Der Künstler als Produkt

Alle sind Künstler, keiner ist die Ausnahme.

Sei kreativ! Für Selbstoptimierer ist Kreativität ein Muss. (Foto: Getty Images/Montage: Kelly Eggimann)

Andy Warhol hat den Konsumismus zu einer Kunstform gemacht. Und in einer ironischen Volte, meine Damen und Herren, die nicht mal Andy vorausgesehen hat, wird nun der Künstler zum Produkt. Damit meine ich nicht den Kunstmarkt und seine bisweilen haarsträubenden Phänomene. Das wäre die Kunst als Produkt. Ich meine vielmehr eine dogmatische, alles durchdringende Vorstellung von Kreativität. Als Teil der Selbstoptimierung. 

Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Idee eines wahren, inneren Selbst auch zum Glauben an die innere Schöpferkraft. So begann die Karriere der Kreativität in Verbindung mit Authentizität im Sinne von Echtheit und Aufrichtigkeit der Person. Und nichts, nicht mal «Gesundheit» oder «Nachhaltigkeit», sind heute so gefragt wie «Authentizität». Das Heilsversprechen der Identitätsgewissheit führte dazu, dass das Distinktionskapital künstlerischer Ideale wie Autonomie und Ausdruck und Einzigartigkeit zum Fixpunkt einer neuen Mittelklasse geworden ist, die sich von den Werten der Besonderheit, des Authentischen und Aussergewöhnlichen leiten lässt. Sagt der Soziologe Andreas Reckwitz. Und der Konsumforscher Wolfgang Ullrich weist darauf hin, dass sich diese Wertepräsentation im Rahmen der Inszenierung eines bewusst geführten Lebens mit ausgesuchten Produkten und gutem Design vollzieht. Die Inszenierung selbst hat ebenfalls wiederum möglichst kreativ zu erfolgen. 

Wehe dem, der sich nicht benimmt …

Man kann die Auf- oder Umwertung der Kreativität zu einer marktgängigen Tugend auch als Reaktion auf die sogenannte Künstlerkritik am Kapitalismus verstehen. Im Gegensatz zur Sozialkritik, die in erster Linie soziale Ungleichheiten moniert, setzt diese Künstlerkritik an der Autonomie und Selbstbestimmung des Individuums an. Sie hat ihren Ursprung in der Lebensform der Bohème und kritisiert am Kapitalismus seit Beginn der Moderne die Entzauberung und Abstumpfung. In der uns umgebenden Spätmoderne sind nun die künstlerischen Bedürfnisse sowohl der Konsumenten wie der Arbeitskräfte nach Selbstbestimmung und Freiheit insofern ins System inkorporiert worden, als der neue Geist des Kapitalismus in seinen Management- wie Vermarktungsansätzen Eigenschaften wie Autonomie, Spontaneität, Mobilität, Kreativität oder Soziabilität als Erfolgsfaktoren betont. Dabei wird die hedonistische Selbstverwirklichung, bei der «Kreativität» eine wichtige Rolle spielt, vom spätmodernen Subjekt regelmässig ebenfalls nach den Massstäben einer asketischen Arbeitsethik erledigt. Sodass mir dafür der Begriff eines «protestantischen Hedonismus» nicht unpassend zu sein scheint.

Dies ist aber nicht die einzige ironische Volte. Eine weitere besteht darin, dass wir zwar einerseits alle selbstverwirklichend kreativ sein sollen, von morgens bis abends, aber andererseits dem Künstler immer weniger gestattet wird. Falls es das künstlerische Leben als Ausweg aus marktlogischen Verwertungszusammenhängen jemals gegeben hat, wird dieser Ausweg enger und enger. Mit anderen Worten: Dem Künstler scheint heute viel weniger erlaubt, er wird nicht mehr, wie seit der Renaissance und noch im 20. Jahrhundert, als Ausnahmeexistenz betrachtet, der Transgressionen zustehen. Wer sich nicht ordentlich benimmt oder benommen hat, riskiert, die Oscars nicht mehr moderieren zu können oder aus Filmen rausgeschnitten zu werden oder auch posthum im Museum wieder abgehängt zu werden. So viel zum Fetischcharakter der Kreativität als Ware.

5 Kommentare zu «Der Künstler als Produkt»

  • Scout sagt:

    „Dabei wird die hedonistische Selbstverwirklichung, bei der «Kreativität» eine wichtige Rolle spielt, vom spätmodernen Subjekt regelmässig ebenfalls nach den Massstäben einer asketischen Arbeitsethik erledigt.“

    Das ist eine sehr interessante Beobachtung. Wichtig ist dabei, dass die Askese nach aussen sichtbar wird. Seht her, ich tu etwas! Selbst wenn der Beobachtete nur etwas in der Tat Sinnloses etwa in seinen Laptop eingibt. Es ist fatal, dass dieses Sinnfreie nur durch den Charakter der Beschäftigung von vielen jungen Leuten an sich mit der laufenden Zeit an Sinn gewinnt. Das arkane Tun wird zum Selbstläufer und mit der demonstrativen Askese verbunden. Aber das Resultat wird recht grosszügig abgekauft, etwa an bestimmten Universitäten.

  • Rolf Rothacher sagt:

    Ja, die Künstler sind unter Druck geraten, seit jeder sich auf Instagram und Youtube als Künstler ausgibt. Dass man die Künstler von ihren Podesten holte und ihnen neu keine/weniger Selbstverwirklichung gestattet, ist aber nicht weiter schlimm. Denn Kunst bedeutet noch lange nicht Kultur. Die paar wirklich beeinflussenden Künstler, die echte Kulturgüter schaffen, die dürfen weiterhin fast alles. Das hat sich nicht geändert. Und nur darauf kommt es an!

    • E. D. Ouard sagt:

      Gerne würde ich einmal erfahren, wie Sie, sehr geehrter Herr Rothacher, wenn Sie denn diese meine Anmerkung lesen sollten, „Kultur“ und „echte Kulturgüter“ genau definieren.

  • hans sagt:

    protestantischer hedonismus, oder protestantischer avantgardismus, oder etwas polemischer, reaktionärer avantgardismus, oder regressiver futurismus, sedierter ekstase-ismus etc. wie auch immer, man kann sich fragen, was der unterschied zwischen warhols factory und der heutigen gesellschaftlichen factory ist. ich möchte nur eines sagen, ich hätte nicht an warhols factory partizipieren wollen, hätte ich die möglichkeit gehabt. und an der heutigen factory partizipiere ich nur dann, wenn es keine andere möglichkeit gibt. das bizarre besteht ja darin, dass man nur an dieser factory gezwungermassen partizipieren muss, weil man seine rechnungen bezahlen muss (der einzigste grund). sonst kommt man angekettet in den schuldenturm. schon trivial, wie sich die factory selber am leben hält.

  • Peter sagt:

    Künstler als Produkt/Kunstwerk haben Gilbert and George gemacht, ist auch schon eine Ewigkeit her. Stimmt es , dass Künstler (und heute Künstlerinnen) gesellschaftliche Entwicklungen vorwegnehmen oder sogar setzen, und es heute Therapy-Art und Education-Art gibt (i wanna heal/teach you! – sagt das Kunstwerk und der/die Künstler/in), dann kann man gespannt sein, wie die Gesellschaft in 10-20 Jahren aussieht. Wobei sie diesmal zu spät sind mit dem Trendsetting und diese Kunstformen eher aus der Not der Kunst und der Künstler/innen selbst geboren wurden. Und man muss sich auch fragen, um was für eine Gesellschaft es sich handelt, wenn alle alle therapieren und erziehen wollen. i wanna heal my hamster. i wanna educate my goldfisch.

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