Das verheerte Publikum

Zu viel Demokratie in der Kultur?
Konzertsäle ziehen zuviele Lieschen Müllers an: Zum Beispiel in der neuen Elbphilharmonie in Hamburg, Foto: Fabian Bimmer (Reuters)

Konzertsäle ziehen zu viele Lieschen Müllers an: Zum Beispiel die neue Elbphilharmonie in Hamburg, Foto: Fabian Bimmer (Reuters)

Es gibt einen HBO-Dokumentarfilm von Martin Scorsese über die von mir verehrte amerikanische Essayistin Fran Lebowitz, meine Damen und Herren. Der Titel dieses Films ist «Public Speaking», und ich empfehle ihn Ihnen nachdrücklich. In diesem filmischen Essay sagt Fran Lebowitz viele kluge und geistreiche Sachen, zum Beispiel: «Für New Yorker ist Times Square das, was in den Siebzigern eine Schwulenbar war: Man braucht eine Entschuldigung, wenn man dort erwischt wird.»

Schlechtes Publikum statt schlechter Kunst

Frau Lebowitz stellt ausserdem etwas sehr Interessantes fest, nämlich dass die Qualität des kunstrezipierenden Publikums abgenommen habe. (Üblicherweise wird ja eher konstatiert, dass die Qualität der angebotenen Kunstwerke zu wünschen übrig liesse.) Und sie liefert, in leicht verschlüsselter Form, auch gleich einen möglichen Grund dafür: «Es gibt viel zu viele Bücher heutzutage, und die Bücher sind fürchterlich, und dies liegt daran, dass den Leuten erklärt worden ist, sie müssten mehr Selbstvertrauen haben.»

«Public Speaking»-Trailer. Quelle: Youtube

Gemeint ist: Wenn Lieschen Müller (oder Monique Schwitter) im Rahmen des allgegenwärtigen spätmodernen Kreativitätsdispositivs das Gefühl vermittelt wird, sie müsse ihre künstlerischen Ambitionen nicht nur ernst nehmen, sondern auch umsetzen, werden wir eben mit Hervorbringungen überhäuft, die bestenfalls mittelmässig sind.

Oder, noch allgemeiner: Möglicherweise verfügt der spätmoderne Mensch gar nicht mehr über Publikumsqualitäten. Selbstrücknahme. Zuhören. Mund halten. Diese Qualitäten gehen verloren, denn alle wollen auf die Bühne. Wenn aber alle auf der Bühne sind, wer soll dann noch das Auditorium stellen? Auf dieses Problem zielt Fran Lebowitz, wenn sie sagt: «Es gibt heute zu wenig Demokratie in der Politik – aber zu viel in der Kultur.»

Hustenreiz im Konzertsaal

Zum Thema passt ein unlängst in der «Financial Times» (FT) erschienenes Stück, das sich mit den sinkenden Publikumsmanieren befasst. Publika werden offenbar immer lauter und ruppiger heutzutage: Johlen, Schwatzen, Texten, Selfies – und immer aggressiveres Husten. Die FT zitiert eine Studie, nach der in Konzertsälen Huster signifikant häufiger auftreten als irgendwo sonst auf der Welt. Sie sind eine Form der Kommunikation innerhalb des Publikums, das an seiner Ambivalenz leidet: Einerseits ist es zur Regungslosigkeit verdammt (bis auf sanktionierte Regungen wie Beifall und Gelächter). Andererseits ist Lieschen Müller es aber im spätmodernen Alltag gewohnt, wenigstens der Star ihres eigenen Instagram-Accounts zu sein. Und wenigstens Starkritikerin bei Uber und Amazon.

Mit anderen Worten: Der spätmoderne Mensch ist konditioniert, dem vulgärnarzisstischen Reflex zu folgen, wonach ein Ereignis nur relevant ist, wenn es das eigene Ich involviert. Oder, in Abwandlung eines bekannten Diktums von Karl Kraus: Was mich nicht trifft, trifft auch nicht zu. Wieso also sollte sich Lieschen nun plötzlich im Auditorium der Philharmonie mit ihrer Selbstdarstellung und Kritik zurückhalten? Das führte nur zu unaushaltbaren Rollenkonflikten. Über die kann Lieschen dann ein Buch schreiben. Zur Not im Self Publishing, wenn sich sonst keiner findet. Der Lärmpegel steigt.