Verstehen Sie Melania?

Was uns der Kleiderkonsum der First Lady sagt. Oder eben nicht.

«I really don’t care, do u?» Melania irritiert mit ihren schwer zu interpretierenden Mode-Botschaften. (Montage: Laura Kaufmann)

«Nacktheit ist ein Zeichen von Unterwerfung», hat Germaine Greer, Ikone des prädigitalen Feminismus, unlängst in der BBC festgestellt, mit Bezug darauf, dass die Frauen auf den roten Teppichen der Unterhaltungsindustrie auch im Zeitalter von #MeToo immer noch (und immer mehr) Fleisch zur Schau stellen. Was dagegen die Angezogenheit angeht, so haben wir im Rahmen dieser Konsumkulturkolumne schon verschiedentlich über lesbare Kleidung gesprochen, Kleidung als Code, Kleidung als Erzählung.

Damit verbunden ist die Suche nach der Botschaft, also der Absicht der Erzählung. Hier könnte man an die Garderobe ohne weiteres jene Frage richten, welche die Autorin Rachel Cusk an die Literatur stellt: Geht der erzählerische Impuls auf das Verlangen zurück, Geschehnisse sinnhaft zu ordnen, oder auf den Wunsch, jede Schuld zu vermeiden?

Papstbesuch in Addams-Robe: Melania mit Ivanka im Vatikan. (Foto: Getty)

Wie bitte? Das finden Sie ein klein wenig weitgehend, gar verstiegen? Poststrukturalistische Spekulation ohne Alltagsrelevanz? Ich würde im Gegenteil behaupten: Die akute Relevanz sartorialer Botschaften und die ganz praktisch-reale Verunsicherung, die schwer lesbare Kleidung auslösen kann, sehen wir gegenwärtig eindrücklich illustriert am Beispiel von: Melania Trump.

Die First Lady ist schwer zu lesen; ihre Outfits haben immer wieder für Irritationen gesorgt, darinnen den Tweets ihres Mannes ähnlich. Melanias Dresscode scheint inartikuliert, unklar, inkonsistent, darinnen der Politik der Administration ihres Mannes gleichend. Mutmasslich erratisch stöckelt Melania als Hurricane Barbie durch das verwüstete Texas, tritt dem Papst in einer Morticia-Addams-Mantille entgegen und reist zu einem Zentrum für immigrierte Kinder in einem Zara-Parka mit der Rückenaufschrift: «I really don’t care, do u?»

Etwas mehr Mitgefühl, bitte!

Ist Melania eine spätmoderne Marie-Antoinette? Oder der gefühllose «Melania Bot», als der sie die britische Komikerin Tracey Ullman in ihrer BBC-Show darstellt? Selbstverständlich gibt es auch noch das Narrativ, das Melania quasi in Geiselhaft sieht und in jeder ihrer Garderobenzusammenstellungen ein codiertes Statement gegen ihren Mann erblickt, etwa in jenem vermeintlichen Suffragettenweiss, das sie zur State of the Union trug, oder in der notorischen Pussy-Bluse anlässlich der zweiten Debatte der Präsidentschaftskandidaten.

Die Kultur der politischen Zeichen erwartet von Ehegatten exponierter Politiker und Politikerinnen, einem leicht decodierbaren Stil zu folgen. Das tut Melania nicht. Ihre relative Unlesbarkeit wird unterstützt dadurch, dass sie wenig mehr als Gemeinplätze äussert, wenn sie verbale Botschaften sendet.

Und so kam die «Financial Times» kürzlich zum Schluss, dass die Spekulationen, ob Melania nun schlicht, böse oder rebellisch sei, schon zu weit griffen; dass es Melania womöglich schlicht um maximale Beachtung ginge, dass sie ihrem Mann eventuell nicht nur in der Inkonsistenz, sondern auch in der narzisstischen Sucht nach Aufmerksamkeit gleiche. Vielleicht aber ist es noch weniger. Vielleicht ist es so, wie Michael Wolffs Bestseller «Fire and Fury» suggeriert: Melania will einfach nur ein ruhiges Leben mit teuren Sachen und unaufgeregten Mittagessen; sie hatte nie vor, Small Talk mit dem Papst zu machen.

In diesem Sinne plädierte die kanadische Komikerin Katherine Ryan unlängst für mehr Mitgefühl mit der First Lady. Begründung: «Melania is just an innocent gold-digger who got caught up in the show.»

7 Kommentare zu «Verstehen Sie Melania?»

  • sophie sagt:

    Warum immer kritisieren ? Sie ist eine elegante Frau und trägt nicht mini-kleider wie Frau Macron in Frankreich die wirklich nicht für ihr alter sind und auch nicht für ihr status.

Kommentar

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