Konsum der Konträrfaszinierten

Macht Nähe solidarisch?

«Die Geissens»-Faszination: Gott sei dank bin ich nicht so wie die! (Foto: RTL2/Montage: Kelly Eggimann)

Kürzlich sass ich auf der Bühne mit dem bekannten Soziologen Andreas Reckwitz. Im Verlaufe unseres Gesprächs über die zunehmende gesellschaftliche Fragmentierung wies Herr Reckwitz am Rande darauf hin, dass das, was man im deutschen Sprachraum gerne Unterschichtenfernsehen nennt, durchaus nicht nur von prekariatsnahem und/oder bildungsfernem Publikum konsumiert werde. Namentlich sogenannte Realitätsformate bzw. Affektfernsehen mit Prekariatsbezug, etwa RTL2-Sendungen wie «Hilf mir! Jung, pleite, verzweifelt» oder «Hartz und herzlich» (vom Sender selbst als Sozialreportage bezeichnet), werden auch von Leuten gesehen, die Reckwitz als «neue Mittelklasse» bezeichnet, also von einem kosmopolitischen Akademikermilieu mit hohem kulturellen Kapital und gesellschaftlich vorbildlichen Leitvorstellungen hinsichtlich Nachhaltigkeit, Emanzipation, Authentizität.

Warum schauen solche Leute Unterschichtenfernsehen? Wohl aus einer Motivation heraus, die der Publizist Roger Willemsen in einem Interview 2012 «Konträrfaszination» nannte. Konträrfaszination heisst laut Willemsen: Man guckt sich «Die Geissens» an und denkt dabei: «Gott sei dank bin ich nicht so wie die.» Validierung also. Das ist das eine. Das andere ist, dass man vermittels Unterschichtenfernsehen trotzdem was erfährt über die bildungsfernen Milieus (oder jedenfalls deren realitätsmediale Repräsentation), und hier zeigt sich etwas Paradoxes: Der Distanzverlust, der durch diese Kenntnisse bewirkt wird, inspiriert per se durchaus keine Solidarität.

Die Tristesse der Populärkultur …

Das Gefühl der Solidarität wäre ja eine Möglichkeit zur Überbrückung der gesellschaftlichen Zersplitterung und wird als solches gerade wiederentdeckt, zum Beispiel durch den ebenfalls bekannten Soziologen Heinz Bude, der just ein ganzes Buch zum Thema vorgelegt hat. Sein Kollege Reckwitz ist allerdings der Meinung, dass eben Kenntnisnahme nicht automatisch Anteilnahme inspiriert. Im Gegenteil: Dass soziale Milieus, die vor dem Internetzeitalter nicht wirklich viel voneinander wussten, heutzutage medial wechselseitige Einblicke in ihre Lebenswelten erhalten, kann das Ressentiment auf allen Seiten anfachen. Der Gekränktheit der Deklassierten, die ihre Lebensstile und Qualifikationen durch die Globalisierung entwertet sehen und aus Rache populistisch wählen, steht eine starke Reserviertheit der Gebildeteren gegenüber, eine Kühle und Abneigung gegenüber jenen abgehängten Existenzen, die sich in der globalisierten Welt nicht zurechtfinden, weder kreativ noch vernetzt sind, Fleisch im Discounter kaufen, All-inclusive-Ferien buchen, Diesel fahren und ernsthaft RTL2 schauen.

Im Medienkonsum zeigt sich, wie eng ästhetische und soziale Diskurse miteinander verschränkt sind. Wir haben es an dieser Stelle bereits festgestellt: Es ist inzwischen ein wohletablierter Gemeinplatz, dass ebendas, was zu Beginn des Internetzeitalters als grosse Chance gesehen wurde, nämlich der Zugang zu Öffentlichkeit für jedermann, jetzt, 30 Jahre später, zur zerstörerischen Gefahr geworden ist: Ende der Experten, Ende der Diskursdisziplin, dissonante Parallelöffentlichkeiten, Verflachung und Tristesse der Populärkultur. Letzteres nicht zuletzt in Form von Unterschichtenfernsehen (und übrigens auch Unterschichtenradio), das jeden Tag Schaden anrichtet. In allen möglichen Milieus. Die Tatsache, dass wir uns daran gewöhnt zu haben scheinen, macht den kulturellen Konflikt nicht ungeschehen.

11 Kommentare zu «Konsum der Konträrfaszinierten»

  • Reincarnation of XY sagt:

    Es ist eine leicht zu durchschauende Tatsache, dass diese Formate deshalb so erfolgreich sind, weil sie den niederen Trieb erfüllen: „schau dir einen Deppen an, dann fühlst du dich gleich wieder klug.“ Freakshow – die seit jeher Menschen fasziniert hat. Die dicke Berta und der Elefantenmensch geben uns das gute Gefühl zu den Normalen zu gehören.

    Der Schaden ist enorm. Die Vorgeführten werden dann noch verhöhnt, sei es vor dem TV oder sogar medial. Und die Zuseher kommen in ihrem Leben nicht voran. Weil sie sich selbst „nach unten“ vergleichen, anstatt sich mit tollen Menschen auseinanderzusetzen, die sie inspirieren könnten, sich positiv zu entwickeln.

  • Heinz Burkhardt sagt:

    Diese Unterschichtmedien (ein ziemlich despektierlicher Ausdruck), dienen also der Unterhaltung der Unbeschäftigten und Ungebildeten, die so ihre Zeit oder ihre Langweile ausfüllen müssen. Und wenn die Gebildeteren sich dann über die Unterschicht und deren Interessen und Probleme amüsieren und sich als bessere Menschen fühlen, ist das nur ein Anzeichen für das Auseinanderfallen unserer Gesellschaft. Hier die Armen, dort die Bessergestellten.

  • tststs sagt:

    Die Konträrfaszinierten? KONTRÄR?
    Reines Wunschdenken!

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