Konsum und Sehnsucht

Am Beispiel der zivilen Luftfahrt.
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Hochburg der Euphemismen: Die Luftfahrt. Montage: Nathalie Blaser

Ich bin, wie Sie wissen, ein Freund der zivilen Luftfahrt, meine Damen und Herren, und bitte schreiben Sie mir jetzt deswegen keine Briefe, danke. Ich habe in diesem Magazin an anderer Stelle auch schon die Neigung der Luftverkehrsindustrie zu Euphemismen gewürdigt. Eine Branche, die in den letzten Dekaden einerseits einen unerhörten Niveauverlust hinzunehmen hatte und andererseits noch immer von einer vergangenen Aura des Glamours und der Exklusivität zu zehren versucht. Gerade in dieser zivilen Luftfahrt also findet man derlei Verhüllungen und Beschönigungen häufig. Ein ganz famoses Beispiel bildete neulich eine Durchsage am Flughafen Zürich, mit der sich eine Fluggesellschaft für den verspäteten Abflug ihrer Maschine wie folgt entschuldigte: «Der Grund für diese Verspätung ist eine verspätete Ankunft des Flugzeuges.» Mit anderen Worten: «Wir sind zu spät, weil wir zu spät sind.»

Suche nach dem ursprünglichen Zustand

Oder neulich, in einer Lufthansa-Maschine vor dem Start in Washington, war folgende Durchsage zu hören: In der Premium Economy seien noch Plätze frei, man könne gegen Aufpreis direkt vor dem Start wechseln. «In dieser exklusiven Klasse kommen Sie in den Genuss eines erweiterten Produkterlebnisses», versprach die Purserette den sehnsüchtigen Insassen der Economy Class durch das Mikrofon – und enthüllte damit, vermutlich ohne es vorzuhaben, sehr schön zwei kategoriale Merkmale der spätmodernen Konsumgesellschaft: 1.) Die an sich befriedende Vorstellung von einer mit vielen materiellen Gehalten aufgeladenen Multioptionsgesellschaft, die von der Konsumentensouveränität getragen und entwickelt wird. 2.) Die konsumistische Umsetzung des archaischen Sehnsuchtsmotivs der Passung von Ich und Welt. Denn um den Menschen als solchen ist es ja folgendermassen bestellt: Er ist als Geschöpf herausgetreten aus der Harmonie mit der Natur und beständig bestrebt, diese vermeintliche ursprüngliche Einheit auf höherer Ebene wieder herzustellen. Dazu dient nun nicht zuletzt der Konsum, auch gerade der Konsum von Dienstleistungen beziehungsweise «Erlebnissen», von der Sehnsucht befeuert, einen idealen Zustand (wieder) herbeizuführen. Dabei jedoch wird übersehen, dass die Eigenheit von Idealen gerade darinnen besteht, Sinn zu verheissen, aber auch Verheissung zu bleiben.

Verweigerte Erfüllung

Paradoxerweise damit in Einklang steht, worauf der Kulturwissenschaftler Wolfgang Ullrich hingewiesen hat: Dass dieselben Konsumprodukte die Erfüllung von Wünschen verheissen und verweigern. Zum Beispiel Anti-Ageing-Produkte. Ohne dass damit meinerseits ein Urteil über die Lufthansa Premium Economy verbunden wäre. Die Klasse ist mir unbekannt.

6 Kommentare zu «Konsum und Sehnsucht»

  • Steff sagt:

    „premium economy“ – you made my day!!

    • Henry sagt:

      Ist das nicht ein Oxymoron ? Naja, der in die sartorialen Niederungen abgestiegene Dr. Zetsche klebt ja auch an einige seiner S-Klassen Modelle mittlerweile Maybach-Embleme. Sei’s drum, die Beine der Damen auf dem Bild sind doch recht hübsch…..

  • Kristina sagt:

    Ja, da könnte man sofort an einen Scherenschnitt denken, wenn da nicht die Hörner wären. Dabei ist es ein Bild aufgenommen aus der Perspektive eines Herrn Donald J. Trump. Sehen Sie das Brett?

  • Meinrad sagt:

    Der Sinn oder die Erfüllung von Wünschen wird nicht nur verheissen, sondern beim Verbraucher durch die Hohenpriester des Marketings und den Gruppendruck überhaupt erst geweckt. Die damit verbundene Nicht-Erfüllung der Verheissung oder die Verweigerung der Erfüllung von Wünschen ist unabdingbar, um wieder (zum Teil vermeintlich) neue Produkte oder Erlebnisse zu verkaufen. Die Verheissung hiess früher ewige Seligkeit im Jenseits. Dann sprach man von Transzendenz. Aber das Höhere oder das Übersteigende mit der Sehnsucht, „einen idealen Zustand (wieder) herbeizuführen“, finde ich persönlich beim Güterverbrauch (Konsum) bezogen auf das Geistige etwas übertrieben, auch wenn anschliessend die Einschränkung gemacht wird, dass das Verheissene Verheissenes bleibe.

  • SrdjanM sagt:

    Stichwort „Symbolbild“, war da nicht was mit „Die schönen Beine der Frauenquote“…

  • Friedrich Klein sagt:

    Verehrter Herr Doktor. Wie Sie ja bestimmt auch schon wissen, ist alles in der Welt Torheit nur nicht die Heiterkeit.

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