Verschwunden

Über den Bademantel und andere Opfer der Beschleunigung.

Jetzt ist die Boeing 727 mit dem Luftfahrzeugkennzeichen N844AA schon über 15 Jahre lang verschwunden, meine Damen und Herren. Erinnern Sie sich noch? Das Flugzeug hob im Mai 2003 ohne Startgenehmigung vom Flughafen der angolanischen Hauptstadt Luanda ab und ward nicht mehr gesehen. Soweit dazu.

Verschwinden kann man freilich auch im Rahmen der allgemeinen kulturellen Beschleunigung. Wir leben in einer Gesellschaft, in der sich das Rad immer schneller dreht, auch wenn der Hamster schon lange tot ist, wenn Sie verstehen, was ich meine.

Es folgen ein paar Phänomene, die im Verschwinden begriffen sind:

  1. Natürlich alternde Menschen. Jedenfalls im Fernsehen. Sowie das Fernsehen selbst.

  2. Katzen als Haustiere. Den Anfang scheint das Dorf Omaui in Neuseeland zu machen. Begründung: Freilaufende Katzen bringen zu viele Vögel um.

  3. Der Vorspann. Jedenfalls aus den meisten Kinofilmen. Womöglich hängt das mit der durchschnittlichen Aufmerksamkeitsspanne zusammen. Die soll nämlich ebenfalls immer kleiner werden. Dafür allerdings ist die durchschnittliche Evidenz umstritten.

  4. Bademäntel. Der Bademantel ist, wie der Hut vor 50 Jahren, ein im Verschwinden begriffenes Kleidungsstück. Bademäntel werden kaum noch angezogen. Allerdings ist ein Bademantel ebenfalls, wie der Hut, ein herausforderndes Kleidungsstück. Um in einem Bademantel cool zu wirken, muss man ihn ungefähr so tragen wie Jack Nicholson 1974 bei den Filmfestspielen in Cannes. Egal, welches Geschlecht man hat.

  5. Make-up für Männer. Dieses popkulturelle Phänomen wäre nach dem Verschwinden der sogenannten Metrosexuellen ebenfalls im Verschwinden begriffen. Dachte ich. Dann kam die Meldung: Chanel lanciert eine neue Make-up-Linie für den Herrn. Die Kollektion erscheint unter dem diskussionswürdigen Namen «Boy de Chanel» zunächst diesen Monat in Südkorea, dann vom November an im Rest der Welt. Das neue Normal. Oder jedenfalls so vermarktet. Ungefähr wie der zweireihige Bademantel von Anderson & Sheppard. Gucken wir mal. Mit oder ohne Augenbrauenstift.

10 Kommentare zu «Verschwunden»

  • LiFe sagt:

    Boxer wie Cassius Clay the butterfly sah in Bademantel auch très chic aus. Oder wir als Kinder gaben im Urlaub in der Normandie Pellkartoffeln den Namen: Les pommes de terre au robe de chambres 🙂

  • Maike sagt:

    1 – nicht zwischen 17 und 19 Uhr. 2 – Katzen bleiben angesagt. 3 – da das Kino langsam verschwindet findet man den Vorspann jetzt auf der DVD. 4 – der echte Mann trägt einen Bademantel. punktum. 5 – yes !!

    • Urs Wanner sagt:

      Echte Männer tragen keine Kleidung.
      Bademäntel gehören in die Kategorie „unnütz“.
      Der Vorspann auf der DVD ist Geschichte, da die DVD Geschichte ist. Neu ist der Vorspann „Werbesendung im Youtube-Video welcher jedoch durch Adblocker meist entfällt.
      Katzen dienen nur noch als Emotikons, ansonsten sind sie eine Plage.

  • Mike sagt:

    Also was Katzen angeht, scheint das Internet weiterhin anderer Meinung zu sein. Ich frage mich, ab welchem Obsolenzgrad der Fernseher unter den Hipstern plötzlich cool wird. Gucken die schon Netflix auf alten Röhren-TVs?

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