Konsum und Weltfremdheit

Über die Sehnsucht, in die Welt zu passen – und was Ihr Smartphone damit zu tun hat.

Der Mensch kommt nachträglich zur Welt, die ihm voraus ist. Foto: iStock, Montage: Kelly Eggimann

Warum konsumiert der Mensch? Weil er die Welt einholen will, meine Damen und Herren. Das jedenfalls wäre wohl die Antwort, die Günther Anders darauf gäbe. Günther Anders zählt zu den bedeutendsten und lesenwertesten Philosophen des 20. Jahrhunderts. Leider auch zu denen, die ein bisschen in Vergessenheit geraten sind. Und ich möchte hinzufügen: Anders gehört auch zu den eigenwilligsten Geistern. Ihm verdanken wir so prägnante Ausdrücke wie den der «philosophischen Panik» und das Konzept der «promethischen Scham». Dazu weiter unten mehr.

Günther Anders hat sich zeit seines Lebens mit der Frage nach dem Wesen des Menschen beschäftigt, mit der Erforschung und Ergründung dessen, was der Mensch sei und sein könne, wenn es keine Anschauung mehr gibt, in der er sich als Zentrum des Geschehens sehen kann. Auf diesem Wege der Abdankung des Menschen als Krone der Schöpfung sind wir seit Anders’ Tagen meilenweit vorangekommen, bis in die digitalisierte Spätmoderne, in der auch Kreativität und Intuition als Reservate des Menschseins durch die künstliche Intelligenz invadiert werden.

Nun ist verdankenswerterweise unter dem Titel «Die Weltfremdheit des Menschen» ein Werk erschienen, herausgegeben unter der Ägide des Freiburger Soziologen und Anders-Experten Christian Dries, das Anders’ frühere Schriften zur philosophischen Anthropologie versammelt, allen voran den bisher unveröffentlichten Text unter demselben Titel: «Die Weltfremdheit des Menschen» von 1929/30.

Der Mensch gehört nirgends hin

Die Frage für Anders lautet: Hat der Mensch einen metaphysischen Wert, eine kosmische Mission, in der seine vermeintliche Kontingenz, seine Geworfenheit ins Dasein aufgehoben ist? Anders sagt: Der Mensch hat keine Natur, keine Welt, kein Wesen. Sein Wesen besteht darin, kein Wesen zu haben. Der Mensch ist ein unbeschriebenes Blatt, er kommt nachträglich zur Welt, die ihm immer schon voraus ist, die er einzuholen hat, um sich heimisch zu machen.

Auf ebendiese Art ist bei Anders der Begriff der «Weltfremdheit» zu verstehen: Der Mensch gehört nirgends hin, er ist fremd. Er muss die Welt einholen, die immer schon einen Vorsprung vor ihm hat, er muss sie sich aneignen, vorzüglich durch das, was man «Kultur» nennt: Technik, Kunst, Zähmung, Manieren. Schöpfungen, Artefakte, Produkte. Konsum.

Anders gelangte später zu der These, dass der Mensch, nachdem er sich die fremde Welt angeeignet hat, mit seinen Produkten nicht mehr Schritt zu halten vermag. Weder mit ihrem Können noch mit ihrem Potenzial. Das inspiriere die «promethische Scham» des Menschen, das Gefühl der Minderwertigkeit vor der Überlegenheit der von ihm selbst geschaffenen Apparate.

Können Sie Ihr Smartphone noch kontrollieren?

Das hat einen komischen Effekt, den wir aus Charlie Chaplins «Modern Times» kennen, jene zeitlose Pointe, die immer potenziell im Raum steht, wenn der Mensch, dieses imperfekte Wesen, einer Maschine gegenübersteht, die er selbst geschaffen hat und die so perfekt geriet, dass er sie kaum mehr bedienen kann.

Es hat aber auch einen tragischen Aspekt, vor allem, wenn das Potenzial der menschlichen Schöpfungen zerstörerisch ist. So ergibt sich der paradoxe Befund, dass das menschliche Wesen in Gefahr gerät, obschon es ein Wesen des Menschen nicht gibt. Der Konsum, Instrument der Weltaneignung, konsumiert seine Kinder. Bedenken Sie das, wenn Sie das nächste Mal ein Ding anschaffen. Sie können ja mal mit der Frage anfangen: Kann ich mein Smartphone noch kontrollieren?

3 Kommentare zu «Konsum und Weltfremdheit»

  • Rolf Rothacher sagt:

    Ich denke, Günther Anders ging zu recht vergessen. Er war ein technisch-kritischer Dichter und nebenbei Philosoph. Seine literarischen Gedankenwelten versuchte er auf das Praktische umzulegen. Daraus ergeben sich nicht zwangsläufig Erkenntnisse. Man schafft sich vielmehr eine eingebildete Welt. Der Mensch ist aber nicht so, wie man ihn sich denkt. Die Geschichte lehrt weitaus exakter, was der Mensch ist und was nicht. Theorien über ihn sind solange wertlos, wie man sie nicht nachweisen kann. Die theoretische Physik berechnete das Erdalter ums Jahr 1900 auf 24,1 Mio. Jahren, um fast das 200-fache zu kurz. Erst die praktische Physik brachtet zehn Jahre später die Wahrheit ans Licht. Auch die Philosophie bleibt, ohne Nachweis, theoretisch und darum oft gänzlich falsch.

  • LiFe sagt:

    Nicht immer möchte der (kreative) Mensch nur konsumieren, gern möchte er auch sich produktiv einbringen. So könnte er anders herum der „Welt“ mit Kenntnissen voraus sein, aber die Frage, WIE und WOVON Ideen umsetzen.

  • Cédric Ruckstuhl sagt:

    Häh? was wollte der Kolumnist überhaupt sagen?

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