Tweets auf Pillen

Die Chronologie einer Twitterkatastrophe in fünf Eskalationsstufen.

Wir müssen über Ambien Tweeting reden, meine Damen und Herren. Was ist das denn nun schon wieder, höre ich Sie fragen. Nun, wenn ich eine etwas verallgemeinerte Definition versuchen sollte, würde ich sagen: «Die Veröffentlichung bedauerlicher Beiträge auf sozialen Medien unter dem Einfluss marktgängiger Schlaf- und/oder Beruhigungsmittel.»

Und Ambien Tweeting war zugleich die Entschuldigung der Schauspielerin Roseanne Barr für jenen rassistischen Tweet, der um die Welt ging und die Absetzung ihrer wieder aufgenommenen Sitcom «Roseanne» durch den Sender ABC zur Folge hatte. Wobei Frau Barr in der ihr eigenen Art (ebenfalls via Twitter) bereits klargestellt hat, ihr Hinweis auf Ambien (ein bekanntes Schlafmittel in den USA) sei eine Erklärung, keine Entschuldigung gewesen, sie gebe für das, was geschehen sei, nur sich selbst die Schuld.

Seis drum: Der Roseanne-Vorfall zeigt geradezu textbuchmässig die Chronologie einer Twitterkatastrophe, und weil solche Vorfälle den Diskurs unserer Epoche prägen, sei das hier schematisch noch mal dargestellt:

  1. Donald Trump
    1. Die Entschuldigung

    Erfolgt ebenfalls über Twitter. Es sei denn, man ist Donald Trump. Dann erfolgt sie gar nicht.

  2. Roseanne Barr
    2. Die Rückzugsankündigung

    Ist regelmässig Teil der Entschuldigung. Social-Media-Abstinenz wird angekündigt. Bei Roseanne hielt das so ungefähr ein paar Stunden.

  3. ambien
    3. Die Betroffenenreaktion

    Kam hier nicht von der Beleidigten (der Obama-Beraterin Valerie Jarrett), sondern von Sanofi, dem Hersteller von Ambien. Sanofi tweetete: «Rassismus gehört nicht zu den bekannten Nebenwirkungen irgendeines Sanofi-Medikaments.»

  4. ambien_meme
    4. Die Popkulturalisierung

    Infolge Barrs Erklärung erlebte Ambien die grösste denkbare popkulturelle Aufwertung unserer Tage: Es wurde zum Meme. Eine Vielzahl von Menschen schlug eine Vielzahl von Phänomenen vor, die sich mit Ambien im Nachhinein entschuldigen lassen. Pardon: erklären, nicht entschuldigen.

  5. Guardian Newspaper unveils new tabloid format
    5. Die Medienkritik

    Der britische «Guardian» bemerkte: «Barr hat nichts dazu gesagt, ob ihre zehnjährige Geschichte bedenklicher Tweets und Unterstützung von Verschwörungstheorien ebenfalls unter dem Einfluss von Ambien zustande kam.»

8 Kommentare zu «Tweets auf Pillen»

  • Rolf Rothacher sagt:

    Bedenklich ist nicht, was Barr getwittert hat. Rassisten und Neo-Nazis sind ein Teil unserer Zivilgesellschaft, das ist ein Fakt. Bedenklich ist auch nicht, ob es unter dem Einfluss von Drogen oder ohne passierte. Doch bedenklich ist, wie heute die Medien für eine Zwangswelt instrumentalisiert wurden, die Vorverurteilungen nicht nur zulassen, sondern geradezu feiern.
    Auch die USA haben Rassismusgesetze. Wenn Barr dagegen verstossen hat, soll man sie anklagen und rechtsstaatlich verurteilen. Das jedoch, was hier abläuft, ist ein reinblütiger Racheakte eines entfesselten Mobs. Wer am lautesten schreit, der hat Recht?
    Herr Tingler kann sich über Barr/Trump lustig machen. Doch lustig ist das nicht, was immer häufiger abläuft: das Prinzip Maulkorb für Andersdenkende („Falsch“-Denkende).

    • tigercat sagt:

      Ist ganz einfach: Falsches Denken ist, wenn man andere in ihrer Würde herabsetzt. Jedes denkfähige Wesen ist in der Lage, Recht von Unrecht zu unterscheiden.

  • Karl-Heinz Failenschmid sagt:

    Zu 1. Die Entschuldigung: Es gilt der Grundsatz, sich nur bei Schuld zu entschuldigen. So ist z.B. der Satz „Bitte entschuldigen sie, sie stehen auf meinem
    Fuß“ ein Paradoxum. Wer ständig um Entschuldigung bittet, wird sehr schnell
    nicht mehr als kompetent erachtet.

  • Martin sagt:

    Ein Medienprofi (wie ein Schauspieler oder Politiker) sollte eigentlich wissen, was er mit Äusserungen in sozialen Medien auslöst. Daher braucht’s nachher auch keine Krokodilstränen. Sondern man steht zu seinen Aussagen. Punkt. Und auch zu den Konsequenzen.

  • Daniel sagt:

    Leider habe Sie, lieber Herr Tingler, nicht erkannt, worum es sich bei Ambien Tweeting handelt: Um einen ersten, im Fall Barr vielleicht nicht ganz, im Allgemeinen aber vielversprechenden Ansatz, das Medium Twitter auf menschliche Massstäbe herunterzuskalieren. Bekanntlich ist es nicht möglich, einmal getweetete Botschaften zurückzunehmen. Dies ist kein technisches, sondern ein soziales Problem, welches auch sozial gelöst werden muss. Wir sind alle nur Menschen, benehmen uns manchmal allzumenschlich. Dies muss möglich sein, ohne zum sozialen Tod verdammt zu werden. Es braucht ein soziales Protokoll, welches uns erlaubt, Tweets zurückzunehmen. Wenigstens ein- oder zweimal. Ambien Tweeting ist ein Vorschlag dazu.
    PS: Chris Pratt hat wirklich was!
    PPS: Oops, war das jetzt Ambien Tweeting?

    • tigercat sagt:

      Wenn man nicht fähig ist, die Konsequenzen seines Twitterns einzuschätzen, ja dann sollte man das Twittern ganz einfach unterlassen.

      • Daniel sagt:

        Oder man kennt seine Schwächen nur zu gut und schreibt grundsätzlich unter Pseudonym. Nicht wahr, tigercat?

  • Mike sagt:

    Twitter ist so ein bisschen wie Fussball. Bringt in den Menschen nur die schlimmsten Eigenschaften zum Vorschein. Vor allem bei den Zuschauern.

Kommentar

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