Der Stil der Reaktion

Über eine Krawatte. Und Konsumverzicht.

Solides Garderobenkonzept: Alexander Gauland und seine Jagdhundmusterkrawatte. (Montage: Laura Kaufmann)

Heute müssen wir mal über die Krawatte sprechen, meine Damen und Herren. Diese Jagdhundmusterkrawatte in Grün-Gelb (ausgerechnet), die Alexander Gauland trägt, stellvertretender Parteivorsitzender der «Alternative für Deutschland». Herr Gauland trägt diese Krawatte nämlich immer. Immer die gleiche (mutmasslich sogar: dieselbe) Krawatte, wie eine Cartoonfigur.

So von der generellen Anmutung her passen die Hundesilhouetten zu diesem Landadel-Herrenreiter-Stil, den wir etwa auch bei Alice Weidel sehen, die mit Herrn Gauland als Spitzenkandidatin für die AfD in die Wahlen für den deutschen Bundestag ging. In dieser Art haben sich deutsche BWL-Studenten in den Neunzigerjahren des letzten Jahrhunderts angezogen, als die Universität St. Gallen noch «Hochschule St. Gallen» hiess. Glauben Sie mir, ich weiss, wovon ich rede.

Bemerkenswertes Garderobenkonzept

Vom Stil her passen die Jagdhundsilhouetten auch zu jenem Ausspruch von Herrn Gauland nach der Wahl, bezugnehmend auf das politische Establishment: «Wir werden sie jagen.» Worüber sich die Kommentatoren zu Recht aufregten. Nahezu keine Menschenseele hingegen hat sich aufgeregt, als ein paar Tage später Andrea Nahles, neue Fraktionsvorsitzende der SPD, ankündigte, die CDU würde jetzt «in die Fresse kriegen». Obschon das exakt genauso dumm und ordinär war.

Doch ich schweife ab. Ich wollte ja eigentlich über die Krawatte sprechen. Beziehungsweise darüber, dass es in unseren überstilisierten Zeiten mit ihrer oberflächlisierten Politik ja zunächst einmal bemerkenswert ist, wenn jemand beharrlich ein Garderobenkonzept an den Tag legt, das vielen selbsternannten Geschmacksexperten und Internetdandies ganz furchtbar vorkommt: immer dasselbe anzuhaben. Oder das Gleiche, wie Sie wollen. Auch wenn es ein reaktionärer alter Mann ist.

Überzeitliche Einsicht und Konsumoptimierung

Der durchschnittliche Konsum von Anziehsachen hat absurde Ausmasse angenommen. Dahinter steht, wie oft bei absurdem Konsum, der Wunsch nach Ichfindung und Selbstdarstellung. Man kann aber nur dann zum Ich finden, also die Mode überschreiten, wenn man ihr nicht zum Opfer fällt. Dass man für diesen Schritt nicht reaktionär zu sein braucht, beweist Uta Ranke-Heinemann.

Frau Ranke-Heinemann, soeben 90 geworden, ist die Tochter des ehemaligen deutschen Bundespräsidenten Gustav Heinemann; aber vor allem ist sie Religionswissenschaftlerin und eine lebhafte Kritikerin der katholischen Kirche. Und trägt seit über einem Vierteljahrhundert bei allen öffentlichen Auftritten ein Deux-Pièces aus türkisfarbenem Nappaleder, ein typisches und per se ziemlich schreckliches Relikt aus den Achtzigerjahren des letzten Jahrhunderts, mit Puffärmeln und Ziernähten und allen Zumutungen dieser wenig diskreten Ära. Und trotzdem demonstriert und verkörpert dieses starkgrüne Ding am Körper von Uta Ranke-Heinemann eine überzeitliche Einsicht, die uns helfen kann, unseren Konsum zu optimieren: die Einsicht nämlich, dass bei Fragen der Mode die Persönlichkeit alles ist. Sofern man eine hat. Und nicht bloss eine Fresse.

11 Kommentare zu «Der Stil der Reaktion»

  • Kristina sagt:

    Was hatte ich mich heute morgen über diese Zeilen gefreut. Und vorhin, gleich nochmal. Herrlich.
    Nun lassen Sie mich dennoch anmerken, dass es die Aussicht ist. Die Aussicht. Die Aussicht.

  • olive sagt:

    Na na na, Sie sind nicht abgeschweift, sondern haben p-korrekt Ihr Missfallen über die AfD kund getan.

  • Jasper Lohmar sagt:

    Der Gauland-Nahles-Vergleich ist vollkommen unangebracht. Bei Nahles handelt es sich lediglich um vulgäre Haudegen-Parlamentarier-Rhetorik, dazu noch offensichtlich kollegial gemeint. Bei Gauland war es aggressivste Umstturz- und Gewalt-Rhetorik, die an SA-Schlägertrupps denken lässt. Nicht alles in einen Topf werfen, nur weil es oberflächen-semantische Ähnlichkeiten gibt.

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