Muss der Körper zur Seele passen?

«Nicht binär» oder «gender-queer»: Steckt man sich mit den neuen Geschlechtsidentitäten nicht selbst in eine Schublade?

Die Gesellschaft wird zunehmend als ungestaltbar erfahren, ganz im Gegensatz zum eigenen Körper. Fotomontage: Laura Kaufmann

Unlängst lief im Rahmen einer SRF-Themenwoche zur Geschlechtsidentität die sehenswerte Dokumentation: «Das Geschlecht der Seele», über Trans-Menschen in der Schweiz. Solche Einblicke in marginalisierte Lebenswelten sind, neben Roger Federer, ein weiterer Grund, warum wir das öffentlich-rechtliche Fernsehen brauchen. Schätzungen zufolge leben rund 40’000 Transgender-Personen in der Schweiz, also ist Aufklärung wichtig. Und lässt sich nicht durch Werbeblöcke finanzieren.

Transgender sind Menschen, deren seelische Geschlechtsidentität nicht mit ihrem ursprünglichen körperlichen Geschlecht übereinstimmt. Das ist mit Leidensdruck verbunden und das Streben der Betroffenen nach einem selbstbestimmten Leben in Übereinstimmung mit dem gefühlten Geschlecht zu respektieren. Ich werde nur immer stutzig bei einem offensichtlichen Widerspruch: Wenn, wie Trans-Menschen sagen, nicht der Körper entscheidend sei, sondern die Seele – warum ist ihnen dann der Körper so wichtig?

Die Körperoptimierung ist allgegenwärtig

Nie, auch nicht in guten Dokumentationen wie der kürzlich ausgestrahlten, hört man zum Beispiel auch bloss eine einzige Trans-Frau, die sagt: «Ich fühle mich als Frau, lebe aber im Körper eines Mannes, und das ist vollkommen okay.» Anders gefragt: Kann man nur eine Frau sein, wenn man sich wenigstens Acrylnägel aufklebt? Oder ist dieses Geschlechterrollenverständnis nicht selbst etwas konsumistisch verengt?

Das Problem geht tiefer: Es betrifft das Körperverständnis unserer Zeit. Die Kuratierung und Optimierung und damit auch Verdinglichung des eigenen Körpers in der digitalen Marktgesellschaft scheint allgegenwärtig. Es passiert nicht selten, dass man hört: «Ich fühle mich wie 30, ich bin seelisch jung geblieben, mein alternder Körper aber entspricht diesem Seelenzustand nicht, also lasse ich ihn straffen, liften und absaugen, um meinen Leidensdruck zu mindern.» Die Seele als letzter Grund. In diesem Beispiel allerdings wird die Anpassung des Körpers an die Seele meist als oberflächlich, materialistisch und metaphysisch verkürzt kritisiert.

Eine neue Qualität der Entfremdung

Und ganz allgemein signalisiert ja die Fixierung auf den Körper einen Wandel in der Richtung des Gestaltungswillens: Während die Gesellschaft zunehmend als ungestaltbar und kontingent erfahren wird, werden der eigene Körper und auch die eigene Psyche als form- und optimierbar angesehen. Ein Selbst-Verhältnis, das Körper und Geist objektiviert, bedeutet potenziell eine neue Qualität der Entfremdung.

Ein entfremdendes und identitätspolitisches Emanzipationshindernis stellt auch die ins Unendliche strebende Ausweitung möglicher Geschlechtsidentitäten dar. Wenn ich Akronyme wie «LGBTTIQ» lese, geht es mir wie vielen spätmodernen Konsumenten: Ich kriege Multioptionslähmung. So werden neue dogmatische Hürden errichtet. Sofern man die Geschlechtsidentität richtigerweise als Kontinuum versteht, ist die Erschaffung zusätzlicher Kategorien wie «hinterfragend», «nicht binär» oder «gender-queer» überflüssig. Man befreit sich nicht, indem man sich in neue Schubladen steckt.

Philipp Tingler über den Körper als Investition >>

36 Kommentare zu «Muss der Körper zur Seele passen?»

  • Baumann Enrico sagt:

    Es wird uns alles von der Natur gegeben. Was wir allerdings daraus machen ist unsere eigene Entscheidung. Ohne die innere Seele fühlt sich unser Körper leer und fad an, so spiegeln wir uns dementsprechend in unserem Umfeld. Die Seele ist das Ergebnis zwischen Körper und Geist. Erst wenn wir im Gleichgewicht sind, in unserer Mitte, kann sich die Seele entfalten. Jedoch achtet der Mensch nicht mehr aufs Wesentliche, auf sein Inneres, sondern viel mehr auf sein Gegenüber, das Äussere (Materielle).

    • Baumann Enrico sagt:

      Für diejenigen die mein Bericht nicht verstanden haben:
      Die Natur hat uns so erschaffen wie wir sind. Wir müssen uns so akzeptieren wie wir sind. Ob klein, gross, dick oder dünn und natürlich Mann oder Frau. Falls wir das nicht können (unzufrieden mit uns selbst sind), müssen wir etwas ändern. Diese Entscheidung liegt an uns selbst. Die Aussen-Welt kann es akzeptieren oder nicht und deswegen müssen wir diese Diskussion führen. Dabei sollte es ganz klar sein, dass wir uns in bestimmte Dinge nicht einmischen sollten. Dasselbe gilt für Gen-Manipulation etc. es entspricht nicht mehr der reinen Natur!

  • Niklas Meier sagt:

    Dieser „seelische“ Genderwiderspruch ist einfach eine psychische Erkrankung.
    Die IV bezahlt ja auch eine Geschlechtsumwandlung. Das ist auch ok, kranken Menschen muss geholfen werden.
    Was ich aber nicht nachvollziehen oder unterstützen kann, ist das Bestreben, diese Dysfunktionalität als „völlig normal“ ansehen, aber dennoch alle Spezialwünsche der Betroffenen erfüllen zu müssen.
    Wenn ich das Gefühl habe, mein Arm sei ein Fremdkörper, dann bin ich krank.
    Wenn ich imaginäre Stimmen höre bin ich krank.
    Wenn mich das einschränkt kann ich mich behandeln lassen.
    genau das selbe bei den Genderunsicheren. Wenn es normal ist, gut. Wenn es beeinträchtigt kann man es behandeln lassen.
    Aber keine Proklamation „das ist ganz natürlich und gesund“ und dabei Sonderwünsche erwarten.

    • Christoph Bögli sagt:

      Mir scheint dieser Pseudo-Kontrast etwas erzwungen. Es liegt doch gerade in der Natur der Sache, dass angeborene psychische oder physische Abweichungen oder Beeinträchtigungen natürlich und innerhalb der Gesellschaft halt somit auch „normal“ sind. Würden Sie von jemandem mit angeborener Behinderung auch erwarten, dass er sich selbst entweder als anormal und krank klassifiziert oder keine Unterstützung erhält? Wozu diese krampfhafte Zwängerei? Ist es wirklich so schwierig, Menschen einfach so zu nehmen, wie sie sind, und ihnen zu helfen, sich möglichst wohl zu fühlen? Wenn dafür eine Geschlechtsumwandlung notwendig ist, meinetwegen, bei vielen würde es wohl schon reichen, wenn man sie nicht diskriminieren oder krampfhaft als Freak behandeln würde..

      • Max Marlbough sagt:

        Der Wunsch is nicht einem behinderten Menschen zu helfen, einen männlichen oder weiblichen Köper zu haben ist keine Behinderung an sich und die Aenderung des Geschlechts ist soweit meist visuell,

  • Kathrin Balmer sagt:

    Für mich ist es durchaus schlüssig, dass eine Trans-Frau sich nicht nur als Frau fühlen, sondern auch als solche wahrgenommen werden möchte. Deshalb ist der Körper wichtig.
    Für weitere Informationen empfehle ich die Website von Transgender Network Switzerland http://www.tgns.ch und das Buch „Das Geschlecht der Seele“ von Tanja Polli und Ursula Markus (Elster/Rio 2013).

    • Pedro Riengger sagt:

      In erster Linie möchten sich solche Personen wohl selbst – also auch vor dem Spiegel – in der auch gefühlten Identität wahrnehmen, resp. sehen. D.h. korrekt als Mann oder als Frau, also mit männlichem Körperbau oder feminin. Mit den Anderen hat das erstmal gar nichts zu tun. Wer sich als Frau fühlt und einen Männerkörper hat, fühlt sich verständlicherweise nicht vollkommen, nicht richtig. Und umgekehrt. Ganz unabhängig davon, was andere denken.

      • Seerose sagt:

        Sehr richtig! Beim Phänomen der originären Transsexualität (NGS) geht es zunächst einmal primär darum, für sich selbst eine (körperliche) Stimmigkeit herzustellen; deshalb ist für diese Menschen eine geschlechtsangleichende Oeration (GaOP) i.d.R. unumgänglich.
        Die Außenperspektive spielt für diese angestrebte GaOP im Prinzip keine oder doch zumindest nicht die zentrale Rolle, denn schließlich nehmen wir unser Gegenüber im sozialen Alltag i.d.R. nicht (primär) über seine intimen Gegebenheiten als Mann oder Frau wahr; diese Außen-Wahrnehmung bekommt hierbei nur in speziellen Kontexten ihre Bedeutung, wie z.B. ärztliche Leibesvisitation oder im Intimleben.

  • Anh Toàn sagt:

    Habe mal einen Transgender getroffen, der die Frage, ob er Mann oder Frau sei beantwortete mit: „Früher war ich ein Mann, dass wurde ich eine Frau, heute ist es mir egal“. Auch Boy George hat die Frage in einem Interview beantwortet mit „Nenn‘ mich einfach Papagei“. Das „Problem“ der Transgender liegt meines Erachtens darin, dass in der Jugend wo Sexualität besonders wichtig ist, die Reife fehlt, sich aus sich selbst zu definieren. Junge brauchen Gruppen, mit denen sie sich identifizieren können. Abgrenzung UND Identifikation ist gefragt, dabei helfen die 60 Schubladen.

  • Kristina sagt:

    Es ist ein Unbehagen. Ein Netz, das immer feinmaschiger gewoben wird. Wieso dürfen wir unser Sein nicht als Kosmos betrachten, das unser Wesen hervorbringt? Das dies alles in sich trägt? Muss ich mich dem von Ihnen eingeworfenen Tatsache der Verengung fügen? Dieser mit der mir eigenen Kategorie den Weg leuchten? Was bedeutet Entfremdung wirklich?

    • Lukas sagt:

      Von wem wird das Netz gewoben? Warum ist das Sein ein Kosmos? Was trägt was genau in sich? Von wem ist die Tatsache eingeworfen? Wie kann eine Kategorie den Weg leuchten?

    • Meinrad Thomas Angehrn sagt:

      @ Lukas, @ Kristina: Die regelmässigen Kommentare sind sehr schätzenswert; diese Lanze muss ich für Kristina brechen. Sie regt zum Denken an, wie es auch die Absicht des Bloggers ist. Auch Kristina sorgt für eine Erweiterung des Vokabulars, wie es für eine „liberale Ironikerin“ (Rorty) unabdingbar ist. Nur so entstehen neue gedankliche Brücken und können beim Leser (nach eigenwilliger Interpretation) ins Denken übergeführt werden. Das führt zu einer vernünftigen Entwicklung sowie (sehr langsam) zur Evolution, nicht aber zu einer brachialen Revolution, wie diese etwa Zizek als durchsichtiger Schreiberling in der NZZ (wie billig!) regelmässig verhüllt predigt. Wo war ich? Vorliegend sind „Kosmos“ (vgl. Max Scheler) und „Verengung“ wichtig. PS: Es gibt keine Seele. Ausser als Metapher.

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