Bin ich interessant?

Über Autofiktion
Tingler

Hype ohne Substanz: Autorin Rachel Cusk. Montage: Laura Kaufmann

Auch Literatur ist Konsumgut und als solches der Mode unterworfen, meine Damen und Herren. Auch in der Literatur spricht man seit einiger Zeit von Modeerscheinungen als «Hype». Ein solcher Hype ist: Autofiktion. Und was ist Autofiktion? Fiktion unter starkem Beizug der eigenen Biografie, eine Form der selbstreferenziellen Literatur, in der Protagonist und Autor verschwimmen. Ein Beispiel für Autofiktion wären die erfolgreichen und umfangreichen Bücher von Karl Ove Knausgård, das literarische Äquivalent zu Erdbeeren: überall zu haben und ziemlich langweilig. Ausserdem leicht zu konsumieren (was per se bei Literatur noch kein Zeichen mangelhafter Qualität darstellt; lassen Sie sich nicht das Gegenteil einreden).

Eine weitere Vertreterin der Autofiktion ist die Autorin Rachel Cusk, die unlängst ihre Romantrilogie um die autofiktive Figur der Schriftstellerin Faye abgeschlossen hat. Cusk bringt dabei zwei Kunststücke fertig: 1. streckenweise noch langweiliger als Knausgård zu sein; 2. schlechte Bücher zu schreiben, obschon sie schreiben kann, zu geistreichen Gedanken, subtilen Personenschilderungen und psychologischer Prosa fähig ist.

Wieso wird daraus nichts? Zunächst verbindet Cusk die Autofiktion mit einer aussergewöhnlichen Perspektive, für die gelegentlich das Etikett «negatives Erzählen» verwendet wird. Damit gemeint ist, dass die Hauptfigur der Trilogie selbst vor allem passiv auftritt: Sie trifft Menschen, die ihr Geschichten erzählen. Im Spiegel der fremden Geschichten soll die Protagonistin Gestalt annehmen. Und das klappt eben nicht. Das Ganze ist als poetologische Übung interessant, entgleist aber zur Prätention.

Probleme der Authentizität

Warum klappt das nicht? Zunächst aus strukturellen Gründen: Egal, ob die Erzählungen innerhalb der Erzählung in direkter oder indirekter Rede wiedergegeben werden, dem Stil der (mindestens) doppelten narrativen Ebene haftet etwas Anstrengendes, Unelegantes an – auch wenn die Geschichten nicht per se langatmig sind, was leider bei Cusk auch nicht immer der Fall ist. Ein weiteres konzeptionelles Problem besteht darinnen, dass die Sprechsituationen und Inhalte bisweilen künstlich bis erkünstelt wirken, weil die soziale Dimension des Sprechens völlig vernachlässigt wird: Die Protagonistin hört Storys, die jene Figuren, die sie ihr auftischen, aufgrund ihrer Herkunft und ihres Milieus in Wahrheit nie erzählen würden. Das ist ein Problem der Authentizität: Das sind alles Pseudogespräche.

Der dritte Grund für das Scheitern von Cusks Erzählstrategie aber ist noch gewichtiger und ein unmittelbar sprachlicher: Alle Figuren, egal welches Alter und Geschlecht und soziale Profil sie haben, klingen gleich. Obschon Cusk doch immer wieder die Besonderheit der weiblichen Perspektive betont und eine Vision weiblicher Identität zum Zielpunkt ihres Schreibens erklärt hat. Das ist ebenfalls ein Problem der Authentizität. Das Gewese, das um Cusk gemacht wird – also: der Hype – ändert nichts an der schlichten Weisheit Anton Tschechows: Die Aufgabe des Künstlers ist die richtige Darstellung des Problems.

10 Kommentare zu «Bin ich interessant?»

  • Jürg Brechbühl sagt:

    Die Antwort kurz und deutlich: NEIN!

  • Martin Thalmann sagt:

    Die meisten Autoren schreiben heute eher langweilig und selbstbezogen. Die Selfie-Ära ist auch in der Literatur angekommen. Häufig wird ein guter Plot vergessen, dafür Wortakrobatik die nur langweilt. Dies schreibe ich als Vielleser, der seit 40 Jahren Bücher liest.

  • Edi sagt:

    Fünfhundert Seiten jahrelanger Autorealität und Autofiktion (letztere in einem etwas anderen Sinne) landeten bei mir mal im Müll. Wen interessiert es? Meine Geschichten, die ich den (wenigen) Interessierten erzähle, hängen von den realen Geschichten Anderer ab, namentlich von jenen der Verwandten mit Alter grösser achtzig. Nun denn, ich bin kein Literat. Aber im „Spiegel der fremden Geschichten“ eigene Gestalt anzunehmen, ist etwas mager, wäre aber im Abbild (nicht Spiegel!) der Weitergabe des Bezeugten wertvoll (wenn auch nicht immer irrtumsfrei, wie bei Zeugen üblich), weil mit Social Media heute leider keine Geschichten mehr entstehen. Die Qualifikation als Prätention ist krass, aber die Pseudographie kann nicht in Abrede gestellt werden, weil der Leser die Unglaubhaftigkeit spürt.

  • Daniel sagt:

    Ich finde schon, doch. Nicht immer, aber oft genug für mich. Reicht das?
    Um beim Thema zu bleiben, lieber Herr Tingler, braucht man sich keinen Spiegel vorzuhalten um zu erkennen, dass es im Wesentlichen unser Narzissmus ist, der einen aus den eigenen Werken entgegensieht. Es bedingt halt einer gewissen Überheblichkeit, der Welt seinen Stempel aufdrücken zu wollen. Literatur ist dabei noch eine der subtileren Formen. In ihr spiegelt sich das, je nach Vorlieben, intellektuell oder kulturell überhöhte Selbstbild des Autors wider. Noch schlimmer als die Alleinunterhalter aus der Brabbel-Ecke dünken mich die Ratgeberpäpste, welche ihre als Helfersyndrom umgedeutete Kontrollsucht auf die Leser loslassen. Sauglattistisch verbrämt, damit es ja niemand merken soll. Gilt auch für Kolumnisten.

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