Preise und Werte

Über die Trennung von Ökonomie und Moral. Oder: Warum Werte relativ sein müssen.
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Die Welt verbessern und dabei Profit machen? Papst Franziskus und Facebook-Chef Mark Zuckerberg treffen sich im August 2016, um zu besprechen, wie man «mit Kommunikationstechnologien die Armut bekämpfen» kann. Foto: Keystone

Unsere Zeit, die digitale Spätmoderne, meine Damen und Herren, bleibt einerseits in der protestantischen Arbeitsethik verhaftet, nach der Fleiss und Erwerb auf dem Weg zur profanen Erlösung liegen. Andererseits aber sollen – und hier liegt das Moderne – die ökonomische und moralische Sphäre strikt getrennt und wesensmässig verschieden sein. Beide Sphären bringen Werte hervor; und auch hier klingt dieser Konflikt an: «Ethik versus Profit» respektive «Gewinnmaximierung versus wertgebundenes Handeln». Werte gegen Preise, wenn Sie so wollen.

Wenn man eine radikal andere Perspektive einnehmen möchte, darin dem Kulturphilosophen Andreas Urs Sommer folgend, kann man (moralische) Werte freilich auch geradewegs in Analogie zum Geld betrachten. Sommer sagt: Geld bedeutet eine Vervielfältigung der Dingwelt und der Dingbeziehungen; es macht Dinge vergleichbar und setzt sie zueinander ins Verhältnis. Analog lassen sich Werte quasi als funktionale Äquivalente des Geldes verstehen: Sie machen Ungleiches gleich, wenigstens vergleich- und verrechenbar.

Werte machen Perspektiven vergleichbar; Werte (wie zum Beispiel Aufrichtigkeit, Konsequenz, Authentizität) lassen Sphären, die an sich getrennt scheinen, miteinander konvertibel werden (beispielsweise die ökonomische Sphäre mit der politischen oder der ästhetischen); sie bedeuten eine Vervielfältigung möglicher Lebensentwürfe und brechen damit die überbordenden Geltungsansprüche einzelner Sphären und ihrer Leiturteile. Im Falle der spätmodernen Marktgesellschaft heisst das: Werte können zum Beispiel das Überwuchern und den Universalitätsdünkel eines allenthalben verbreiteten ökonomistischen Optimierungskalküls und seiner trivialen Zweckrationalität eingrenzen.

Werte sind bedingt und gemacht

Anders als beim Geld allerdings ist die Wertschöpfung im Sinne der Erschaffung von Werten und Wertbindung kein Privileg einer kleinen Gruppe; jeder und jede kann Werte schöpfen. Der Wert der Werte liegt Sommer zufolge eben gerade in ihrer Vielfalt und Auseinandersetzung im Gegensatz zu einem monolithisch Guten; Werte werden so auch zu einem skeptischen Medium, ein Medium der Neutralisierung, des Vergleichs, auch der Kritik. Das heisst aber ebenfalls: Werte gelten relativ. Der Geltungsanspruch eines ökonomischen Werts, also eines Preises, ist beschränkt und bedingt, der Preis zeigt aktuelle Knappheiten an und das gegenwärtige Verhältnis von Angebot und Nachfrage.

Mit Blick auf die Gruppe von Werten hingegen, die als «moralische» Werte firmieren, wird im Gegensatz dazu gern und regelmässig ein Universalitätsanspruch erhoben. Dazu sagt Andreas Urs Sommer: Wenn Werte nicht nur Geltung, sondern auch Geschichte haben, ist ihre Unbedingtheit mehr als fraglich. Werte sind vielmehr bedingt und gemacht; sie sind geschichtlich, veränderbar und endlich. Dazu gehört, dass auch moralische Werte (genau wie ökonomische) sich im Fluss befinden, Grenzen und Mittelpunkte verändern, entstehen, untergehen. Das ist auch gut so, denn absolute Werte lassen sich nicht operationalisieren, nicht in Beziehung setzen zu nichtabsoluten Handlungen in einem nichtabsoluten Leben.