Wo hilft uns der Markt?

Das Framing als Marktproblem inspiriert oftmals zielführende Ansätze.

Der Markt kann auf einer praktisch-politischen Ebene als Paradigma zu besseren Problemlösungen führen. Foto: iStock, Montage: Kelly Eggimann

Neulich sass ich in Bern mit Jean Ziegler auf der Bühne, meine Damen und Herren. Jean Ziegler ist inzwischen zu einer nationalen Institution linker Wirtschafts- und Sozialkritik in der Schweiz geworden. Ich bin in mannigfachen Punkten mit ihm nicht einer Meinung, aber ich kann mit ihm leidenschaftlich diskutieren, so wie es Jean Ziegler überhaupt auszeichnet, dass er auch mit Charakteren, denen er politisch antipodisch gegenübersteht, persönlich durchaus joviale Beziehungen unterhält. Zum Beispiel mit dem ehemaligen deutschen Bundeskanzler Gerhard Schröder, den er auf der Bühne in Bern dafür kritisierte, dass er im Amt den Markt und seine Mechanismen als eine Art übermächtiges Naturgesetz angesehen habe.

Für mindestens ebenso bedenklich wie die Quasi-Metaphysierung als Naturgesetz halte ich allerdings die Verteufelung des Marktes. Denn was ist der Markt? Zunächst einfach ein Zuteilungsmechanismus für Ressourcen. Das mit dem Markt verbundene Menschenbild der ökonomischen Rationalität, also das Denken in Kosten und Nutzen, begreift Verhalten essenziell als Folge von Präferenzen, Anreizen und Restriktionen.

Das klingt trocken, nüchtern und abstrakt, kommt aber erstaunlich weit in der Erklärung menschlichen Tuns – sogar auch in zunächst scheinbar marktfernen Bereichen wie Beziehungsanbahnung oder Delinquenz. Und «nüchtern» ist ja per se nichts Schlechtes gerade in Zeiten, die nur allzu oft bestimmt werden von den dichotomischen Weltbildern der Identitätspolitik oder der Nostalgie eines ökonomischen Milchmädchen-Nationalismus.

Der Vorteil des Marktmodells

Vor allem aber liegt der Vorteil des Marktmodells darin, dass man für seine Anwendung weder unbedingt an das Gute im Menschen glauben muss, noch überhaupt sicher zu wissen braucht, was gut für den Menschen sei. Ich persönlich bin immer recht skeptisch, wenn jemand absolut zu wissen glaubt, was gut für mich wäre. Oder für den Rest der Menschheit. Ich für meinen Fall glaube an Autonomie, also die Selbstständigkeit, Willensfreiheit, Eigenbestimmung des Individuums. Ich bin überzeugt von der Richtigkeit und Humanität einer politischen Philosophie, die den einzelnen Menschen in seiner Einzigartigkeit in den Mittelpunkt stellt, nicht irgendein Kollektiv.

Für Jean Ziegler erscheint die weltweite Zivilgesellschaft mit ihren sozialen Bewegungen als neues historisches, gar revolutionäres Subjekt. Auch andere Kommentatoren erkennen unter der Etikette «Millennial Socialism» eine neue transnationale Bewegung, die wichtige Anliegen wie Klimaschutz oder die Würde der Arbeit vertritt. Doch bei aller Vielfältigkeit basiert auch der «Millennial Socialism» letztlich auf dem Gedanken, dass das Kollektiv nicht korrumpierbar sei. Woraus sich eine Vorliebe für staatliche Intervention ableitet und zugleich ein grundsätzliches Misstrauen gegenüber privater, individueller Initiative.

Am Ende gehts um Ergebnisse

Der Markt ist nicht nur das Handlungsmodell des Individualismus (und der wiederum ist unter anderem das Gegenteil von Identitätspolitik), sondern kann auch auf einer praktisch-politischen Ebene als Paradigma zu besseren Problemlösungen führen. Das Framing als Marktproblem inspiriert oftmals zielführende Ansätze. Man gelangt beispielsweise zu politisch durchsetzbareren Lösungen, wenn man die globale Erwärmung als Folge ökonomischer Externalitäten erklärt. Und nicht als Erzählung globaler sozialer Ungerechtigkeit oder als Generationenproblem präsentiert. Auch wenn das weniger trocken klingt. Am Ende gehts schliesslich um Ergebnisse.

4 Kommentare zu «Wo hilft uns der Markt?»

  • Kurt Widmer sagt:

    Dass nur das „Framing als Marktproblem“ zu politisch durchsetzbaren Lösungen führt liegt natürlich nicht daran, dass es sich bei Märkten um ein überlegenes Erklärungsmodell handelt. Es liegt daran, dass sich in unserer neoliberalen Konkurrenzgesellschaft alle dem Wettbewerbsdogma unterworfen haben. Bereits die Zusammenhänge zwischen Angebot und Nachfrage lassen sich aber empirisch nicht beweisen.

    Auch die Annahme es man brauche nicht an das ‚Gute‘ im Menschen zu glauben um Märkte zu erklären ist doch irreführend. Das ganze Modell basiert ja auf dem naiven Hypothese der „Homo oeconomicus“ handle jederzeit streng rational, frei von sozialen und kulturellen Zwängen und mit dem einzigen Ziel sich zur Spitze zu konkurrieren.

  • Rolf Rothacher sagt:

    Zu 100% einverstanden. Der Mensch ist ein Rudeltier und versteht sich als Individuum. Der Markt nimmt Rücksicht auf beides, verwaltet gleichzeitig die Ressourcen am Effizientesten. Deshalb funktioniert der Sozialismus auch nirgendwo. Denn der ist für Herdentiere und für Ameisen-/Bienen-Völker gemacht.
    Doch die Linken dieser Welt werden nie damit aufhören, den Menschen zur Ameisen degradieren zu wollen und so erfinden sie immer wieder neue Schwachheiten wie „Millennial Socialism“ oder gar „New Monetary Theory“, lügen sich (einmal mehr) die Welt so zurecht, wie es ihrer Ideologie entspricht. Auf der Strecke bleibt so, einmal mehr, der Homo Sapiens mit seinen Bedürfnissen.

  • Cédric Ruckstuhl sagt:

    Das Denkmal oben ist der „Arbeiter und Kolchosbäuerin“ von Vera Muchina, 1937. Eine ikonische Skulptur, das beste Kunstwerk des 20. Jhds.

  • Tomas Fenster sagt:

    Wo bitteschön berücksichtigt der Markt die beschränkten und lebenswichtigen Ressourcen Luft, Wasser, Boden, Klima, Gesundheit, etc. ? Ich habe noch nie eine Bilanz und Ergolsrechnung gesehen, wo diese Güter aufgeführt sind. Auch Bernie Sanders will keinen Sozialismus einführen, sondern eine Regulierung des Marktes und seiner Teilnehmer, da diese ja die Güter, die sie nichts kosten, aber die Gesellschaft betreffen, nicht berücksichtigen.

Kommentar

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