Sex und Konsum

Zum Verbrauch von Beziehungen.

Meint «zusammen sein» ein «sexuelles Eigentumsrecht»? Montage: Laura Kaufmann

Die uns umgebende Marktwirtschaft, die materialistisch, positivistisch und objektivistisch erscheint, beruht in Wahrheit auf kollektiven Illusionen, meine Damen und Herren. Zu diesen Illusionen, die funktional wirksam sind und beispielsweise massenhaften Konsum erst ermöglichen, gehören der Wert des Geldes oder die bindende Kraft von Eigentumsrechten. Es handelt sich hier um Tatsachen, die durch Verabredung wirken, also (in der Diktion des Philosophen John Searle) durch Sprache überhaupt erst erschaffen werden.

Ehelicher Vollzug als Konsumation

Dieser interessante Gedanke wird noch interessanter, wenn man den amerikanischen Soziologen Randall Collins hinzuzieht, der die Ansicht vertritt, dass «sexuelles Eigentumsrecht» in unserer Gesellschaft die Essenz dessen bedeute, was die Menschen «zusammen sein» nennen. In seinem Werk «Love and Property» von 1992 postuliert Collins, dass es bei der Institution der Ehe um ebendieses sexuelle Eigentumsrecht gehe, also um ein exklusives Recht auf Sex, welches in einem Verhandlungsprozess zustande komme, den man «Dating» nennt. Dating ist in diesem Zusammenhang als ein Ritual zu verstehen, mit dem Ziel, starke Emotionen zu befördern, die man «Liebe» nennt.

Das mag technisch klingen, aber in der Tat hat die nackte Technik des Dating ja seit 1992 ein paar Quantensprünge absolviert; die Beziehungsanbahnung als Transaktionsverhältnis und protokonsumtiver Akt einen ganz neuen Schub bekommen. Umso aufschlussreicher ist es, dass Dating als Markt- und Verhandlungsprozess eben keine Sichtweise ist, die von der Digitalisierung abhängt. Und sogar noch viel älter ist ja der Gedanke vom ehelichen Vollzug als Konsumation, der ursprünglichen Bedeutung von «Konsum» folgend: «Verbrauch».

Romantik als Wert

Andererseits scheinen auch die verfeinerten technischen Möglichkeiten kurzserieller sexueller Monogamie nichts geändert zu haben an der Existenz einer sozialen Konvention (wie immer diese sich auch zur Wirklichkeit verhält), eben dass «sexuelles Eigentumsrecht» in unserer Gesellschaft den Kern dessen ausmacht, was die Menschen «zusammen sein» nennen. Die Illusion ist hartnäckig.

Man könnte sogar die These wagen, dass mit der Zunahme der medial vermittelten sexuellen Möglichkeiten, mit deren Entzauberung in der inszenierten Konsumsphäre von Matching Apps und Online Dating, zugleich das medial vermittelte Ideal von wahrer Romantik immer strikter wird. Hier könnte man jetzt Marx bemühen und vom Fetischcharakter der Romantik als Ware sprechen, aber so weit gehen wir nicht. Wir sagen stattdessen: Romantik ist, ökonomisch gesprochen, ein Wert, und auch Werte sind ja eine Frage der Vereinbarung. Wie Preise. Denken Sie an dieses «T-Shirt Shirt» aus der aktuellen Herbstkollektion von Balenciaga, das rund 1300 Dollar kostet. Es finden sich Menschen, die das bezahlen. Ich allerdings nicht. Ich will so was nicht in meinem Schrank – und, offen gesagt, auch nicht auf dem Planeten. Da bin ich ganz illusionslos.

14 Kommentare zu «Sex und Konsum»

  • Rolf Rothacher sagt:

    Mir scheint, es herrscht ein Wettkampf unter den Soziologen dieser Welt, wie man einfachste Umstände möglichst kompliziert umschreiben kann, sie dabei seziert bis auf unkenntliche Teile ohne Zusammenhang, um sie möglichst pervers zu dokumentieren. Ein Wettbewerb der Gefallssucht, kein Wettbewerb des Wissensgewinn. Lieber gut verwirren, statt einfach aufklären.

  • tommaso sagt:

    Wie kommen Sie denn auf 1992? Was ist denn damals genau soziologisch Bahnbrechendes passiert?

  • Anh Toan sagt:

    Das sexuelle Eigentumsrecht ist ein Vertrag zu Lasten Dritter. Es gibt dem Berechtigten keinerlei Ansprueche auf Sex, sondern nur darauf, dass Andere nicht ran duerfen. Die Vereinbarung dient einzig, Andere in ihren Rechten, Moeglichkeiten zu beschraenken. Sowas nennt man einen unsittlichen Vertrag.

    • Ralf Kannenberg sagt:

      Nicht ganz: es geht beispielsweise auch um Erbrecht und darum, exklusiv der Vater zu sein. Und nun sind wir nicht mehr bei der Soziologie, sondern bei der Evolution. Zumal es auch schwer vermittelbar ist, warum man(n) in ein Kind, das nicht der eigene Statthalter ist, so viel Zeit, Mühe und Geld investieren soll.

  • Kristina sagt:

    Schriftstück oder Text?

  • Marcel Zufferey sagt:

    Manchmal frage ich mich, wie die Welt wohl ohne die marxistische Matrix aussehen würde (der Mensch als Ware, das Sein schafft das Bewusstsein, usw.): Wäre sie dann besser oder schlechter?

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