Die Nackten und die Einsamen

Alles zugleich.

Der höhere gemeinsame Nutzen ist nicht immer ersichtlich: Nudisten-Museum in Paris. (Foto: AFP/Geoffroy Van Der Hasselt)

Wir bleiben den Zeichen der Zeit auf der Spur, meine Damen und Herren, und wo könnte man die deutlicher lesen als in der Welt des Geschäfts und Kommerzes, dieser nie stillstehenden Maschine des Findens und Entdeckens, der Synergien, des Zusammenwirkens von Kräften und Ideen im Dienste eines höheren gemeinsamen Nutzens! In ebendiesem Sinne hat beispielsweise kürzlich die englische Kaffeehauskette Costa ein besonderes Zeichen für besondere Tische eingeführt, nämlich solche, an denen Kunden sitzen, die gerne mit anderen Kunden ins Gespräch kommen möchten. So werden quasi die Angebote «Speeddating» und «Coffee Shop» verbunden. Vielleicht wird so die zunehmende Vereinsamung wenigstens teilweise kompensiert, die durch freien Internetzugang in Kaffeehausketten entsteht.

Oder nehmen Sie das Beispiel jener Galerie in Paris, die unlängst ihre Tore exklusiv für Nudisten öffnete. Der höhere gemeinsame Nutzen für die Kunst und die Nackten wurde hier noch nicht ganz ersichtlich, jedenfalls mir, aber vielleicht fällt Ihnen ja dazu was ein, dann schreiben Sie bitte. Jedenfalls wollen wir mal eben kurz in diese synergetische Richtung weiterdenken und kommen auf noch mehr super Kombinationspaketideen:

  1. Seelsorgeboxen in Telefonläden: Schliesslich handelt es sich hier oft genug um Schauplätze spätmodernen Elends. Besonders für die gehobenen, weniger technik-affinen Jahrgänge.

  2. Beckenbodentraining in Bayreuth. Bei den Festspielen, meine ich. Wenn man schon stundenlang sitzt. Wo ginge Kontemplation in Körperpräsenz besser als während des kompletten «Rings»? Oder wenigstens während Brünnhildes letzter Arie in der «Götterdämmerung»?

  3. Speeddating auf dem Steueramt. Die haben schliesslich alle wesentlichen Daten.

  4. Spezielle Sitzplätze in öffentlichen Verkehrsmitteln für Leute, die angesprochen werden wollen. (Zusätzlicher Bonus: Da wird dann immer ein Platz frei sein, jedenfalls in Zürich.)

  5. Sehtest beim Automech. Während man wartet. Oder Speeddating beim Automech. Während man wartet. Oder Botox beim Automech. Während man wartet. Oder Körperfettanalysen beim Automech. Während man wartet. Oder Jin-Shin-Jyutsu-Einführungskurse beim Automech. Während man ... Sie wissen schon. Und so weiter. Endlose Synergien. Schöne neue Welt. Wiedersehn.

4 Kommentare zu «Die Nackten und die Einsamen»

  • farine lacour sagt:

    Die praxis vom stammtisch reloaded…

  • Edi sagt:

    Die Kunst in der Galerie ist nicht primär, sondern die Freikörperkultur. Die Galerie hat einen Raum geschaffen, wo sich Nudisten frei fühlen. Wie immer ist es striktes Gebot, dass nur Nudisten Zugang haben. Inklusion, Exklusion, blablabla. Dünkt mich alles etwas rückständig. Ob nun Kunstwerke oder der Strand von St-Tropez exklusiv zugänglich sind, spielt für den höheren gemeinsamen Nutzen keine Rolle, also auch nicht für das ziemlich zufällige Aufeinandertreffen. Heute gibt es aber auch öffentliche Wanderungen, Radtouren, Paraden und Tramfahrten mit Nudisten. Hier wäre niemand mehr exkludiert, aber es mangelt an der Kunst (nicht aber an der Performanz, etwa beim Eierlegen). Eine Anknüpfung wäre vielleicht die Geburt als nacktes Menschlein (heute ist Muttertag). Aber sie ist intim.

  • hans sagt:

    Wozu brauchen sie Bilder wenn sie einfach nackt sein wollen?

  • Alex sagt:

    Die feinstoffliche Materie der Bilder kann allenfalls durch nackte Haut besser aufgenommen werden ?

Kommentar

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