Das Böse an sich

Über Technik und Gewalt.

Opfergabe für das Monster: Simon (James Badge Dale) und der Schweinekopf in der zweiten Verfilmung von «Lord of the Flies» aus dem Jahr 1990. Foto: PD

Was ist ein sogenannter Klassiker der Literatur, meine Damen und Herren, was zeichnet ihn aus? William Goldings Roman «Herr der Fliegen» von 1954 ist unlängst in neuer deutscher Übersetzung erschienen, eine Robinsonade, die uns zeigt, wie schnell Kultur und Zivilisation den Bach runtergehen. Wie zügig die Einhegung des Barbarischen in der menschlichen Psyche brüchig wird, wie rasch der dünne Firnis der Zivilisation abfällt und die Fratze des Bösen sehen lässt.

Golding ist der Anti-Rousseau und erklärt seinen Lesern so eindrücklich wie unumstösslich: Der Mensch ist nicht gut. Nichts mit Wahlfreiheit und Perfektibilität. Vernunft und Vernünftigkeit sind nur eine täuschende Oberfläche, die den Abgrund des ontologischen Bösen verdeckt. Sobald die Institutionen schwach werden, kommt die Bestie zum Vorschein, und dann trifft es zuerst die Schwachen, so wie in «Herr der Fliegen» Piggy, den dicken Jungen mit der Brille. Gerade ist in den USA ein Herr zum Präsidenten geworden, der wohl der Erste wäre, der sich mokieren würde über einen dicken Jungen mit Brille, der Vernünftigkeiten von sich gibt.

Zeitlose Botschaft, schockierende Aktualität

Wenn man die Idee des ontologischen Bösen verbindet mit den Einsichten und Erkenntnissen des jüngst verstorbenen Soziologen Zygmunt Bauman, dann ist «Herr der Fliegen» von geradezu schockierender Aktualität – und die Zeitlosigkeit der Botschaft ist ein Kriterium, was einen Klassiker auszeichnet. Die Studien von Zygmunt Bauman über die rationalisierte Irrationalität der Moderne lassen sich zur Deutung unserer Ära, der Spätmoderne, mühelos fortschreiben: Baumans Schlüsselwort heisst Adiaphorisierung. Mit diesem Begriff bezeichnet er die moralische Abstumpfung und ethische Verwahrlosung des Menschen durch Technologien. Wenn Technologien sich verselbstständigen, werden sie zu Agenten der ethischen Desensibilisierung. Sie stellen sich vor den Menschen, sie verhindern die Unmittelbarkeit von Erfahrung und damit Menschlichkeit. Darin liegt die Ambivalenz der Moderne, die Dialektik der Aufklärung.

Der Soziologe Ulrich Beck hat in einer Laudatio auf Bauman daran erinnert, dass diese Ambivalenz heute in der barbarischen Gewalt des IS zum Vorschein komme: Vormoderner Fanatismus und hypermoderne Technik. Die Verbindung ist überaus destruktiv. Gucken Sie mal ins Internet.

Die Verbindung von Idylle und Hölle

Doch nicht nur die Zeitlosigkeit seiner Botschaft erhebt ein Kunstwerk zum Klassiker; auch die Brillanz seiner Form. Die liegt beim «Herr der Fliegen» nicht zuletzt in der Verbindung von Idylle und Hölle: Lyrische Landschaftsbeschreibungen eines Südseeparadieses, die subtextuell Gewalt suggerieren. Wenn es zum Beispiel heisst, der im gleissenden Sonnenlicht liegende Strand sei «so sauber wie eine blank gescheuerte Klinge» – dann wird in diesem grossartigen Bild die unausweichliche Schicksalhaftigkeit der griechischen Tragödie vorweggenommen, mit der das Unheimliche, Böse, Destruktive diese Südseeinsel in Besitz nehmen wird, bis bei den auf ihr Gestrandeten von der Konditionierung durch die Zivilisation nahezu nichts mehr übrig ist.

4 Kommentare zu «Das Böse an sich»

  • Meinrad sagt:

    Wir diskutierten kürzlich angeregt über den Begriff des Schicksals, wie diesen Dr. Tingler verwendet. Ich sagte, ich hätte etwas gegen diesen Begriff, weil diesem Mythos (Parzen, Moiren), Vorsehung und Prädestination anhaften. Im Zusammenhang mit der griechischen Tragödie (wie im Text) ist das zwar berechtigt. Aber in unserer Zeit? Wir kamen dann auf das Determinierte im Leben zu sprechen: Die Umstände der Geburt, die Kindheit und das Milieu bestimmen den Weiterlauf des Lebens, ohne dass wir einen Einfluss darauf (gehabt) hätten. Ist nun das Schicksal eine Retrospektive auf das bisherige Leben mit allem Guten, Bösen und Übel? Oder ist das Schicksal nur eine Sprechweise? („Schicksalhaftigkeit“ im Text deutet in diese Richtung.) Oder existiert das Schicksal als übernatürliche Entität?

  • Reto Stadelman sagt:

    Etwas off topic, aber es ist ebenfalls ein Klassiker der uns stetig daran erinnert, dass der Mensch böse ist: Der Melierdialog.
    „Recht könne nur zwischen gleich Starken gelten, bei ungleichen Kräfteverhältnissen tue der Starke, was er könne, und erleide der Schwache, was er müsse“.
    Für mich war das immer irgendwie schockierend. Ich verstehe es, halte es aber für böse. Ein denkendes fühlendes Wesen sollte in der Lage sein, eben genau nicht so handeln zu können. Doch die Realität holt uns immer wieder ein, genau so wie Lord of the Flies…

  • Rolf Rothacher sagt:

    „moralische Abstumpfung und ethische Verwahrlosung“
    Nein, beides gleichzeitig ist gar nicht möglich, ausser, es käme zu einem Kampf, bei dem nur noch 1 Person „auf Erden“ übrig bliebe, d.h. eine Vermehrung nicht mehr möglich. Die Moral funktioniert in jeder kleinen Gruppe wie z.B. eine Familie wunderbar. Sie hält zusammen und Gerechtigkeit braucht sie nicht. Das ist beim IS genauso der Fall, wie in „Herr der Fliegen“. Nur grosse Gruppen, Völker, Nationen usw. benötigen die Ethik, die auch stets gerecht ist. Nur dank der Ethik können ansonsten fremde Menschen miteinander auskommen/leben.
    Donald Trump setzt auf Moral (Abschottung der USA zum einzigen Vorteil der Amerikaner). Damit setzt er jedoch keinen Trend, denn die Stärkung der Moral ist überall längst in Gang gekommen (leider).

  • Meinrad sagt:

    Ein Nachtrag zu Tante Wiki; ich ziehe für meine Angebereien meine Bibliothek vor. Da heisst es doch bei Wiki zu Ralph, dem gewählten und ordentlichen Anführer der einen Gruppe in „Lord of the Flies“ von William Golding, Ralph stamme vom althochdeutschen Radulf („rad“ oder „rat“, d. h. der Rat, der Ratschlag, der Ratgeber; „ulf“ (Wulf), d. h. der Wolf), etwa in der Bedeutung: „ein mächtiger Ratgeber“. Aber mein Vorname, stammend von megin-rat, heisst auch „mächtiger Ratgeber“, wie es schon in der griechischen Übersetzung des Alten Testaments beim Propheten Jesaja (9,5) heisst: „καὶ καλεῖται τὸ ὄνομα αὐτοῦ Μεγάλης βουλῆς ἄγγελος“, transskribiert: „kai kaleitai to onoma autou Megalès boulès angelos“, übersetzt: „und er [der Messias] heisst Botschafter des mächtigen Rates“. 🙂

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