Besitz als Schuld

Über Geltungsabstinenz und böse Güter

Böse? Eine Pelzträgerin. Montage: Laura Kaufmann

Besitz kann Schuld bedeuten, meine Damen und Herren, sowohl im juristischen Sinne, zum Beispiel bei Drogen, wie auch im moralischen Sinne, etwa bei Kunstwerken mit ungeklärter und/oder problematischer Provenienz. Aber Besitz als gleichsam hypostasierte Schuld ist auch ein Kennzeichen unserer spätmodernen Konsumgesellschaft, die mehr und mehr Konsumakte, die früher moralfrei und reine Geschmacksfragen waren, moralisch auflädt.

Güter, die auf diesem Wege für böse erklärt werden, können sehr billig sein (Industriefleisch oder Massentextilien oder Plastikstrohhalme) oder recht teuer (Pelzmäntel oder Diamanten). Bei bösen Gütern wird die Abstandnahme, die Konsumenthaltung, zum neuen Ausweis der Distinktion, des moralisch Richtigen und kleinen Unterschieds. Eine derartige Geltungsabstinenz ist das unmittelbare spätmoderne Komplementärphänomen zu dem, was der Sozialwissenschaftler Thorstein Veblen vor rund hundert Jahren im Rahmen seiner «Theorie der feinen Leute» den «Geltungskonsum» nannte, also auffälliger, auf öffentliche Wirksamkeit zielender Güterverbrauch.

Die Tugend der Enthaltsamkeit

An die Stelle des demonstrativen Verbrauchs, der den anderen zeigen soll, was man sich alles leisten kann, ist der demonstrative Verzicht getreten, die öffentliche Enthaltsamkeit, die edle Stärke der Entsagung, die den anderen zeigen soll, was man sich alles verkneift, weil es moralisch fragwürdig ist. Der moralische oder ethische Konsum impliziert dabei diverse Dynamiken, die mit dem betroffenen Gut per se nichts zu tun haben: Sendungsbewusstsein, Kontrollzwang, Abgrenzung. Moralischer Konsum arbeitet mit Erzählungen. Und wie für alle Narrative so gilt auch hier: Wenn die Story stimmt, können eine Menge der vermeintlichen Fakten falsch sein.

Im Falle des Pelzmantels, gar nicht so selten, ist ein und dasselbe Gut von der Kategorie «Geltungskonsum» in jene der «Geltungsabstinenz» gewechselt. Was einige Menschen mit der Frage konfrontiert: Wie werde ich jetzt diesen vererbten Pelzmantel auf politisch korrekte Art wieder los? Pelz ist übrigens auch ein Beispiel für die konsumkulturelle Veränderung der Bewertung von Imitation, also der Nachahmung: Während Kunstpelz heute für den Puristen die einzig politisch korrekte Lösung darstellt, galt die Nachahmung lange Zeit als Ausweis von Geschmacklosigkeit.

Die Botschaft ist wichtiger als die Qualität

Der amerikanische Kulturhistoriker Paul Fussell hat in seinem lesenswerten Buch «Class» dargelegt, dass die gesellschaftliche Vereinbarung dahingeht, die Qualität und den Status von Sachen damit in Verbindung zu bringen, wie alt und echt sie seien. Fussells Analyse ist ihrerseits allerdings auch schon etwa dreissig Jahre her, und «Echtheit» als Wert fungiert beim spätmodernen Konsumenten eher als authentische Einstellung, die sich im Besitz verkörpert. Und eben auch gerade in dem, was man bewusst nicht besitzt.

Die Kehrseite des sogenannten ethischen Konsums besteht darin, dass die Zeichenfunktion der Dinge tendenziell über ihren Schönheits- oder Gebrauchswert dominiert, und einer derartigen Dominanz wohnt paradoxerweise die Neigung inne, die Sachen oder Produkte selbst weniger authentisch werden zu lassen, unaufrichtig, wenigstens ideologisiert, indem die Botschaft immer expliziter wird, egal, wie es sich mit dem tatsächlichen Schönheits- oder Gebrauchswert verhält, zum Beispiel: «Diese Regenjacke ist aus recyceltem Plastik hergestellt.» Was ja nicht ausschliesst, dass sie nicht ganz dicht ist.