Der Guru als Marke

Yuval Noah Harari feiert mit seinen «21 Lektionen für das 21. Jahrhundert» einen Welterfolg. Sein Problem: die Humorlosigkeit.

Alle Welt redet vom neuen Harari-Buch, aber da fehlt was. Montage: Kelly Eggimann

Alle Welt konsumiert gerade das neue Buch des Historikers Yuval Noah Harari, meine Damen und Herren. Es trägt den Titel «21 Lektionen für das 21. Jahrhundert». Während die letzten Bestseller Hararis sich mit der Vergangenheit und der Zukunft der Menschheit befassten, geht es nun also um die Gegenwart. Um das Hier und Jetzt. So jedenfalls die Werbung.

Selbstverständlich ist auch immer von der Vergangenheit und Zukunft die Rede in den 21 Kapiteln, die Themen wie Arbeit, Zuwanderung und Nationalismus behandeln, bis hin zu Fragen nach der Gerechtigkeit und dem Sinn des Lebens.

Die grosse Disruption

Harari identifiziert drei Hauptprobleme der existenziellen Krise der Gegenwart: Atomwaffen, ökologischer Kollaps und technologische Disruption. Das wichtigste Motiv scheint mir dabei die technische Disruption in Form der Verschmelzung von Informations- und Biotechnologie darzustellen. Für Harari stellt diese Disruption einerseits das Menschenbild von Liberalismus und Aufklärung infrage, und andererseits hat es diverse politische und ökonomische Implikationen, zum Beispiel für die Verteilung von Chancen und Einkommen.

Die Klarheit seiner Sprache und ein Talent für die pointierte Erfassung breiter, auch komplexer Zusammenhänge zeichnen Harari aus. Dazu kommt seine Fähigkeit, neue, unerwartete Schlussfolgerungen zu ziehen. Das führt immer wieder auch zu kalkulierten Provokationen, zum Beispiel der von ihm beschriebenen Möglichkeit, dass es schon in näherer Zukunft «biologische Kasten» geben könne, also verschiedene «Spezies» Mensch, nämlich einerseits die Vermögenden, die sich die technologisch unterstützte Optimierung von Körper und Gehirn leisten können, – und andererseits den Rest.

Der Gwyneth Paltrow der akademischen Mittelklasse

Harari ist inzwischen gewissermassen eine Marke. Er wird vermarktet und konsumiert als Guru, der sich zu allen Fragen der Gegenwart vernehmen lässt, und er selbst scheint dieses Branding weitgehend internalisiert zu haben, so weitgehend, dass er auch vor Banalitäten und Plattitüden nicht zurückschreckt. Wenn man mit Hannah Arendt Denken als Kampf gegen die permanente Gefahr der Selbstbanalisierung begreift, dann hat sich Harari mit seinem neuesten Buch womöglich zu einer Art Gwyneth Paltrow der akademischen Mittelklasse selbstbanalisiert, nur dass er als Allheilmittel nicht Kaffee-Darmspülungen empfiehlt, sondern Meditation.

Das Interessanteste an den «21 Lektionen» ist ihr Manko: die Abwesenheit von Humor, von Ironie. Nicht als Stilmittel, sondern als Alleinstellungsmerkmal des Menschseins. Distanznahme, Abstand zu sich selbst ist die höchste Bewusstseinsstufe, die der Mensch im Leben entwickelt; nicht alle entwickeln sie.

Harari sagt, wir müssen uns selbst besser kennen, bevor die Algorithmen der Regierung oder von Amazon das tun, aber Humor und Selbstironie scheinen für ihn keine Option der Selbsterkenntnis zu sein. Zu dieser Auslassung passt es, dass Harari Science-Fiction als wichtigste Kunstsparte der Gegenwart ansieht, denn die Gattung ist ebenfalls ziemlich humorfrei.

Und auch sein Plädoyer für die Meditation wirkt vor diesem Hintergrund stimmig. Jenseits der Diskussion darüber, ob Meditation tatsächlich die Ego-Überwindung befördere – oder nicht vielmehr einer Ich-Fokussierung Vorschub leiste, möchte ich dazu hier nur einen anderen Historiker zitieren, nämlich den Briten Theodore Zeldin: «Meditation kennt keinen Humor.»

13 Kommentare zu «Der Guru als Marke»

  • Carolina sagt:

    Sehr schön, Herr Tingler! Habe Sie gestern abend im Literaturclub gesehen und mich daran gefreut, dass es tatsächlich (selten) noch Menschen gibt (auch Elfenbeintürmler!), die Tacheles reden können. Und genau das, was Sie über Harari sagen, nämlich diese eigentümliche Verbissenheit bzw Unfähigkeit zur wenigstens ironischen Leichtigkeit (wenn sie überhaupt jemals vorhanden war), die mit dem Erfolg zu kommen scheint, habe ich neulich in privater Runde auch Populärphilosophen Precht und de Botton vorgeworfen. Ich verlange gar keinen Humor, kein Lachen über sich selber, aber es wäre schön, wenn diese Gurus der Selbstoptimierung eine gewisse selbstkritische Distanz bewahren könnten (ist Gelassenheit nicht auch das Meditationsziel?). Aber dann wären sie keine Gurus mehr, sondern Menschen.

  • Henry sagt:

    Ein wunderbar treffender Kommentar. Ich habe “ eine kurze Geschichte der Menschheit “ (und ich gebe zu, wie so einige, allerdings fast nur nachgerade solche Bücher, die man als zeitgenössische Literatur bezeichnet ) nach der Hälfte nicht mehr weitergelesen. Einen Denis Diderot („Jacques der Fatalist und sein Herr“, „die Nonne“ etc.) 2 1/2 Jahrhunderte alt, liest man jeden Abend im Bett vergnügt weiter.

  • Marie Bornand sagt:

    Das französische Magazin LE POINT hat ihm eine nummer gewidmet. 20.9.2018.

  • Mara Kant sagt:

    ‚Eine kurze Geschichte der Menschheit‘ ist sehr informativ und dieser Artikel sehr lustig…

  • Markus Scheu sagt:

    Ich finde die Bücher und Ideen von Harari sehr wichtig und anregend – doch wie Herr Tingler schreibt: es fehlt der Humor. Und dieser ist auch (oder gerade dann) wenn die Lage ernst ist sehr wichtig. DER Prediger der Meditation als Heilmittel (Osho) war übrigens äusserst humorvoll.

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.