Der Anwalt des Teufels

Suchen wir doch mal Gründe, warum schlechte Dinge ihre guten Seiten haben!

Es geht wirklich kaum schlimmer: Crocs. Foto: Pexels

Ich habe ein bisschen über E-Bikes nachgedacht, meine Damen und Herren. Neulich, als ich im Zug sass und das Berner Oberland an mir vorüberzog. Es ist leicht, über Elektrovelos die Nase zu rümpfen. Irgendwie sind E-Bikes ja so kurz vorm Segway. Doch Sie müssen mir jetzt deswegen keine Briefe schreiben, danke, denn in einem zweiten Gedankenschritt habe ich dann folgende mentale Bewegung vollzogen: Ich weiss, Sie lieben diese Kolumne, und was Sie besonders lieben, ist meine positive Grundeinstellung.

Es ist schliesslich nicht wahnsinnig schwierig, E-Bikes doof zu finden. Weniger einfach ist hingegen das, was der Engländer «playing the devil’s advocate» nennt, also die Rolle des Advocatus Diaboli zu übernehmen, vom Duden umschrieben als: «Jemand, der um der Sache willen mit seinen Argumenten die Gegenseite vertritt, ohne selbst zur Gegenseite zu gehören, oder jemand, der bewusst Gegenargumente in eine Diskussion einbringt, um sie zu beleben.» Qualitative Belebung ist wichtig für die Debattenkultur unserer Tage, an der ebenfalls gerne herumgenörgelt wird. Deshalb üben wir das jetzt mal. Den Anwalt des Teufels zu spielen, meine ich. Anhand von fünf Phänomenen, über die man vermeintlich so leicht die Nase rümpfen könnte. Beginnen wir gleich mit den Elektrovelos: 

  1. E-Bikes sind gut, weil ...

    ... sie eventuell die Anzahl von Segways reduzieren. Sehen Sie? Gar nicht so schwer. Weiter gehts:

  2. Plastik-Armbanduhren sind gut, weil ...

    ... sie die Erinnerung an die Achtzigerjahre des letzten Jahrhunderts verkörpern. Als die Welt noch übersichtlicher war. Oder so schien. Und Plastik noch unproblematisch. Oder so schien.

  3. Die Hitzewelle war gut, weil ...

    ... sie ein Bewusstsein für die Erderwärmung schuf. Und dafür sorgte, dass man die Bräune länger halten konnte.

  4. Das Buch «Hier ist noch alles möglich» von Gianna Molinari ist gut, weil ...

    ... es unfreiwillig die Mechanismen des Literaturbetriebs auf selbstparodierende Weise enthüllt. Aus dem gleichen Grunde (dem der Selbstparodie) sind auch die Real Housewives of Orange County gut. Das wäre das Einzige, was Gianna Molinari mit den Real Housewives of Orange County gemeinsam hat.

  5. Plastikpantoffeln sind gut, weil ...

    ... nein, das geht jetzt wirklich zu weit. Dafür müssen Sie sich einen anderen Anwalt suchen!

10 Kommentare zu «Der Anwalt des Teufels»

  • carl sagt:

    plastikpantoffeln sind praktisch und sehen gut aus.

  • Peter Schaefer sagt:

    Plastikpantoffeln sind gut, wenn sie Adiletten(ohne Socken) sind. Crocs, sind ein Scheidungsgrund!

  • Meinrad Angehrn sagt:

    Der Diabolus wirft durcheinander. Das Wort stammt vom altgriechischen dia (auseinander) und ballein (werfen). Das -ballein steckt in Parabel (ranwerfen), Hyperbel (über das Ziel werfen) und im Symbol (zusammenwerfen). Des Teufels Ziel ist das Durcheinander, das Chaos, das doppelt negativ betrachtet werden kann: als blosse Unordnung; aber auch als etwas, vor dem Anderes zurückschreckt, sich bedroht fühlt oder dagegen ankämpft (ist nicht von mir). Der Advocatus diaboli wird im Kirchenlexikon als scherzhafte Bezeichnung für den Kirchenanwalt genannt. Aber noch heute gibt es Dissertationen, die gegen einen Advocatus diaboli verteidigt werden müssen, ebenso wie in der Scholastik des langweiligen Mittelalters. Und angesichts der Geschehnisse in der Karl-Marx-Stadt verschwindet der Schalk.

  • werner boss sagt:

    Ach der liebe Herr Tingler! Nun ist er wohl über die eigenen Füsse gestolpert. Denn es gibt Dinge, die sind zwar zugegebener massen nicht gerade ästhetisch im Anblick, zudem in Herstellung und Endsorgung umweltschädlich, eines muss man ihnen aber lassen, sie sind für die arme Bevölkerung in weit entfernten Ländern bezahlbar,gut zu reinigen was dort wichtig ist und schnell aus- und angezogen! Achtung Sitten und Gebräuche! Nun müssten sie nur noch umweltfreundlich entsorgt werden!(Können)

  • Jörg Hanspeter sagt:

    Selbstverständlich muss man zwischen öffentlichem und privatem Raum unterscheiden. Plastikpantoffeln zum Einkaufen gehen genau so wenig wie Trainerhosen oder kurze Hosen (bei Männern über 30, ausgenommen Charly Harper).

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