dort die eisgekühlten Getränke selbst dann in Einmal-Plastik serviert bekommt, wenn man sie vor Ort konsumiert, also nicht zum Mitnehmen kauft. Auf den Reklameplakaten sind die jeweiligen Drinks interessanterweise im Glas abgebildet. Die Antwort lautete: Weil auf den Plastikbechern die Markierungen angebracht seien, die man zur Zusammenmischung der jeweiligen Getränke benötige. Was natürlich keine befriedigende Antwort ist.

Marktlösungen zum Beispiel von Umweltproblemen setzen voraus, dass die Nachfrage ein Bedürfnis zum Ausdruck bringt. Zum Beispiel mittels Konsumentscheidungen. Das nennt man Konsumentensouveränität und ist einer der grossen Vorteile der Marktwirtschaft. Selbstverständlich kann bei privaten Unternehmungen auch deren Leitung aufgrund ihrer Wertvorstellungen die angebotenen Güter oder Dienstleistungen auf eine Art herstellen, die von einer kurzfristigen Kostenminimierung abweicht, also beispielsweise nachhaltig ist. Das führt zu einem höheren Preis, der bei entsprechenden Wertvorstellungen (und finanziellen Mitteln) der Konsumenten auch bezahlt wird.

Freiheit statt Entfremdung

Selbst heute noch wird in wirtschaftspolitischen Debatten oft der obsolete marxistische Standpunkt vorgetragen, dass es den Kapitaleigentümern nur um die Akkumulation des Mehrwerts gehe. Also lediglich um Profitmaximierung. Falsch. Abgesehen davon, dass Profitmaximierung immer auch eine Frage des Zeithorizontes ist, scheint mir vielmehr der zentrale Unterschied zwischen den Epochen zu sein, dass im letzten Jahrhundert die Frage nach dem Eigentum an Produktionsmitteln im Vordergrund stand, während heute, im 21. Jahrhundert, die Frage nach dem Sinn der Produkte und dem Inhalt der Arbeit an oberster Stelle rangiert. 

Wenn das oberste Ziel eine Vermehrung von Sinn statt Vermehrung des Mehrwerts sein soll, also, pathetischer ausgedrückt: Freiheit statt Entfremdung, dann ist dieses Ziel ja a priori nicht davon abhängig, ob die Produktionsentscheidungen gemeinschaftlich oder individuell organisiert werden. Dies wiederum wirft ein neues Licht auf die Idee der sogenannten sozialen Vermögensanlagen oder «Social Wealth Funds». Das ist die Idee, dass der Staat selbst in grossem Umfang Aktien und Finanzanlagen kauft und die daraus resultierenden Einkommen als eine Art universelle Grunddividende allgemein ausschüttet.

Staatliche Wertvorstellungen

Bei einer derartigen Politik geht es zunächst um Umverteilung, basierend auf dem Gedanken, dass die Verteilung von Einkommen und Vermögen mit der Qualität des demokratischen Prozesses zu tun habe. Bisher wenig debattiert wird dabei, dass natürlich der Staat als Aktionär über seine Eigentumsrechte auch Wertvorstellungen umsetzen kann. Das nennt man Aktionärsdemokratie. Ein weiterer Vorteil der Marktwirtschaft.

Natürlich kann man gegen Staatsengagement auf den Anlagemärkten einwenden, dass es zunächst finanziert werden muss (Norwegen und Alaska machen das mit Ölgeld). Dass es risikobehaftet ist. Und dass wiederum eine Machtzentralisierung stattfinde. Wodurch die Aktionärsdemokratie bedroht werde, die ohnehin schon ausgehöhlt sei. Alles stichhaltige Argumente. Ebenso wie der Hinweis, dass der Staat noch nie der beste Unternehmer war. Starbucks kann sich auch allein gegen Plastik entscheiden. Besonders wenn sich der Konsument entsprechend äussert.

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