Gute Vorsätze

Und was sie ausmacht.

Lesen ist nie, wirklich nie verkehrt. Foto: Evelyn (Pexels)

Die Feiertage sind vorbei, meine Damen und Herren. Und was passiert danach? Danach, wenn wir im leeren Weihnachtszimmer wie auf einer halbdunklen Bühne nach Schluss der Vorstellung herumstreifen, zurückgelassen zwischen Bergen von Schleifen und Glitter und Styroporfischlein, und gedankenverloren auf einem Bogen Knallpapier herumdrücken …?

Folgendes passiert: Wir fassen Vorsätze. Wenn wir Vorsätze diskurstheoretisch betrachten, so kann sich ihre Qualität zunächst nicht nach ihrem (materiellen) Inhalt bemessen, sondern wäre anhand von formellen Kriterien zu beurteilen: Gute Vorsätze sind realistisch, konsistent, umsetz- und vor allem diskutierbar. Also ungefähr das Gegenteil von durchschnittlichen Beschlüssen einer durchschnittlichen Klimakonferenz. Hier sind ein paar Inspirationen: 

  1. Lesen Sie ein Buch. Pro Woche. Kendall Jenners Insta Feed zählt nicht als Buch.

  2. Setzen Sie sich in einem öffentlichen Verkehrsmittel Ihrer Wahl neben eine Ihnen unbekannte Person, die in ihr Telefon starrt, wozu Sie freundlich lächeln. Klingt nach wenig, ist aber ein guter Einstieg für ein sogenanntes Mastery-Erlebnis. Damit wird populärpsychologisch ein Erfolg bei der Bewältigung einer schwierigen Situation bezeichnet, der den Glauben an die eigenen Fähigkeiten stärkt, mithin die Selbstwirksamkeitserwartung positiv beeinflusst.

  3. Löschen Sie die Apps, die Sie nicht benutzen.

  4. Seien Sie grosszügiger mit Ihrer Zeit. Einer der krassesten Kurzschlüsse der Gegenwart liegt in der Paradoxie, dass die Zeit ein Wert sei, den man sparen könne, indem man ihn nutze. Solche Zeitsparfreunde verhalten sich ähnlich rational wie Gesundheitsfanatiker, die allen möglichen anscheinenden und potenziellen Risiken ausweichen, bis sie ein Leben führen, dessen einziger Wert in seiner Länge liegt.

  5. Und falls Sie nicht immer durchhalten, bedenken Sie: Man muss sich auch selbst verzeihen können. Das wäre auch materiell ein guter Vorsatz.

4 Kommentare zu «Gute Vorsätze»

  • Katharina I sagt:

    Herr Tingler, wenn Sie wüssten, was man aus Kendall Jenners Insta Feed alles lernen kann! 😉 Aber manchmal ist das einfach das Einzige, das man noch erträgt: völlige Denkfreiheit. Und Punkt 2 funktioniert nur, wenn mir die Person das Telefon nicht an den Kopf schlägt, weil sie sich über mein Lächeln nervt. Und Punkt 3 funktioniert auch nur, wenn man noch nie eine App aufgemacht und dabei diese Erfahrung gemacht hat: „Was ist denn das? Habe ich ja immer irgendwie übersehen. Oh! Die ist ja nützlich!“ Und wenn man die Zeit nützlich nützt, kann man sich danach freie Zeit gönnen und bringt so nur die Folge in eine bestimmte Reihe: Erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Ja, Gott sei Dank kann man die Zeit nicht auch noch sparen! Und ich finde, das sind alles ausgezeichnete Fünf! Herzlichen Dank!

  • Paolo Martinoni sagt:

    Gute Vorsätze fasse ich seit Jahren nicht mehr und werde sie auch nie mehr fassen – wozu denn? Denn das Fassen von Vorsätzen ist nichts anderes als eine Kampfansage gegen sich selbst und seine für schlecht gehaltene Gewohnheiten, wovon ich dringend abrate: Denn kein guter Mensch kämpft gegen sich selbst an. Wie dem auch sei: Noch nie hat jemand den Vorsatz gefasst, Zigaretten zu rauchen, zu viel zu essen und so. Nie. Jeder Vorsatz ist insofern ein Hinweis darauf, dass man sich Schlechtes wünscht: zum Beispiel den Konsum von Zigaretten. Daher sollte man sich vielmehr die Frage stellen: Warum wünsche ich mir Dinge, die mir schaden? Geht man dieser Frage konsequent nach, wird man von diesem schlechten Wunsch befreit und somit auch von der Notwendigkeit, Vorsätze zu fassen.

  • Scout sagt:

    Zu 1: Wussten Sie, dass es auch Personal Novels gibt? Da werden auf dem Wege des Print-on-Demand die Namen der Figuranten durch die Namen des Beschenkten und dessen Verwandten ersetzt (etwa statt Hans Philipp). Solch ein Buch erhielt ich zum heutigen Beginn meines fünfzigsten Lebensjahrs geschenkt, na ja, weitergeschenkt. Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul, aber es ist ein Krimi.

    Zu 2: Geben Sie Acht! Nicht mal neben, auch schon hinter Starrenden erntete ich schon böse (Zurück-)Blicke aufgrund des Verdachts, ich würde die zahllosen Herzlein, Kussmünder und Lachgesichter studieren. Uh, da nützt auch ein Lächeln (und komplette Indifferenz) nichts!

  • Markus Steiger sagt:

    „…bis sie ein Leben führen, dessen einziger Wert in seiner Länge liegt.“ Schön gesagt.

    Zum Jahresende noch ein Lob: Mir gefallen Ihre frischen Artikel und Auftritte! Wenn da nicht die Liebe zu diesem Monumentalschriftsteller, wie heisst er schon wieder, Thomas Mann wäre. Niemand ist perfekt. 🙂

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