Gleichungen zur Zeit

Der Zauber der Vergänglichkeit.

Zeit vergeht. Und vergeht. Denn schliesslich ist das nun mal das Wesen der Zeit. (Foto: iStock)

Der neue Roman des britischen Autors Jon McGregor heisst «Speicher 13» und beginnt wie ein literarischer Thriller, nämlich mit dem Verschwinden eines Mädchens, das mit seinen Eltern Ferien macht in einem namenlosen Dorf im englischen Derbyshire. Dann vergehen die Jahre, und das Mädchen wird nicht gefunden, und McGregors Roman, der das Vergehen der Jahre montagehaft-nüchtern-monoton schildert, wird ganz beiläufig zu einem Lehrstück über den Zyklus des Lebens und die Vergänglichkeit der Zeit.

So jedenfalls lesen ihn einige Kritiker. Fest steht, dass der Autor mit dem Blick des Lesers spielt, geradezu ein poetologisches Experiment betreibt, indem er Dramaturgie und Erzählstrategie des Kriminalromans unterläuft. Und der Blick des Lesers, der Kunst erwartet, sieht schliesslich auch im wiederkehrenden Wechsel der Jahreszeiten einen Kunstgriff. Das ist das eine. Das andere ist die Ambivalenz der Monotonie als Stilmittel. Es fliesst und kreist bei McGregor, die Zeit vergeht, Mensch und Natur vergehen und entstehen in der Zeit, die Zeit vergeht. Und vergeht. Und vergeht. Der Farn wuchert. Menschen werden geboren, Menschen sterben, Menschen trennen sich, Dachse paaren sich, es schneit, die Sonne scheint, jedes Jahr wird im Dorf ein Weihnachtsstück aufgeführt, das Mädchen bleibt verschwunden, jedes Jahr wird im Dorf ein Weihnachtsstück aufgeführt. Merken Sie was?

Diese Monotonie wirkt elegisch und hypnotisch und – auf die Dauer vor allem: monoton. Schliesslich ist dies nun einmal das Wesen der Zeit, meine Damen und Herren: Sie vergeht. Dabei ist immerhin nicht abzustreiten, dass die Zeit als Beigabe in alle grundsätzlichen Gleichungen des menschlichen Daseins eingeht, wie die folgenden fünf Beispiele veranschaulichen:

  1. Tragödie + Zeit = Komödie
    (das sogenannte Joan-Rivers-Gesetz)

  2. Kein Ja + Zeit = nein
    (Grundregel in Geschäft und Gesellschaft überhaupt)

  3. Besitz + Zeit = Last
    (Je mehr, desto schlimmer)

  4. Links + Zeit = rechts
    (nicht physisch, nur politisch)

  5. Christopher Walken + Zeit = Hosenbund unter den Brustwarzen
    (gilt für viele ältere Herren)

9 Kommentare zu «Gleichungen zur Zeit»

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