Hört auf, alles zu bewerten!

Warum eine Werte-Diät sinnvoll ist.

Das Internet ist ein Tummelplatz der Bewertungssüchtigen. Foto: Oliver Berg (Keystone)

Müssen Werte absolut sein, meine Damen und Herren? Der Philosoph Urs Andreas Sommer sagt: Nein. Vielmehr bewährten sich Werte im Vergleich zu anderen Werten. Im Wertedenken sei der Relativismus notwendig eingepflanzt. Relativismus heisst, die Wirklichkeit als Beziehungsgefüge zu denken. Es geht nicht um eine objektive Ordnung des Universums unter irgendeinen obersten Wert; dies ist regelmässig das Kennzeichen totalitärer Denk- und Gesellschaftssysteme.

Es geht vielmehr darum, zu erkennen, dass Werte statt als «universelle» gerade als situative und partielle ihre Leistung als Verbindungsmaschinen, Beziehungsgeneratoren und Vergleichbarkeitsgaranten erbringen können. Urs Andreas Sommer schreibt: Relative Werte implizieren, dass Individuen eine Lebenswahl haben, sie sich selbst verändern können, ohne länger an eine festgeschriebene soziale Rolle gebunden zu sein. Ein Wert wie «Authentizität» oder «Autonomie», also «Selbstbestimmung», hat das eine Gute perspektivisch gebrochen und auf die jeweilige individuelle Lebenswahl hin zugeschnitten; die Werte vervielfältigen das Gute. Der Schritt hinaus über das absolute binäre Gut-Böse-System ist ein gewaltiger moralevolutionärer Schritt. Gerade in ihrer Pluralität, ihrer Nichtendgültigkeit, ihrer Historizität seien Werte sozial und individuell nützlich; sie vermischen Sphären, durchbrechen abgekapselte Räume und systemische Geschlossenheiten. So können Menschen mit unterschiedlichen Bedürfnissen, Interessen, Präferenzen zusammenfinden.

Die Werteplage

Einerseits dienen Werte der Subjektkonstitution, der privaten Sinnstiftung. Andererseits der Gruppenkonstitution, der sozialen Sinnstiftung. Werte werden zwischen Menschen vermittelt und verhandelt; sie entstehen und wandeln sich in der Interaktion. Werte dynamisieren und stabilisieren Gruppen und Individuen. Werte können verflüssigen, dynamisieren, flexibilisieren, Vielschichtigkeit erzeugen. Sommer postuliert das Denken in der Analogie von Werten der Ökonomie und Moral. Und dazu gehören auch die Metapher von der Konjunktur der Werte und ihrer möglichen Überhitzung; einer Inflation der Werte. Werte sind Überzeugungsroutinen und scheinen als solche das Leben zu vereinfachen. Das fördert zunächst ihre Vermehrung. Pointiert könnte man von einer Werteplage sprechen.

Probiers mal mit Ironie

Sommer schreibt: Statt einer Überökonomisierung indiziert die Globalisierung der Wertrede also eher eine Übermoralisierung: das Überhandnehmen moralischer Denkweisen, die moralische Kolonialisierung von Lebenswelten durch Wertewucherung. Dann werden Werte übergriffig und polemogen, das heisst: streiterzeugend. Moralische Urteile traut sich der spätmoderne Mensch, der sich sonst so oft für überfordert erklärt, jederzeit und zu jedem Thema augenblicklich zu, ob es nun politische Ansprüche im Südchinesischen Meer betrifft oder Fracking in Nordamerika.

Hier hilft bewusste Werte-Askese. Wir sollten nicht vergessen, dass Toleranz auch Bewertungsenthaltsamkeit bedeutet. Denn eine ständige Wertungsbefangenheit und der damit einhergehende Bewertungszwang verhindern Erkennen. Zeichen intellektueller Reife ist es vielmehr, Wertungsimpulse einzudämmen, zu einer Wertungsabstinenz zu gelangen. Werten heisst, involviert zu sein; Aufklärung heisst, sich vom Involviertsein freimachen zu können, schreibt Sommer. Das nähert sich ein wenig dem buddhistischen Ideal des urteilslosen Gewahrseins. Und, für alle, die es noch weltlicher mögen: Auch Ironie erweist sich als geistige Methode, um Wertzumutungen abzuwehren.

20 Kommentare zu «Hört auf, alles zu bewerten!»

  • Urs Welter sagt:

    Ist dieser Artikel lesenswert? Klick ja oder klick nein. Unter diesem Artikel müsste noch ein dritter Klick sein, das liest sich aus diesem Text explizit heraus: „Ja oder nein ist zu banal.“ Aber genau gesehen müsste dieser dritte Klick unter jedem Tagi – Artikel stehen. Oder besser würde auf diese Klickerei ganz verzichtet. Zur Eindämmung der Werteinflation. Und zur Wertschätzung der Autorinnen und Autoren.

  • Benjamin Kraus sagt:

    Ist das nun, werter Dr. Tingler, ihre Art „mea culpa“ zu verlautbaren und Asche über ihr Haupt zu streuen? 😉 Sind sie somit ein intellektuell Gereifter und Geläuterter oder sind ihre vergangenen wie zukünftigen Wert-Urteile in ihrem Blog stets nur ironisch gemeint – oder bloss zynisch im Sinne von „Das ist nunmal mein Job“?

  • Daniel Slamanig sagt:

    „Bewertungsenthaltsamkeit“ kann aber auch zu apolitischem Verhalten führen. Wenn man nicht mehr Stellung bezieht, lässt man andere für sich entscheiden. Denn eine Entscheidung setzt eine Bewertung voraus. Das ist im Idealfall eine differenzierte Betrachtung. „Bewertungsenthaltsamkeit“ scheint mir eine Luxushaltung zu sein, die einnehmen kann, wer nicht betroffen ist, in einem weitgehend intakten Umfeld lebt, oder schlicht blind dafür ist, was um ihn abgeht.

  • Meinrad Angehrn sagt:

    Der Text erinnert an Schleiermachers Humanität und Wechselwirkung zwischen den Individuen. Sommer schreibt in der „Kunst der Seelenruhe“, dass der moderne Stoiker um die Kontingenz seiner Entscheidungen wisse. Wir könnten nicht wissen, ob die Dinge so seien, wie wir sie dächten. Es bleibe der Zwiespalt – und zwar ein ironischer Zwiespalt, denn wäre es ein ernster Zwiespalt, müssten wir wissen, wie die Dinge wirklich seien. Ich bin weder mit Sommer noch dem Grundgedanken des Blog-Eintrags einverstanden. Vielleicht ist Bewertungsenthaltsamkeit angesagt. Am Pult und unter Menschen beschleicht mich heutzutage aber das dumpfe Gefühl, dass die Aufklärung an Wert verliere, Vieles zerbrösele und der Zwiespalt ein grosser Graben sei, die nur ironisch nicht zu überbrücken ist. Kommt Zeit, kommt Rat.

  • rnb sagt:

    Und am Schluss des Artikels die passende Nachfrage „Ist dieser Artikel lesenswert?“…

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