Fitter als du

Durch Daten werden Phänomene wie «Fitness» oder «Konformität» zu einer Ware und definieren den Status.

Wer hat die besseren Werte? Status wird heute über Daten definiert. Foto: iStock

Würden Sie davon ausgehen, meine Damen und Herren, dass die Beteiligung an einem Onlineforum zum Austausch von Informationen über die Brühkopfdichtungen von Kaffeemaschinen als Statussymbol durchgehen kann? Wohl eher nicht. Der soziale Status ist ja grundsätzlich keine unmittelbare Ableitung der virtuellen Präsenz. Der Philosoph Konrad Paul Liessmann hat dazu festgestellt, dass das Onlinedasein viel eher als spätmoderner Religionsersatz zu verstehen sei, ein Trost für die Armen, eine Kompensation für die reale Status- und Chancenlosigkeit: In Summe nehmen die Lebenschancen ab, so Liessmann, aber die Illusion, dabei sein zu können, nimmt zu.

Wir leben in einer Bewertungsgesellschaft mit dem Anschein von Objektivität und Souveränität, jeder und jede kann nahezu überall nahezu alles bewerten; doch in der Tat (auch dies eine Feststellung von Herrn Liessmann) verhält es sich eben auf der menschlichen Seite so, dass ein bestimmter Charakter vonnöten ist, um regelmässig und ausführlich zu bewerten, und dieser Zusammenhang scheint nicht zuletzt dafür verantwortlich, dass eben nicht ständig alles besser wird, obschon permanent Noten vergeben werden.

Datenvergleich als Wettbewerb

Nun ist es aber mit Blick auf die digital erzeugte Reputation so, dass wir ja nicht nur von Menschen bewertet werden, sondern auch von Maschinen. Zum Beispiel von elektronischen Gerätschaften, mit denen wir uns selbst versehen, im Dienste der vermeintlichen Selbstbewertung und Selbstvermessung, im Wettbewerb mit sich selbst. Jeder Tag steht so in Konkurrenz zum vorherigen.

Der Soziologie Steffen Mau diagnostiziert in seinem Buch «Das metrische Wir» geradezu eine Sucht nach Daten und erklärt, dass sozialer Status heute über numerische Differenzen definiert werde: Wer hat die besseren Werte? («Werte» hier also wohlgemerkt nicht im Sinne von Normen, sondern schlicht als Zahlen.) Darin äussert sich, nicht zuletzt, der neue Geltungskonsum: im Statusabgleich als Vergleich von Daten. Denn Daten ermöglichen die Universalisierung des Vergleichs: Ich bin fitter als du, zum Beispiel. Oder kreditwürdiger. Oder gebildeter.

Das Verhalten passt sich an

Diese Ausdehnung des Wettbewerbs als Interaktionsform treibt über datengetriebene Bewertungen eine Bewegung voran, nämlich die von der Solidargemeinschaft zur Konkurrenzgesellschaft. Entwicklungschancen, Teilhabemöglichkeiten, Konsumgelegenheiten und Statusordnung hängen von Daten ab. Das ist die eigentliche Implikation von Bewertungskult und Quantified Self. Und die andere Seite dieser materialistischen Anschauung ist: Das Verhalten passt sich den Bewertungsdimensionen an.

Das heisst: Der Mensch als Datensatz kuratiert und optimiert sein digitales Abbild. Denn Relevanz auf der sozialen Werteskala hat, was in den Sichtbarkeitsbereich der Zahlen fällt. Daten helfen, Phänomene wie «Fitness» oder «Konformität» warenförmig zu machen und zum Beispiel in ein soziales Kreditpunktesystem zu integrieren, wie das zurzeit in China geschieht. Mit der Folge, dass dann der Einzelne der Gesellschaft «gute» Daten schuldet, also beispielsweise «Gesundheit». Und das bringt uns zurück zu Konrad Liessmann und dessen Auffassung: Es gibt kaum einen dümmeren Satz als «Der Ehrliche hat nichts zu verbergen».

 

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6 Kommentare zu «Fitter als du»

  • Rolf Rothacher sagt:

    Gut beobachtet. Doch was sind die Konsequenzen daraus? Sollen wir uns gegen die Digitalisierung wehren? Gegen unseren eigenen Staat, der in diesem Zahlen-Bewertungsspiel genauso mitmacht (Gesundheitswesen etc.), wie es die Kultur tut (in Form von Wissenschaft/Forschung und Wirtschaft)? Wie sollte dieses Entgegentreten denn funktionieren?
    Tatsache ist doch, dass der Mensch weder seine Daten selber schützt, noch dass er den Staat darin mäsigen wollte (wie das neue, an der Urne mit grossem Mehr angenommene Nachrichtendienstgesetz zeigt).
    Das ist die grosse Schwäche der Philosophie von heute: man zeigt bloss noch Tatsachen auf, vielleicht noch eine Entwicklung, hat aber keinerlei Antworten parat. Deshalb sind Religionen der Philosophie weiterhin derart überlegen.

  • Anh Toàn sagt:

    Letztlich geht es bei sozialem Status darum, Leute zu beeindrucken, die man nicht mag, mit Zeugs, das man nicht braucht. Ob das ein Aston Martin ist oder ein Sixpack mit 55.

    • Philipp M. Rittermann sagt:

      also ich habe mir meine 5 sterne als penetranter militanter und renitenter nörgler redlich verdient. finde ich. „beliebt sein“ – nach den heutigen multimedialen dogmen ist etwas für aufmerksamkeithaschende, verunsicherte weicheier/innen und labile konsum-enten.

  • Edi sagt:

    Zur Foto: per aspera ad astra, durch das Raue zu den Sternen (Seneca). – Im Text stimmt etwas nicht. Schon der Allgemeinplatz des Religionsersatzes von Liessmann bereitet Mühe: In Summa nähmen die Lebenschancen ab? Seneca war ein später Stoiker. Im Mittelpunkt seines Werks stand die moralische, idealistische Lebensbewältigung, womit Seneca selbst etwas Mühe gehabt hatte, worauf auch Max Weber 1905 hinwies. Auch der bestimmte (?) „Charakter“ ist schwer verständlich, denn Daten bergen zwar das Potential der unkontrollierten Weiterverbreitung, aber das ist nicht gefährlich, es sei denn im Totalitarismus. Daran zu denken, ist leicht paranoid und vermiest das Leben, bewältigt das Leben also nicht. Das ist kein Vorwurf an Epiktet, den Stoiker der anderen Schule. (Dank an Robert Pfaller.)

  • Julia Smith sagt:

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