Über Liebe und Krieg

Und Akte der Konsumation.

Jeder hat seine ganz eigene Liebesgeschichte. Oder? (Foto: iStock/Montage: Kelly Eggimann)

Liebe ist ein Skript, das zwischen dem Begehren des oder der Einzelnen und den Normen der Gesellschaft vermitteln soll, meine Damen und Herren. In dieser Form wird sie, die Liebe, immer wieder Gegenstand der Literatur. Doch Liebe ist auch ein Akt der Konsumation. Auch der Selbstkonsumation. Insofern kann man den grossartigen neuen Roman «Die einzige Geschichte» des englischen Schriftstellers Julian Barnes ebenfalls als Antiliebesroman lesen. Das Buch zeigt uns, neben vielem anderen, eine eindrückliche Dramatisierung der Selbstbezüglichkeit und des Narzissmus, die in obsessiver Liebe stecken.

Es geht um Paul und Susan. Paul ist 19, Susan ist 30 Jahre älter. Wir beginnen die Geschichte aus Pauls Perspektive, und zu einer gewissen Egozentrik seiner Figur passt es, dass wiederum Susan als Figur seltsam unbestimmt bleibt, schemenhaft, irreal, künstlich, bisweilen sogar leicht kitschig in einer gewissen Klischeehaftigkeit. Susan ist alles und nichts. Jedenfalls für Paul, der immer wieder vom «Absolutismus» seiner Liebe redet, und die Selbstbezüglichkeit, die darinnen aufscheint, wird ebenfalls deutlich in seinem Selbstmitleid am Ende der Geschichte, der einzigen Geschichte.

Synchronizität von Form und Inhalt

Julian Barnes: Die einzige Geschichte. Kiepenheuer & Witsch, 2019.

Am Ende ist Susan nicht mehr da. Bloss in Fragmenten der Erinnerung. Dass Susan so ein bisschen im Nebel bleibt, hat auch mit Erinnerungslücken des Erzählers zu tun. Erinnerung, ihre Unzuverlässigkeit, ihre Echtheit und dennoch Nicht-Wahrheit, ist ein Leitmotiv im Werk von Julian Barnes. Im Spiel der Rekapitulationen enthüllt sich die Subjektivität der Wahrheit. Die Erinnerung habe eine eigene Art von Authentizität, stellt Paul fest, ein Erzähler, der sich selbst mit einem gewissen Stolz als unzuverlässig deklariert.

Jeder Mensch hat seine eigene Liebesgeschichte. Diese Einsicht spiegelt der Autor Julian Barnes formell sehr elegant durch einen handwerklichen Kunstgriff: den zunehmenden Abstand der Erzählperspektive. Der Roman bewegt sich vom Erzählmodus der ersten Person über die zweite Person bis zur personalen dritten Person. Dadurch wird der Abstand zum Erzählten grösser, zum Horror des Niedergangs und Endes, aber auch zur Figur des Paul, die sich langsam von ihrer eigenen Lebensgeschichte zu entfernen scheint, über die mehr und mehr Schleier fadenscheiniger Erinnerung fallen. In dieser meisterlichen Synchronizität von Form und Inhalt wird das Buch dunkler, schwerer. Das ist keine heitere Vorstadtposse mehr.

Lückenhafte Erinnerung sichert das Überleben

Doch die Unzulänglichkeit der Erinnerung ist paradoxerweise der Schlüssel zum Überleben. Denn die Liebe ist nicht immer stärker als alle Hindernisse. Ihre alles überwindende Stärke stellt sich bei Barnes ebenso als Vorortklischee heraus wie ihre Einzigartigkeit. In Wahrheit reden sich alle Leute mit denselben Kosenamen an. «Die einzige Geschichte» ist auch ein Roman über unterschiedliche Generationen, die Handlung setzt im England der frühen 1960er-Jahre ein, und Susan gehört zur Kriegsgeneration, traumatisiert, erschöpft, «abgehalftert», wie es heisst, jedenfalls vielfach beschädigt.

Mit Blick auf das Trauma des Krieges wirkt ein Mechanismus, den Barnes auf das Trauma der Liebe ausweitet: Die Unzulänglichkeit der Erinnerung sichert das Überleben. Auch die Erinnerung ist ein Akt der Konsumation und Selbstkonsumation. Damit erfährt das uralte Klischee von der Schwesterlichkeit von Krieg und Liebe eine neue Beleuchtung. Das schafft nur ein Schriftsteller von Rang.

1 Kommentar zu «Über Liebe und Krieg»

  • Scout sagt:

    Das griechische „aletheia“ bedeutet Wahrheit (Un-Verborgenes), „anamnesis“ Erinnerung (Un-Vergessenes). Bei Platon ist die Liebe als Anamnese des Schönen bestimmt, die in der Präexistenz geschaut wurde. Aber das ist antik. Heute wird gesagt, dass die Frage nach der Methode der Erinnerung schwierig ist, weil sie das ganze Leben dauert und stets innerlich ruft: „Komme ich zu spät?“ Die Erinnerung an die Liebe ist jene ans Glück und ans Leid. Es wird auch gesagt, dass das Erinnern offen bleiben muss, z.B. an unterdrücktes Leid und verborgenes Glück. Aber wenn ich gerade in der Liebe Leid erfahre oder sogar zufüge, bin ich froh um den Zahn der Zeit, der das Überleben sichert. Nur, eine Spitze verschiedenen Ausmasses bleibt m.E. immer, die nicht den Rächer in mir, die Untugend, rufen darf.

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