Der Markt für Erzählungen

Über Monopole zur Welterklärung.

Die Allmächtigkeit des Marktes scheint unantastbar. (Foto: iStock / Montage: Kelly Eggimann)

Die Adventszeit ist eine Zeit für Geschichten, meine Damen und Herren, namentlich natürlich für die eine Geschichte. Viele Leute haben grundsätzlich gerne nur eine Geschichte. Der Literaturwissenschaftler Jochen Hörisch, der sich interessanterweise auch mit Fragen der Geldwirtschaft befasst, hat festgestellt, dass die spätmoderne Gesellschaft ihren Mitgliedern ein Über-Angebot an Sinn bereitstelle: von Ayurveda bis Zen. Hörisch spricht von einer Inflation der Sinn-Optionen.

Andererseits aber, so Hörisch, sei gerade mit Blick auf Sinnfragen und Weltdeutung-Narrativen vielen Leuten die Knappheit angenehm. Man hat am liebsten nur eine Erzählung zur Erklärung der Welt.

Die Rechtfertigungslehre vom vernünftigen Markt

Das gilt natürlich auch für Erzählungen über den Markt. Der Philosoph Joseph Vogl behandelt Erzählungen über den Markt als Zuteilungs- und Problemlösungsmechanismus in seinem Buch «Das Gespenst des Kapitals» (der Titel paraphrasiert den heute nahezu geflügelten Anfang des kommunistischen Manifestes: «Ein Gespenst geht um in Europa»). Vogl postuliert, dass die ökonomische Wissenschaft eine umfangreiche Rechtfertigungslehre aufgebaut habe, die allen Wirtschafts- und Finanzkrisen zum Trotz die Vorstellung eines auf Vernunft gegründeten Marktgeschehens verteidige.

Dass der Markt vernünftig, effizient und zwanglos funktioniere, konnte sich so zu einem Leitnarrativ etablieren, also einen Vorsprung an Weltdeutung gewinnen. Als hegemonialer Diskurs beherrsche diese Erzählung vom vernünftigen Markt bis zum heutigen Tag das Selbstverständnis und die Funktionsbegriffe unserer Gesellschaft. Denn ungeachtet all der Krisen, so Vogl, die Weltwirtschaft und Weltfinanzsystem erschütterten, scheint immer noch die Vorstellung verbreitet zu sein, dass der Markt selbststabilisierende Kräfte entfaltet. Weite Teile der Wirtschafts- und Finanzwissenschaften basierten auf dieser Annahme.

In Analogie zum Theodizeeproblem in der Philosophie, also der philosophischen Bemühung um die Rechtfertigung der Idee eines allmächtigen, gütigen Gottes angesichts des faktischen Übels in der Welt, entwickelt Vogl für die bis heute wirkmächtige Vorstellung eines selbstregulativen, rationalen Marktes aller anscheinend gegenläufigen Evidenz zum Trotz den Begriff der «Oikodizee».

Die Kritik der Geschichte …

Ich habe mit Joseph Vogl schon heftig diskutiert, er verteidigt seine Ansicht leidenschaftlich. Ich hingehen möchte die Frage aufwerfen, ob eine solche Marktkritik per se nicht auch wieder lediglich eine verabsolutierte Erzählung darstellt. Ist nicht die «Oikodizee» selbst eine eingeengte Wahrnehmung der Wirtschaftswissenschaften als rigide und hermetisch? Ist nicht die mehrfach nobelpreisgekrönte Verhaltensökonomie (und auch die Spieltheorie) ein prominenter Zweig innerhalb der Wirtschaftswissenschaften, der erfolgreich menschliches Verhalten unter Einbezug einer begrenzten Rationalität modelliert?

Und lassen sich nicht andererseits sogar mit der Modellierung menschlichen Verhaltens unter strikten Homo-oeconomicus-Prämissen wenigstens (aber immerhin) brauchbare Tendenzaussagen gewinnen, und dies vor allem (darinnen besteht die Eleganz) ohne irgendwelche normativen Aussagen über irgendeine «Natur» des Menschen treffen zu müssen; also ohne philosophische Festlegungen wie: Der Mensch ist von Natur aus gut. Oder schlecht. Moral: Auch die Kritik der Geschichte muss offen sein für andere Geschichten. Eine gutes Training dafür: Mehr Romane lesen.

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