Die Liebe im 21. Jahrhundert

Alles neu? Nicht wirklich.
Tingler

Die Art der Kommunikation hat sich geändert, die Inhalte weniger. Foto: iStock

«Cat Person» ist kürzlich auf Deutsch erscheinen, meine Damen und Herren. Es handelt sich um eine der meistgelesenen Kurzgeschichten der Neuzeit, jedenfalls virtuell. Das Werk der Autorin Kristen Roupenian behandelt die digital vermittelte romantische Annäherung zwischen zwei Charakteren namens Robert und Margot. Roupenian zeigt dabei die Unsicherheiten und Missverständnisse auf beiden Seiten, die Codes und Rituale von Intimität, die Fremdbestimmtheit, Körperformeln, Worthülsen, lautlosen Zwischentöne, Mehrdeutigkeiten und wechselnde Machtbalance. Den Kontrollverlust. Der Text hat eine anspruchsvolle dramaturgische Substruktur und lädt zur identifikatorischen Lektüre ein, was am Rande von #MeToo eine breite Diskussion inspirierte zu Fragen nach struktureller Gewalt, Schuld, Verantwortung und moralischer Relativität.

Ob das Literatur genannt werden kann, also die verwandelnde Kraft der Kunst hat, oder eher eine in Textform rückübersetzte Millennial-HBO-Serie verkörpert (die offenbar tatsächlich aus der Sache werden soll), ist hier nicht unser Thema. Unser Thema ist vielmehr die Frage: Wie neu ist das eigentlich? Wie neu ist die Einsicht, dass der spätmoderne digitalisierte Liebesmarkt dem menschlichen Beziehungsleben seinen romantischen Skriptcharakter raube?

Denn genau wie bei der Debatte um sogenannte Fake News bisweilen der Eindruck entsteht, früher habe nur die Wahrheit existiert, so scheint es bisweilen in Fragen von Dating und Beziehungsanbahnung, als sei früher wahre Romantik allgegenwärtig gewesen. Was immer das sein soll. Doch es hat immer schon Missverständnisse und Projektionen gegeben, wenn Menschen sich kennen lernten. Und auch Konflikte zwischen individuellem Skript und sozialen Erwartungen. Oder dem Begehren Einzelner und den Normen der Gesellschaft. Lesen Sie mal «Effi Briest». Da lernen Sie auch noch Folgendes:

  1. Wer jemanden kennen lernen möchte, muss soziale Daten teilen. Das war schon immer so.

  2. Wer jemanden kennen lernen möchte, macht Werbung für sich. Das war schon immer so.

  3. Die Selbstdarstellung hat – ebenso wie die Selbsttäuschung, übrigens – immer schon eine wichtige Rolle gespielt bei der Beziehungsanbahnung. Genau wie die Konstruktion von Fantasien und Idealbildern.

  4. Zur souveränen Beziehungsprüfung gehört auch eine mögliche Ablehnung. Und nicht jede Beziehung dauert.

  5. Liebe funktioniert immer auch nach den Prinzipien des Marktes. Ökonomie und Sex waren seit jeher aufs Engste miteinander verflochten. Diese Feststellung ist weder gut noch schlecht, sondern rein phänomenal.

7 Kommentare zu «Die Liebe im 21. Jahrhundert»

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