Der Segen der Blasiertheit

Und ein Wörtchen zur Mikroaggression.

Die Dinge erscheinen dem Blasierten in einer gleichmässig matten und grauen Tönung, keines wert, dem anderen vorgezogen zu werden: Passantin in Paris. Foto: LuxFactory (Flickr)

Die von mir andauernd zitierte amerikanische Essayistin und Zeitkritikerin Fran Lebowitz hat es mal wieder auf den Punkt gebracht, meine Damen und Herren, und zwar mit den Worten: Donald Trump sei «a poor person’s idea of a rich person». Also: Ein reicher Mann für Arme. So wie das Musical die Operette für Arme ist, die wiederum die Oper für Arme ist. So wie das Dschungelcamp Fernsehen für Arme ist. Oder Monique Schwitter eine Schriftstellerin für Arme.

Auch wenn das jetzt für Sie eventuell ein wenig mikroaggressiv klingt. Was ich nicht hoffe. Dass Sie die gerade ziemlich modische Brandmarkung «mikroaggressiv» überhaupt jenseits von Ironie verwenden, meine ich. Es folgt eine wichtige Mitteilung, die niemanden, der mich kennt, überraschen wird: Ich habe ein Problem mit dem Konzept von Mikroaggression.

Denn was bitte soll das sein? Ausser einer ausufernden Externalisierung der eigenen Empfindlichkeiten? Wer zum Beispiel beim Gang durch die Stadt bereits den Blick oder Gesichtsausdruck seines Nächsten als Ausdruck einer diskriminierenden Mikroaggression versteht, die ihn selbst in seinem Wesenskern angreift, sollte Georg Simmel lesen. Simmel, Soziologe aus Berlin, war vor rund hundert Jahren Mitbegründer der Stadtsoziologie, also eines Zweigs der Wissenschaft, der sich systematisch jenen psychologischen Grundlagen widmete, auf denen die Typen grossstädtischer Individualitäten sich erheben. Eine von Simmels Grundideen war: Die Evolution schreitet fort, auch das Individuum entwickelt sich weiter, und das typisch urbane Individuum zum Beispiel zeigt einen unverkennbaren Zug der Blasiertheit als Wappnung gegen eine Steigerung des Nervenlebens, die aus dem raschen und ununterbrochenen Wechsel äusserer und innerer Eindrücke hervorgeht.

Abstumpfung gegen die Unterschiede der Dinge

«Es gibt vielleicht keine seelische Erscheinung, die so unbedingt der Grossstadt vorbehalten wäre, wie die Blasiertheit», schreibt Simmel. Und weiter: «Sie ist zunächst die Folge jener rasch wechselnden und in ihren Gegensätzen eng zusammengedrängten Nervenreize, aus denen uns auch die Steigerung der grossstädtischen Intellektualität hervorzugehen schien; weshalb denn auch dumme und geistig unlebendige Menschen nicht gerade blasiert zu sein pflegen. (…) Das Wesen der Blasiertheit ist die Abstumpfung gegen die Unterschiede der Dinge, nicht in dem Sinne, dass sie nicht wahrgenommen würden, wie von dem Stumpfsinnigen, sondern so, dass die Bedeutung und der Wert der Unterschiede der Dinge und damit der Dinge selbst als nichtig empfunden wird. Sie erscheinen dem Blasierten in einer gleichmässig matten und grauen Tönung, keines wert, dem anderen vorgezogen zu werden.»

Soweit Herr Simmel. Also: Vor dem nächsten spätmodernen Aufschrei vielleicht mal in die Klassiker schauen. Das war nicht mikroaggressiv, nur blasiert. Natürlich kann man bei jeder psychologischen Einschätzung auch daneben liegen. So wie, leider, meine Heldin Fran Lebowitz, als sie damals konstatierte, Trump könne niemals Präsident werden, denn: «Dafür gibt es hier eine Idee zu wenig Schwachköpfe.»

2 Kommentare zu «Der Segen der Blasiertheit»

  • Jean Paul sagt:

    Das Konzept der Coolness konnte Simmel nicht kennen. Ansonsten hätte er seine Analyse womöglich korrigiert. Oder vielleicht ist die Coolness auch der genuin amerikanische Beitrag zum Grossstadtleben und konstituiert somit den nächsten evolutionären Schritt. Jedenfalls bietet sie die bessere Alternative zur Blasiertheit: Wie dem Blasierten, kann die grosse Reizflutung dem Coolen nichts anhaben; doch anstatt in Gleichgültigkeit zu ermatten, wendet letzterer seine Leidenschaft nach Innen und ist fähig, die Intensität der Begegnungen mit der Aussenwelt selbstbestimmt zu steuern.

  • Henry sagt:

    Für Simmel wäre das heutige Berlin unvorstellbar gewesen. Das Fallieren des (Groß-) Bürgertums, das uniforme Leben bis ins tiefste Private nach vorgeplapperten Ideologien marginalisierter Politkomparsen, wer auch immer deren Einflüsterer sind. Uniformität als neue Individualität…Sei’s drum, was hier euphemistischer Weise als „Coolness“ beschrieben wird ( für jeden Anglizismus wünsche ich jenem, der ihn gebraucht, nochmals 2 zusätzliche Jahre am ewigen Höllenfeuer…) ist eher eine Art intellektueller Indolenz. Und ja, Blasiertheit bedingt Wissen und Bildung, die Fähigkeit zum Erkennen des Wahren, Schönen und Wichtigen, zur Distinktion und wird oft mit Arroganz verwechselt.

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