Scham-Offensive

Zur Ambivalenz eines Gefühls
Tingler

Schäm dich! Eine Frau begeht ein kulinarisches Verbrechen. Foto: iStock

Das Wort der Stunde, in aller Munde, lautet: Flygskam, meine Damen und Herren. Das ist schwedisch (Gretas wegen) für: Flugscham. Also für die Scham, ein Flugzeug zu benutzen, wegen der damit verbundenen Umweltbelastungen. Nun ist Scham ein ambivalentes Gefühl, besonders wenn es in Form der Beschämung gesellschaftlich und politisch instrumentalisiert wird. Unter Beschämung, fachsprachlich «shaming», versteht man Äusserungen und Verhaltensweisen, die bei anderen gezielt Gefühle von Unterlegenheit, Reue und Scham inspirieren sollen.

Gesellschaftlich kritisiert wird oft das sogenannte Body Shaming, das etwa die Werbung der Mode- und Kosmetikindustrie mehr oder weniger implizit über Propagierung unerreichbarer Körperideale betreibe. Aber auch der Ausdruck «Öko-Shaming» ist inzwischen etabliert. Öko-Shaming ist, jenseits von einer sachlichen Debatte, der Vorwurf an die anderen, unseren Planeten zu ruinieren. Shaming ist für diejenigen, die es praktizieren, nicht zuletzt psychisch entlastend.

Und was unsere Zeit nicht zuletzt kennzeichnet, ist die Gleichzeitigkeit von fortgeschrittener Technik und primitiven psychischen Entlastungsmechanismen. Oder wie finden Sie das? Wie würden Sie zum Beispiel folgende Gefühlsregungen beurteilen? Und wären Sie dafür oder dagegen, diese bei anderen Leuten zu inspirieren? Überlegen Sie sich das mal, in aller Ruhe:

  1. Zirkusscham

    Gefühle von Reue nach dem Besuch eines Zirkus, der Wildtiere im Programm hat.

  2. Plastikscham

    Gefühle von Reue nach dem Konsum von Plastik.

  3. Chinascham

    Gefühle von Reue nach dem Konsum von Billigprodukten.

  4. Fast-Food-Scham

    Gefühle von Reue nach dem Konsum leerer Kalorien.

  5. Shaming-Scham

    Gefühle von Reue nach der Beschämung anderer.