Warten bei Tiffany

Die Vorstellung von der Welt als Uhrwerk ist überraschend zeitlos.

Wir haben künstliche Intelligenz erschaffen, ohne unser eigenes Bewusstsein erklären zu können. Foto: iStock, Montage: Kelly Eggimann

Die Zürcher Tramhaltestelle Börsenstrasse ist umbenannt worden, meine Damen und Herren, und zwar in Kantonalbank, als ob Börsenstrasse noch nicht kommerziell genug klänge. Die Börsenstrasse war meine Lieblingstramhaltestelle, am oberen Ende der Bahnhofstrasse, direkt vor dem bekannten Juwelier Tiffany & Company gelegen (insofern hätte man die Haltestelle auch Tiffany nennen können), wo Zürich weltstädtisch-mondän und zugleich sehr schweizerisch-eigenartig ist, wo sich Luxuswarenhandlungen und zwinglianische Nüchternheit gewissermassen gerade balancieren. Herrlich da.

Egal, tempi passati, wie der Lateiner sagt, die Zeit vergeht, wie wir in dieser Kolumne gelegentlich feststellen, das Tempo, nicht nur das Konsumtempo, beschleunigt sich, nicht bloss kurz vor Weihnachten, und apropos Zeit: Das 16. Jahrhundert unterhielt die Vorstellung von der Welt als Uhrwerk, also von der Welt als einem System, das vollständig gestalt- und erklärbar sei. Das kommt Ihnen ein wenig naiv vor? Nun, eine ähnlich materialistische Anschauung pflegen wir heute. Man kann die Digitalisierung und Datafizierung der Welt ohne weiteres als ein neues, uhrwerkähnliches, technizistisches Paradigma ansehen.

Unsere Leitvorstellungen, oder, wie Soziologen sagen würden, unsere hegemonialen Diskurse sind zahlenorientiert. Doch zeitlos gilt die Vermutung, dass einer vollkommen messbaren und vermessenen Resonanzsphäre etwas eher Triviales zu eigen ist. Zahlen sind faszinierend, aber, besonders wenn sie eindeutig sind, scheinen sie auch stets ein wenig banal; wie alles, was eindeutig sei.

Werte statt Zahlen

Mit anderen Worten: Die Dinge werden erst dort interessant, wo die strikte Messbarkeit aufhört. Zum Beispiel dort, wo wir paradoxerweise immer noch sehr wenig über uns selbst wissen. Wir haben künstliche Intelligenz erschaffen, ohne unser eigenes Bewusstsein erklären zu können; wir wissen immer noch nicht, wie aus biochemischen Vorgängen im Gehirn so etwas wie Geist entsteht. Wir müssen dringend mehr über uns lernen, bevor das private oder staatliche Algorithmen tun. Wir befinden uns in einem Erkenntniswettlauf mit der künstlichen Intelligenz.

Mehr über uns selbst erfahren wir eher über Werte als über Zahlen. Wir brauchen eine Deflation der Daten, eine Ego-Deflation durch Selbst-Überschreitung. Wir brauchen mehr Selbstironie statt egozentrischer Selbstvermessung, und wir brauchen den Gang in die Gesellschaft. Denn menschliches Glück und Glücklichsein sind und bleiben schliesslich keine Folge der Entdeckung und Vermessung und Optimierung irgendeines authentischen Ich, das ohnehin eine Schimäre ist, sondern liegen nicht zuletzt im Umgang mit anderen Menschen.

Wer lebt, rechnet nicht

Die anderen sind eben nicht nur, wie Jean-Paul Sartre völlig zu Recht feststellte, die Hölle, etwa auf der überfüllten Bahnhofstrasse kurz vor Weihnachten, sondern können auch der Himmel sein, in all jenen nicht quantifizierbaren, schillernden Bereichen menschlicher Beziehung und Interaktion: Liebe, Verständnis, Humor. Nur darinnen liegt die Chance der Menschheit in der Abgrenzung zur künstlichen Intelligenz: dass sie sich qualitativ weiterentwickle, nicht quantitativ. Dass die Menschen nicht mehr, sondern weniger rechnen. Denn nach wie vor gilt das alte Wort: Wer lebt, rechnet nicht. Oder, wie der Tramfahrer neulich auf der Höhe Börsenstrasse durchsagte, kurz vor oder nach dem Halt Kantonalbank: «Hebed Sorg und sind liäb zunenand.»

4 Kommentare zu «Warten bei Tiffany»

  • Rolf Rothacher sagt:

    Ein besinnlicher Beitrag. Warum nicht? Die Fehlüberlegung darin? Der Beitrag will zwar Menschen von Maschinen unterscheidbar halten. Gleichzeitig sollen wir aber alle gleich ticken? Mit denselben Werten? Und mit gefühlter Glückseligkeit beim Zusammensein mit anderen Menschen?
    Weiterhin gilt:
    Aus Moral und Ethik leiten sich unsere individuellen Werte ab. Stolz, Bedürfnis nach Anerkennung, Können/Wissen und Würde, unsere vier tragenden Eigenschaften, steuern, wie wir diese Werte leben. Daraus ergeben sich zigtausende Lebenswege und Lebensmodelle. Das ist der grosse Unterschied zu den Maschinen. Nicht die ständige Gleichmacherei über Friede, Freude, Eierkuchen und Political Correctness.
    „tempi passati“ ist Italienisch und Herr Tingler ein Schelm.

  • Kristina sagt:

    Die materialistische Anschauung weicht der musischen Versenkung. Die Zeit schreitet voran… Myon hadert ein bisschen damit, denn Menschen haben die Möglichkeit zur Selbstüberschreitung, also Menschen können auf Zehn zu zählen, ja das innere Metronom immer wieder neu anstossen, ganz willkürlich, bevor sie etwas tun oder nicht tun, ganz bewusst. Es sind neun Töne und eine Leerstelle, aus welchen ein Jeder seine eigene Melodie kreiert. Mit einem eigenen Rhythmus. Also, was mich noch interessieren würde: wie lange können Sie dieses hohe C halten?

  • Lionel Scheffer sagt:

    Der Tramfahrer auf der Höhe Börsenstrasse ist ein Lichtblick und gibt mir den Glauben an die Menschheit zurueck.

  • LiFe sagt:

    God bless the Tramfahrer!

Kommentar

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