Frau am Steuer

Über die emanzipatorische Kraft des Marktes.

Als letztes Land der Erde verbot Saudiarabien den Frauen das Autofahren. Montage: Laura Kaufmann

Glauben Sies oder nicht, meine Damen und Herren (wahrscheinlich glauben Sies), aber im sogenannten Literaturbetrieb trifft man inspirierende Menschen auch nicht häufiger als, sagen wir, bei einem durchschnittlichen Einkauf in der Migros Zollikerberg. Eine überaus inspirierende und beeindruckende Person indes, die ich kürzlich traf, ist Manal al-Sharif.

Sie haben es sicher gehört: Der saudische König hat ein Dekret erlassen, wonach Führerscheine künftig auch an Frauen ausgegeben werden können. Als letztes Land der Erde verbot Saudiarabien den Frauen das Autofahren. Ein Gesetz gibt es nicht, auch keine religiöse Begründung. Es ist das ungeschriebene Gesetz, sehr wichtig in Saudiarabien als Quelle von Normen und Sanktionen. Sitte und Überlieferung werden zu einer Frage der Macht in einer Gesellschaft, in der Frauen weitgehend rechtlos sind und für viele wichtigen Lebensentscheidungen einen männlichen Vormund brauchen, zum Beispiel für die Beantragung eines Reisepasses.

Ökonomische Gründe für den Kurswechsel

Gleichzeitig existieren viele Mythen und Märchen über Saudiarabien. Frauen können dort studieren und arbeiten (allerdings lohnt sich für viele die Arbeit nicht, wenn sie erst einen Chauffeur anstellen müssen, denn es gibt keine öffentlichen Verkehrsmittel). Um dieses Land besser zu verstehen und auch besser zu verstehen, was hinter dem jüngsten königlichen Erlass steht, empfehle ich «Losfahren», das Buch von Manal al-Sharif. Saudiarabien ist ihr Heimatland, das «Time Magazine» zählte sie zu den 100 einflussreichsten Persönlichkeiten der Welt. «Sie nennen mich Aktivistin», sagt Manal al-Sharif, «dabei hat doch jeder und jede die Pflicht, sich zu äussern, wenn die Freiheit und Rechte des Menschen auf dem Spiel stehen.» Manal al-Sharif hat sich im Jahr 2011 trotz des Fahrverbots ans Steuer gesetzt und ein Video davon auf Youtube veröffentlicht. Darauf kam sie ins Gefängnis.

«Losfahren» erzählt ihr Leben. In einer Gesellschaft, die uns geschildert wird als geprägt von Geschlechterapartheid, von struktureller Gewalt, von Scham, Hass und religiöser Indoktrination. Und trotzdem liebt die Autorin ihr Land, will es erneuern und verbessert sehen. Wenn man sie nach den Hintergründen der Aufhebung des Frauenfahrverbots fragt, erkennt Manal al-Sharif vor allem ökonomische Gründe für den Kurswechsel. Die Mobilitätseinschränkungen für die Hälfte der Bevölkerung mit all ihren arbeitsmarktlichen Implikationen wird angesichts der bedrängten Wirtschaftslage Saudiarabiens einfach zu teuer. Der Ölpreis fällt, das Königreich ist zu Reformen gezwungen.

Ist es ernüchternd, dass letztlich ökonomische Notwendigkeiten den Fortschritt der Emanzipation vorantreiben? Ich finde, es ist ziemlich egal. Denn es ändert nichts an der Qualität des Fortschritts. Die Kräfte des Marktes können die Freiheit befördern, auch wenn der Mensch per se gar keine hehren Absichten verfolgt. Hat schon Adam Smith erkannt. Aber natürlich braucht es auch immer ein paar Leute mit Courage.

5 Kommentare zu «Frau am Steuer»

  • Peter sagt:

    Es ist sehr erfreulich, dass die Frauen die notwendige Courage aufbringen. Die Zukunft müsste weiblicher werden, dem Planeten und uns zuliebe.
    Danke für den Artikel.

  • Anh Toàn sagt:

    Viele sagen, die Emanzipation der Frau schaffte in Europa den Durchbruch, als in der Wirtschaft des zweiten Weltkrieges auf die Arbeit der Frauen nicht mehr verzichtet werden konnte: Als die Männer weg waren, um sich die Köpfe einzuschlagen, konnten die Frauen zeigen, dass sie die Arbeiten der Männer gleich noch neben Kinder und Küche erledigen können, da sie sich weniger mit Köpfe einschlagen beschäftigen.

  • Maurizio Quarti sagt:

    Trotzdem dauerte es bis zur Einführung des Frauenstimmrechts noch 26 Jahre, bis 1971. Es gibt also keinen Grund für die Schweizer Männer mit geschwellter Brust herumzustolzieren.

    • Anh Toàn sagt:

      Und das „alte“ Ehe-„recht“ (Mann=Haupt der Familie, Frau = Haushalt, Frau erhält Namen und Bürgerrecht des Mannes) galt noch bis 1988. Die Vergewaltigung in der Ehe war bis 1992 keine, und bis 2004 nur auf Antrag ein Delikt.

  • Widerspenstige sagt:

    Die Zukunft ist mehr weiblich. Dank solchen mutigen Frauen und ja, solchen Artikeln und Kommentaren von Männern mit Weitsicht. Danke!

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