Ruin der Popkultur

Die kulturelle Linie von Orenthal J. Simpson zu Donald J. Trump.
(Bild: Reuters / Montage Nathalie Blaser)

Extremistischer Entertainer nach dem Muster des Reality-TV: Donald Trump. (Bild: Reuters/Montage Nathalie Blaser)

Konsum ist auch Medienkonsum, meine Damen und Herren, und Medienkonsum wiederum ist eine popkulturelle Praxis, und hier nun lautet die Frage: Hat der popkulturelle Verfall Donald Trump ins Weisse Haus getragen? Trumps oberstes Ziel scheint nicht die Politik, auch nicht einmal das Gewinnen, wie manche psychologischen Sachverständigen erklärten, sondern schlicht: Resonanz. Und seine gesamte Scheusäligkeit, wie Karl Kraus sagen würde, entfaltet sich vor dem Hintergrund dessen, was zahlreiche Kommentatoren des Feuilletons das sogenannte «postfaktische Zeitalter» nennen – oder «post truth politics». Damit ist gemeint, dass das, was man früher «die Wahrheit» nannte, nun keine relevante Kategorie mehr im politischen Geschäft darstellt. Stattdessen geht es um den emotionalen Rückzug in die eigenen Selbstbestätigungsmilieus und in die Filterblasen und Echokammern des digitalen Raums, wo Meinungen für Wahrheiten und Gefühle für Fakten gelten.

Der Kardashian-Hilton-Housewives-Komplex

Trump ist, wie Fritz Stern gesagt hätte, unamerikanisch gehässig, ein 140-Zeichen-Demagoge, ein extremistischer Entertainer nach dem Muster des Reality-TV. Und hier nun würde ich gerne auf eine kulturelle Linie hinweisen, die mir bei all dem Trump-Geplapper, das wir seit Wochen hören, viel zu wenig gewürdigt wird: Trump ist nicht zuletzt eine Erscheinung, ein Auswuchs und bisheriger Kulminationspunkt jener sogenannten Celebrity Culture, die vor über 20 Jahren mit dem O.-J.-Simpson-Prozess begonnen hat. Es führt eine direkte kulturelle Linie von Trump zu O. J. Simpson. Beziehungsweise umgekehrt. Der O.-J.-Simpson-Prozess wird in Europa jenseits des spektakulären Freispruchs, mit dem er endete, immer noch nicht als jene entscheidende popkulturelle Wegmarke gewürdigt, die er war: ein Inauguralereignis, das die Grenzen zwischen Celebrity und Infamy aufhob. Und damit die amerikanische Popkultur ruinierte.

An den kulturellen Folgen tragen wir noch heute. Der gesamte Kardashian-Hilton-Housewives-Komplex ist den qualmenden Trümmern des Wracks entstiegen, das der O.-J.-Prozess war. Vor dem Simpson-Prozess hatte Berühmtheit mit Bedeutung und Besonderheit zu tun, danach mit: Präsenz und Selbstzurschaustellung; jedenfalls in der Liga der sogenannten Realitystars. Also jener Chargen, die dafür bekannt sind, dass sie vermeintlich «sie selbst» sind. Wie Trump. Trumps Hauptargument für sich selbst ist, er sei: er selbst. Dass er «er selbst» sei, war ebenfalls eines der Hauptargumente, das seine Unterstützer und er selbst anführten, ihn zu wählen. Trump trat ja nicht wirklich für eine Partei an; er kandidierte vielmehr für: sich selbst.

Ein Defizit an Kultur

Sie kennen das alte Diktum: «Politics is showbiz for ugly people», aber jetzt sind wir noch einen Schritt weiter: Der gesamte Präsidentschaftswahlkampf erscheint als Reductio ad absurdum einer Kultur der Prominenz, wo sämtliche Prinzipien des Realityfernsehens Anwendung fanden, die den spätmodernen Medienkonsum zu dominieren scheinen: Verkürzung, Dramatisierung, die Besessenheit mit der Erscheinung, zweite Chancen, Ego, Zwang und Ehrgeiz, Defizite an Scham und Geschmack. Leicht snobistisch gewendet, könnte man sagen: Es offenbart sich ein Defizit an Kultur.

Kulturell gesehen, wird Donald Trump ja quasi als sekundärer Analphabet gehandelt. Er ist der Celebrity President, der Präsident einer globalen postindustriellen Popkultur, deren Auffassung von «Celebrity» anscheinend keine Transzendenz mehr kennt, keinen jenseitigen Funken, keine übersinnliche Beigabe; in ihrem Zentrum steht nichts, was nicht rein menschlich wäre. «Celebrity» ist im Grunde mit «Sichtbarkeit» identisch geworden. Man hat nur das, was man sieht. Deshalb kann auch niemand sagen, was von Präsident Trump zu erwarten ist. Ausser Eitelkeit.