Das Leben als Spiel

Unsere Existenz ins langweilig. Wie holen wir mehr Punkte raus?

Selbstständig und entscheidungsfrei? Tipp-Kick-Figuren. Foto: Sebastian Gollnow

Was ist Gamification, meine Damen und Herren? Eine Strategie. Nämlich die, aus negativen respektive langweiligen Erlebnissen (wie dem Treppensteigen, zum Beispiel) ein Spiel zu machen (indem etwa die Treppenstufen zur tönenden Tastatur werden). Ein Spiel, das an unser Belohnungssystem appelliert (und damit potenziell süchtig macht, aber das ist wieder ein anderes Problem).

Offenbar hilft diese Spielifizierung den Menschen, mit der potenziellen Langweiligkeit spielfremder Kontexte umzugehen. Wir sollten uns an dieser Stelle in Erinnerung rufen, dass wir Blaise Pascal, dem wichtigsten Philosophen der Langeweile, die Einsicht verdanken, dass Langeweile die wahre Natur des Daseins offenbart: Wir werden zufällig in eine Welt hineingeworfen, der wir egal sind. Pascal empfiehlt Zerstreuung als Barriere vor der Verzweiflung, also zum Beispiel: das Spiel.

Das Schöne am Spiel ist ausserdem, dass es bei den Teilnehmern einen subjektiven Eindruck von Selbstständigkeit und Entscheidungsfreiheit verstärkt. In diesem Sinne folgen hier noch ein paar Ideen zur Anwendung von Spieldesigndenken und Spielmechaniken im schweizerischen Alltag:

  1. Warten auf der Post

    In Verbindung mit dem Wartenummernsystem wird eine Lotterie veranstaltet. Am Glücksrad: Miss Post. Oder Mister Post. Ich wüsste da schon einen Kandidaten.

  2. Steuererklärung

    Wer zuerst einreicht, gewinnt. Und zwar einen Briefkasten. In Liechtenstein.

  3. Öffentlicher Verkehr

    Wenn einem das Tram vor der Nase wegfährt, kann man durch Drücken eines Knopfes am Fahrkartenautomaten ein kleines Narrativ ausdrucken, das einen plausiblen Grund dafür liefert. Dieses Spiel befriedigt ein wichtiges menschliches Bedürfnis: Verarbeitung. Abschluss.

  4. Mülltrennung

    Die Container werden mit einarmigen Banditen kombiniert: Jede Flasche hat eine Chance.

  5. Parkplatzsuche

    Nein, halt, das ist bereits ein Spiel. Und zwar ein ziemlich grausames, bei dem einem die verharrende Zusammenhanglosigkeit des Daseins essenziell bewusst wird.

7 Kommentare zu «Das Leben als Spiel»

  • Edi sagt:

    Gestern wurde in unserer Provinz-Gay-Bar über das spielmässige Treppen-Steigen wie bei Dr. Sheldon diskutiert. Der Eine mit „echter“, „authentischer“ und lustvoller, anasketischer Seriosität, der Andere mit geerbter, sozusagen leicht determinierter (Dewey), wenn auch aus heutiger Sicht illusionärer (Pfaller?) Seriosität, die kindlich sein mag, weshalb man diese kaum mehr abolieren kann, ausser man ist adult sehr stark. Nun, das ist jetzt ein wenig heikel: Inwiefern ist es legitim an einem öffentlichen Orte (wie einer Gay-Bar), sich von einem primitiv-naiven Spiel (hier ungleich Sex) explizit und unter Missachtung der Konsonanz des Anstandes von Anderen, die einen nerven, zu distanzieren, d.h. in der Lebenswirklichkeit der Versöhnung aus dem Wege zu gehen und simpel still zu bleiben?

  • Hans Huber sagt:

    Der homo ludens…ein Urinstinkt wie eh und jeh…

  • Martin sagt:

    Wenn man die Garantie hätte, man wird nicht mit dem eigenen Leben bezahlen müssen, wäre das Leben als Spiel wunderbar.

  • Jürg Oberli sagt:

    Offenbar waren Sie nie in der Pfadi. Oder haben Mary Poppins nicht gesehen. Ansonsten wäre Ihnen das Konzept seit Jahrzehnten bekannt.

  • Tante Gertrud sagt:

    Das gesellschaftliche Spiel ist ein Stressor, weil dieser mit Macht verbunden ist. Macht ist simpel und die Lieblingsursprünglichkeit von Foucault, dessen Name tabu sein sollte, was eine Tageszeitung hierzulande kürzlich nicht hinderte, seitenweise über diesen zu schreiben, in der letzten Verzweiflung, einen allseitigen Diskurs zu eröffnen, den aber niemanden interessiert (so sei die Behauptung); und sogar denselben mit einem krummen Neoliberalismus in Verbindung zu bringen. Ridikulös! Nein, das Spiel ist ein Stressor, weil es auf Taktik und Strategie basiert, was wäre ja noch akzeptabel wäre, aber auch auf Hinterhältigkeit und Unehrlichkeit gründet. Das soziologische Ideal ist das Nicht-Hypokritische, das allein weiterführt. Das ist kein Drama- oder Ironieverbot. Im Gegenteil. 🙂

    • Tante Gehrtrud sagt:

      Oh, der Nick heisst nicht 《Tante Gertrud》, sondern seltsamerweise 《Tante Gehrtrud》.

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